Aus der Amazon.de-Redaktion
Seit er 1972 seinen Klassiker, den Essay "Why They Aren't Writing the Great American Novel Anymore" veröffentlichte, hat Tom Wolfe seine schriftstellerischen Präferenzen laut und deutlich vorgebracht. Für den Musterknaben des New Journalism ist Minimalismus eine Pleite, wenn nicht gar eine Folge von Mutlosigkeit. Die wahre Aufgabe des amerikanischen Schriftstellers sei es, große Romane über gesellschaftliche Beobachtungen zu produzieren -- von der Sorte, die Balzac auftischen würde, hätte er sich ins Viagra-Zeitalter hinübergerettet. Wolfes Manifest hätte einen arroganten Klang, hätte er es nicht bereits 1987 mit
Fegefeuer der Eitelkeiten geschafft. Nun, mehr als ein Jahrzehnt später, ist er wieder da mit einem zweiten Roman. Ist der "Mann in Weiß" seinen eigenen Ansprüchen gerecht geworden?
In vielerlei Hinsicht müßte die Antwort "Ja" lauten. Wie sein Vorgänger ist Ein ganzer Kerleine Großleinwand-Arbeit, in der eine Vielzahl von Figuren an der gefetteten Stange des gesellschaftlichen Lebens hoch- beziehungsweise (rasch) an ihr herunterklettern. "In einem Zeitalter wie diesem", erinnert uns eine der Figuren, "im ausgehenden 20. Jahrhundert, war gesellschaftliche Stellung alles, und sie zu erringen, war das Schwierigste, was es gab". Wolfe hat ganz gewiß den Schauplatz geändert. Statt auf New York konzentriert er sich hier auf Atlanta, Georgia, wo der Kampf um Revier und Macht durch Südstaatenanstand zumindest leicht patiniert ist. Die Handlung dreht sich um Charlie Croker, einen egomanischen Südstaatler mit einem im Zerfall befindlichen Immobilienimperium am Hals. Aber Wolfes Aufmerksamkeit konzentriert sich genauso stark auf zwei Nebendarsteller: einen im sozialen Abstieg begriffenen Familienvater, Conrad Hensley, und Roger White II, afroamerikanischer Anwalt bei einer renommierten Kanzlei. Was diese Nebenhandlungen letztendlich zusammenführt -- und einen Feuersturm des Rassenhasses in Atlanta auszulösen droht --, ist die angebliche Vergewaltigung einer Debütantin durch Georgia Tech Football-Star Fareek "The Cannon" Fanon.
Eine detaillierte Inhaltsangabe der Handlung wäre natürlich in etwa so lang wie ein durchschnittlicher minimalistischer Roman. Nur soviel sei gesagt -- Ein ganzer Kerl ist voll von der Sorte hervorragender klassischer dramaturgischer Elemente, wie wir sie von Wolfe inzwischen erwarten. Eine Wachteljagd auf Charlies 29.000-Morgen-Plantage, ein Wichtigtuer-Abend im Sinfoniekonzert, eine politisch geladene Pressekonferenz -- der Autor setzt diese Szenen zusammen mit einer Freude, die sich rasch auf den Leser überträgt. Das Buch ist darüber hinaus sehr, sehr komisch. Die Anwaltskanzleien, wie die vornehme, erfolgreiche Fogg Nackers Rendering & Lean, könnten direkt von Dickens stammen, und Wolfe läßt sogar seinen Nebenfiguren, wie den Berufshinterwäldler Opey McCorkle, lebendig werden: In wahrer Opey-McCorkle-Manier erschien er zum Abendessen mit kariertem Hemd, karierter Krawatte, roten Filzhosenträgern und um seinen Schmerbauch einen großen, alten Ledergürtel, der aussah wie etwas, mit dem man ein Maultier anspannen könnte. Aber hier hatte er seinen sonst üblichen Schwall von schwülstiger Rhetorik gemischt mit Baker-County-Ismen abgelegt. Leser auf der Suche nach einem netteren, sanfteren Wolfe werden möglicherweise enttäuscht sein. Während er die (notwendige) Überlegenheit des Satirikers gegenüber seinem Sujet bewahrt, neigt er dazu, genau dann seine Überlegenheit zu verlieren, wenn er versucht, uns zu bewegen. Trotzdem, wenn es um die maximalistische Porträtierung der amerikanischen Szene geht -- und um reine Satz-für-Satz-Unterhaltung -- dann sieht es so aus, als ob 1998 tatsächlich das Jahr des Wolfes werden kann. --James Marcus
Neue Zürcher Zeitung
Ganze Kerle, halbes Vergnügen
Tom Wolfes neuer Roman
Die Namen, welche Massstäbe für die zeitgenössische amerikanische Literatur setzen, sind bekannt. Zu nennen wären etwa der grosse Gesellschaftsporträtist John Updike mit seinem extensiven und vergleichsweise zugänglichen uvre oder Philip Roths über scharfe Grate führende Erkundung jüdisch-amerikanischer Existenz; vor allem aber die Exponenten der literarischen Avantgarde: Don DeLillo, Thomas Pynchon und der im Dezember 1998 verstorbene William Gaddis. Zumindest die beiden letzteren führen nur wenige, allerdings meist gewichtige Titel in ihrer Bibliographie; und alle drei ähneln sich in ihrer Zurückhaltung gegenüber den heute gängigen Personality-Vermarktungsstrategien.
Wie ist es möglich, dass Tom Wolfe sich mit dem 1987 erschienenen «The Bonfire of the Vanities» (dt. «Fegefeuer der Eitelkeiten») einem zwar dem Zeitgeist der achtziger Jahre auf den nach Designermode lechzenden Leib geschriebenen, literarisch aber nicht überwältigenden Buch für seine neue Romanpublikation gleich viel Aufmerksamkeit sichern konnte, wie sie DeLillos fünfzig Jahre überspannendem soziohistorischem Panorama «Underworld» zuteil wurde oder der abenteuerlichen Exkursion durch Ideen- und Sprachwelt des 18. Jahrhunderts, die Pynchon mit «Mason & Dixon» unternahm? Wir möchten nicht davon ausgehen müssen, dass Wolfes emsige Imagepflege etwa seine Fixierung auf vanillefarbene Massanzüge allein den Mehrwert an Substanz, Imaginationskraft und Kunstvermögen aufwiegt, den jene anderen Autoren in ihr Schaffen einbringen.
Klischees und Redundanzen
Gewiss: Wolfes neuer Roman will sein, was man in Amerika als pageturner begrüsst, spannend, handlungsorientiert und mit aktuellen Themen versetzt. «Ein ganzer Kerl», wie das Buch in der deutschen Fassung heisst, legt die Schwelle in sprachlicher und erzähltechnischer Hinsicht wesentlich weniger hoch als die beiden eben genannten Romane und kann mit dem thematisch verwandten «JR» von William Gaddis einer Wirtschaftssatire, die schwindelerregender gebaut ist als die gewagteste Börsenspekulation schon gar nicht verglichen werden. Gegen ein Buch, das den Leser weniger hart fordert, wäre nun freilich nicht das geringste einzuwenden; irritierend wirken jedoch Wolfes Charaktere, die mehr oder minder fest in ihren Schablonen kleben, seine Armada von auf ihre sekundären Geschlechtsmerkmale reduzierten Frauenfiguren und die etwas vernutzte Strategie, mit der einen Hand anklagend auf die verrohte Sexualmoral unserer Zeit hinzuweisen und gleichzeitig mit der andern den Voyeurismus des Lesers zu alimentieren. Auf eher bemühende Art unterfordert fühlt man sich auch durch die zahlreichen Wiederholungen und Redundanzen, die das ohnehin umfangreiche Buch unnötig aufblähen.
Dazu trägt auch die Übertragung von Benjamin Schwarz das Ihrige bei: Möglicherweise unter dem Druck der Zeitnot hat sich der Übersetzer dafür entschieden, Wortspiele, Slang- oder Dialektphrasen auf englisch einzuschiessen und sie vorgängig oder nachher im deutschen Wortsinn wiederzugeben. Das entspricht zwar zumindest stellenweise dem Original, wo derartigen Elementen öfters auch die Standardvariante beigegeben ist; doch wirkt die Lösung im Deutschen insgesamt schwerfällig und wenig überzeugend.
Den Ehrentitel «ganzer Kerl» beansprucht im Roman der Immobilienentwickler (auch hier hätte mit «Generalunternehmer» eine elegantere Übersetzungsvariante zur Disposition gestanden) Charlie Croker: ein bulliger Sechzigjähriger mit ergreifend schlichten Idealen, die von einer Vorliebe für die Gemälde des populären amerikanischen Realisten Andrew Wyeth bis zur mit erklecklichem finanziellem Aufwand gepflegten Nostalgie für den Lebensstil der verblichenen Südstaatenaristokratie reicht. Dass die Verbindlichkeiten der political correctness daneben keinen Raum finden, versteht sich von selbst. Mit den nicht eben bescheidenen Lebenshaltungskosten, die ihm seine persönlichen Vorlieben abnötigen, und einer noch wesentlich gigantischeren Fehlspekulation hat Croker soeben eine halbe Milliarde Dollar in den Sand gesetzt, die leider nicht sein eigen war; die Szene, in welcher ihn der für solche Fälle zuständige Bankexperte zwar nicht gerade Blut schwitzen lässt, aber doch immerhin «Satteltaschen» nämlich feuchte Flecke, die sich am Ende der Prozedur vorn auf Crokers Heldenbrust treffen , gehört zu den Paradestücken des Buches. Gleichzeitig merkt der geneigte Leser, dass sich der Autor in aller Stille daranmacht, den zähen Fleischbrocken Croker vor unsern Augen zum Menschen weichzuklopfen.
Keine vergleichbare Gunst widerfährt Fareek Fanon, dem farbigen Spitzensportler, der laut Gerücht die Tochter eines anderen weissen Finanzpotentaten am Ort vergewaltigt haben soll. Der Ort ist Atlanta und damit ein Epizentrum an der Verwerfungslinie zwischen dem «schwarzen» und dem «weissen» Amerika. Die Geburtsstadt Martin Luther Kings hat sich zwar von ihrer durch Segregation und aggressiven Rassismus geprägten Vergangenheit zum «Chocolate Mecca» emanzipiert, wo eine tadellos gekleidete Crème arrivierter Afroamerikaner und ein farbiger Bürgermeister die Zielgerade der Chancengleichheit passiert zu haben scheinen; doch nach wie vor verläuft eine unübersehbare und auch mit Geld und beruflichem Erfolg kaum zu überwindende Grenze zwischen dem «oberen» und dem «unteren» Stadtteil. Vergleichsweise höflich lässt sich Wolfe hier beim Porträt des Bürgermeisters oder eines jungen Karriereanwalts auf die Probleme der zwischen gesellschaftlicher Ambition und der Loyalitätspflicht zur eigenen Bevölkerungsgruppe lavierenden Afroamerikaner ein; Fareek Fanon freilich bleibt auf die Karikatur eines gehirnamputierten Muskelbergs reduziert, und angesichts dieser Tatsache erscheint die Wahl seines Namens als intendierte Taktlosigkeit. Wir möchten dem Autor nicht die Ignoranz unterstellen, dass er ohne besseres Wissen auf den Nachnamen eines der berühmtesten Vorkämpfer für die Rechte der Nichtweissen zurückgegriffen hätte.
Plötzlich dieser Edelmut
Noch dies wäre einigermassen tolerierbar gewesen, wenn Wolfe sich ganz auf den Rahmen der Gesellschaftssatire beschränkt hätte, innerhalb dessen sich die Haupthandlung entwickelt. In einem aufwendig, allerdings öfter ohne die wünschenswerte erzählerische oder psychologische Tiefenschärfe inszenierten heimlichen Kuhhandel verspricht Croker, sich für den inkriminierten schwarzen Sportler zu verwenden, wenn ihm dafür seine Schulden getilgt werden während in den Kulissen bereits die Neider, die Frustrierten und Beleidigten auf den Sturz des grobschlächtigen Tycoons und einen erfolgreichen Beutezug durch die Ruinen lauern.
Doch der Autor begnügt sich nicht damit, auf diese Art das Fegefeuer der Eitelkeiten, der Gier und der Selbstverleugnung neu anzufachen. Er verschränkt Crokers Schicksal mit einer Story, die abgesehen von ihrem gegen gewisse sittliche Normen verstossenden Mittelteil den Heftchen des Schweizerischen Jugendschriftenwerks wohl angestanden hätte, die einst hiesigen Primarschülern zu Kauf und Erbauung angeboten wurden. Als der eigentliche «ganze Kerl» im Buch erweist sich Conrad Hensley, ein wackerer junger Mann, der seine Familie durch Schwerarbeit im Kühlhaus eines ebenfalls zu Crokers Wirtschaftsimperium gehörigen Lebensmittelkonzerns erhält und wegrationalisiert wird, als sich die Wolken über dem Geschäftsmann zusammenziehen. Aus schierer Rechtschaffenheit landet Conrad bald darauf im Gefängnis sprich: im gärenden Abschaum der amerikanischen Gesellschaft , wo ihm ein erster Zufall die Schriften des Stoikers Epiktet in die Hand spielt und ein zweiter (nichts Minderes als ein Erdbeben wird hier aufgeboten) ihm im Moment höchster Gefahr zur Freiheit verhilft. Und selbstverständlich ist es wieder Zufall, dass Conrad in seinem neuen Leben Krankenpfleger und, nach einigen weiteren Guttaten, dem mittlerweile durch Intrige, drohenden Ruin und eine Operation schwer mitgenommenen Croker zugeteilt wird.
Diese unglaubliche Verkettung und die konsequente moralische Überspanntheit sind die einzige und leider zumindest dem Anschein nach unbeabsichtigte Ironie dieses Handlungsstrangs; und das Happy-End, in dessen Verlauf uns Wolfe die Lehren Epiktets zum dritten- oder viertenmal auftischt, beleidigt zwar wohl nicht den gelassen im Hades wandelnden Geist des Stoikers aber doch jeden einigermassen anspruchsvollen Leser.
Angela Schader