Dennis Johnson, 1949 in München als Sohn eines Besatzungsoffiziers geboren, ist bei uns durch seinen Roman "Angels", seine Erzählungen "Jesus Son" und vor allem durch das schmale Bändchen und große Meisterwerk "Train Dreams" bekannt geworden. Mit seinem fast 900 Seiten langen packenden Roman Ein gerader Rauch" schickt er den Leser nun in den Krieg und zwar nicht in den Irak Krieg, was zu erwarten gewesen wäre, sondern in den Vietnam Krieg. Weil dieser Krieg schon eine Weile her ist, eignet der sich gut als Metapher für den Irrsinn des Krieges, für den Verlust der Unschuld, für die Verlorenheit und auch für das Ende der Einsamkeit. Es war ein Krieg, der die Menschen versehrt und traumatisiert hat.
Der Vietnam Krieg ist vielfach beschrieben, deshalb ist es ein gewagtes Buch, doch Johnson nimmt die bekannten Versatzstücke neu und formt daraus seine ganz großen Themen, das heißt, bei ihm geht es um das Profane und das Mythische und wenn er über Angst, Brutalität, Verlorenheit, Zerstörung und Verlust der Menschenwürde schreibt, dann geht es ihm um Politik, Verdammnis, Gott und Erlösung.
Es gibt eine fulminante Eingangsszene, die grandiose ins Mark gehende Affenszene. Diese unglaubliche Episode kommt auf Seite zwei oder drei, als ein Soldat im Dschungel einen Affen erschießt. Er beschreibt den weinenden, angeschossenen, lebensgefährlich verletzten Affen und diesen erst 18 jährige Jungen, der auf den Affen geschossen hat, ihn nun qualvoll verenden sieht und sich wünscht es möge schnell vorbei sein. Der junge Soldat geht aus dem Dschungel heraus, kehrt zurück und stellt fest, dass der Affe weg ist. Nach dieser aufwühlenden Szene kommt zunächst erst einmal eine Durstsrecke.
Die Protagonisten sind "Skip" Sands, ein CIA Spion in der Ausbildung für den Einsatz in Vietnam, sein Onkel, ein geheimnisvoller, umstrittener, legendärer CIA Agent, die schillerndste Figur des Romans, der seinen Neffen nach Vietnam gelockt hat. Mit ihnen reist der Leser in das Herz der Finsternis, zwanzig Jahre lang an Orte grauenvoller Schlachten und Orte tiefster Erschütterung und Enttäuschung. Die Schauplätze sind Arizona, Vietnam, Manila, Kuala Lumpur, Dschungellandschaften und Bordelle. Es geht um Tod und Sex, und der Leser lernt die mörderische Unwissenheit der Amerikaner in diesem Krieg kennen. Und immer wieder ist es der Verlust der Unschuld.
Es ist kein Kriegsroman, weil Johnson vom Krieg selbst sehr wenig beschreibt. Wenn man normalerweise sagt, dass der Krieg die Menschen kaputt macht, dann hat man hier eher den Eindruck, der Krieg findet statt, weil die Menschen kaputt sind, in einer Gesellschaft, die zwar die Hoffnung noch nicht verloren hat und sich deshalb durch ständiges religiöses Suchen auszeichnet. Natürlich sind da auf der anderen Seite auch diese jungen Menschen, die in den Krieg getrieben werden, in den Krieg ohne Vorbereitung hineingeworfen werden, und überhaupt nicht wissen was sie da alles erwartet. Die Unschuld, die sie besitzen, verlieren sie endgültig in diesem Krieg aus dem sie nicht schadlos heraus kommen. Es gibt kein nach dem Krieg mehr, sie finden nicht mehr ins zivilisierte Leben zurück, sind für die normale Welt, für eine Welt in Frieden verdorben.
Die Dschungelgeschichte, insbesondere die Dschungelwanderung am Schluss, mit all den Riten, den wunderbaren Naturbeschreibungen und ihrer ganzen Rätselhaftigkeit ist grandios beschrieben. Eigentlich wird das ganze Buch für den Leser, bewusst oder unbewusst, zu einem Dschungel, denn oft weiß man gar nicht, wo man sich gerade befindet, hat alle Mühe sich in dem Buch zu orientieren. Man muss sich förmlich den Weg durch das Dickicht frei schlagen, um überhaupt den Weg zu finden. Nicht nur das Personal ist im Dschungel, Johnson plaziert auch ihre Seelen bildlich in einen Dschungel.
Denis Johnson erzählt in einem immer wieder faszinierenden, gnadenlosen Berichterstatter Ton, wie eine bestimmte Schicht von Männern Ruhm, Geld, Glauben und Zerstörung in einer solchen Kriegssituation suchen, damit möglicherweise einen vorhandenen inneren Mangel befriedigen, weil sie dies alles im normalen Leben nicht ausleben dürfen.
Eine spannende Figur und eigentlich die einzige Frau in diesem Männerroman ist die Kanadierin Kathy, eine Krankenschwester, die nach dem Tod ihres Mannes sich auf eine Affäre mit "Skip" Sands einlässt. Sie ist immer bemüht Unbescholtenheit, Makellosigkeit zu bewahren und mit ihrem letzten Satz: "Alle werden erlöst", drückt sie die Hoffnung aus, dass der Mensch vielleicht doch keine Fehlgriff der Schöpfung ist.
Es ist ein absolut mehrspuriges Buch, in Jahreskapiteln aufgebaut, mit einer unglaublichen Fülle von Geschichten, von Personal und von Schauplätzen. Es ist aber auch ein Buch voller Traurigkeit, voller Rätselhaftigkeit, voller Symbolik, voller Mythen, voller fesselnder Dschungelbeschreibungen, ein Buch von unendlicher Brutalität und ungeheurer Hoffnungslosigkeit, vielleicht aber auch von unzerstörbarerer Hoffnung.
Unterm Strich ein großes, schlichtes und ergreifendes Werk, dass eine gewaltige Leseleistung verlangt. Grandios und gnadenlos erzählt, zieht es den Leser in seinen Bann und lässt ihn atemlos lesen.