Die junge Frau auf dem Foto lächelte. Es war ein strahlendes Lächeln, warm und betörend wie ein junger Sommertag, der zauberhaft schön zu werden versprach.
Sie trug Jeans und eine Baumwollbluse in sportlichem Vichykaro und saß auf dem Rücken eines rassigen Palomino-Hengstes. Ihre grünen Augen zeigten den Ernst und die Reife einer sehr viel älteren Frau, dabei umspielte ein mädchenhaft bezauberndes Lächeln ihre leicht geöffneten Lippen. Ihr Gesicht glühte vor Eifer, dass sich Daniels Hand unwillkürlich fester um das Foto krampfte. »Hmmm, sehr hübsch.« Er zwang sich zu einem beiläufigen Tonfall. »Was meinten Sie vorhin? Wie heißt die Kleine noch gleich?«
»Zilah Dabala.« Clancy Donahue lehnte sich zurück, seine eisblauen Augen wurden schmal. Er fokussierte den Mann, der in seinem Bürosessel hinter dem Schreibtisch saß. »Sie haben ihre Mutter vor zwei Jahren kennen gelernt, auf der Party bei Karim. Wissen Sie noch? Wir waren zusammen dort. Yasmin
Dabala ist seine Hausverwalterin und kümmert sich darum, dass seine sämtlichen Liegenschaften tipptopp in Schuss gehalten werden.«
»Ja, stimmt. Jetzt erinnere ich mich wieder an sie«, murmelte Daniel, sein Blick weiterhin nachdenklich auf das Foto geheftet.
Donahue hatte auch nichts anderes erwartet. Er wäre jede Wette eingegangen, dass Daniel Seifert nicht ein einziges Gesicht vergessen hatte, das ihm in den letzten zehn Jahren über den Weg gelaufen war. Der Mann hatte ein Elefantengedächtnis und erinnerte sich an jeden Vorfall, jede Kleinigkeit, und wäre sie auch noch so unbedeutend. Diese Fähigkeit war es nicht zuletzt, die Clancy schwer beeindruckt hatte. Immerhin hatten sie zwei Jahre lang eng zusammengearbeitet. Damals war Daniel verantwortlich für die Sicherheit in Sedikhan gewesen und quasi seine rechte Hand. Hinzu kam die tödliche Präzision, mit der sein erster Mann arbeitete, eine Waffe, die ihn unschätzbar wertvoll machte. »Yasmin ist eine sehr nette Frau und eine ganz patente Person. Sie macht sich große Sorgen um Zilah.«
»Sie sieht ihrer Mutter kein bisschen ähnlich.« Soweit Daniel sich erinnerte, war Yasmin eine attraktive Endvierzigerin mit olivfarbener Haut, rassig dunklen Haaren und Augen. Die Frau auf dem Foto hatte einen eher hellen, zart gebräunten Teint. Ihre auseinanderstehenden Augen waren leicht exotisch geschlitzt und von einem schönen, klaren hellen Grün. Ihr Haar war nicht dunkel, sondern aschblond, mit von der Sonne gebleichten Strähnchen, und fächerte sich wie ein goldschimmernder Vorhang um ihre Schultern.
»Ihre Mutter ist eine waschechte Sedikhan«, erklärte Clancy. »Zilah allerdings bloß mütterlicherseits. Sie ist jedoch eng mit den Mächtigen verzahnt, durch ihre Verbindung mit David Bradford.«
»Bradford?« Daniel riss den Blick von dem Foto und runzelte die Stirn. »Was zum Teufel hat Bradford damit zu tun?«
»Das mit Zilah und ihm ist eine lange Geschichte.« Clancy machte eine bedeutungsvolle Pause. »Sagen wir mal so. David hat eine Schwäche für die Kleine und sie folglich unter seine Fittiche genommen.«
»Ach nee?« Daniels Lippen verzogen sich zu einem zynischen Grinsen. »Und ich dachte, er ist schwer verliebt in seine Frau, dieses rothaarige Rasseweib.« Er betrachtete anerkennend nickend das Foto. »Tja, kann mir lebhaft vorstellen, dass etliche Männer für ein hübsches Ding wie Zilah eine Schwäche entwickeln. Aber ist sie nicht ein bisschen jung für Bradford?«
»Sie ist einundzwanzig, und sie ist keine ...« Clancy seufzte. »Hören Sie, ich hab keine Lust, Zilahs Verhältnis mit David zu diskutieren.«
Daniel zuckte wegwerfend mit den Achseln. »Ich hab auch gar kein Interesse an Bradfords Privatleben. Was geht mich das an? Von mir aus kann er es mit hundert Frauen treiben.« Er warf das Foto vor sich auf den Schreibtisch und bemühte sich krampfhaft, nicht auffällig darauf zu starren. Wieso zum Teufel faszinierte ihn das Mädchen auf dem Bild? Das war völliger Quatsch. Sie war hübsch, okay, aber die Khadim, die er letzte Nacht im Bett gehabt hatte, war bei Weitem attraktiver. Grundgütiger, als Clancy damit rauskam, dass sie Bradfords Geliebte war, war er regelrecht eifersüchtig geworden.
Er lehnte sich in das weiche Polster seines Sessels zurück und stemmte ein Knie gegen die Schreibtischkante. »Ich kann mir durchaus vorstellen, dass sie aufgrund ihrer Nähe zu Bradford ein brisanter Spielball für Terroristen wäre.« Daniel hatte David Bradford zwar nie persönlich kennen gelernt, er wusste jedoch, dass der Mann bei Scheich Alex Ben Raschid, dem herrschenden Monarchen von Sedikhan, und dessen Frau Sabrina einen Stein im Brett hatte. Und auch der alte Karim Ben Raschid, der frühere Herrscher, ließ nichts auf ihn kommen. »Hmmm, das heißt, wenn Bradford sich für seine kleine Freundin einsetzen wollte, bekäme er zweifellos grünes Licht von oben.«
Clancy nickte grimmig. »Da haben Sie verdammt nochmal Recht. David wäre genauso aufgebracht wie Yasmin, wenn er das mit der Entführung wüsste. Deshalb will Alex diese Geschichte aus der Welt schaffen, bevor David davon erfährt.«
Daniel hob fragend eine Braue. »Er weiß noch gar nichts davon?«
»Momentan ist er mit seiner Frau in Amerika. Billie musste nach New York fliegen, um dort einen Vertrag für ein Lied zu unterzeichnen, das sie geschrieben hat.«
»Und natürlich möchte der gute Alex nicht, dass bei seinem Freund der Haussegen schief hängt, bloß wegen dieser höchst unangenehmen Entführung«, versetzte Daniel süffisant.
Zwischen Clancys Brauen schob sich eine steile Falte. »Sagen wir mal so: Er will verhindern, dass David wegen dieser Geschichte Ärger bekommt. Verdammt, wieso hacken Sie eigentlich dauernd auf Davids Beziehung zu Zilah herum? Fassen Sie sich mal an Ihre eigene Nase. Sie sind weiß Gott kein Chorknabe, Daniel.«
»Mach ich gar nicht. Ich will bloß ...« Daniel brach ab. Was sein Boss sagte, stimmte. Er hackte auf David herum. Weil er die Vorstellung nicht verknusen konnte, dass Bradford mit der kleinen Beauty schlief, die ihn auf dem Foto anstrahlte? Er verstand sich selbst nicht mehr.
»Okay, okay«, ruderte er zurück. »Steht mir echt nicht zu, den ersten Stein zu werfen und an dem Typen herumzukritteln.« Er schlang die Arme um sein angewinkeltes Knie. »Dann mal los. Klären Sie mich auf. Bisher weiß ich bloß, dass vier Terroristen eine Maschine der Sedikhan Oil Company entführt haben und Zilah Dabala und den Piloten als Geiseln halten.