Tom Wolfe, der amerikanischste unter den literarischen "Nestbeschmutzern" der Vereinigten Staaten, blickt wieder einmal tief in die mentalen Abgründe dieses wahnhaft auserwählten Volkes: Sein neuester Roman "Ein ganzer Kerl", ein Opus Magnum von tausend Seiten Länge, ist ein monumentales Abbild der USA: Martialisch, chauvinistisch, manisch maskulin, schnoddrig, unendlich lächerlich und provinziell: Kaum ein Protagonist und Nebendarsteller ohne hypertrophe Muskulatur, kaum eine weibliche Figur ohne Botox- oder Silikon-Hintergedanken. Freilich, hier wird der "American Way of Life" gnadenlos ramponiert: In Wolfes Atlanta - dem Austragungsort dieses buchstäblichen Stiernacken-Wettbewerbs - geht Superman zu Fuß ... und Catwoman maunzt erbarmungswürdig dazu. Charlie Croker, der Tycoon, Peepgrass, der Möchtegern-Macher, Conrad, der gefallene Engel, oder Roger Too White, der smarte, "dunkelhäutige" Aufsteiger - die Hauptfiguren in diesem Roman: Sie alle bezeichnen normierte Phasen im "Life Cycle" des amerikanischen Traums. Und am Ende haut Wolfe noch den letzten Leser über's Ohr. Nein, der Roman endet keineswegs in einer Philosophie der Lebenskunst, er kündet nicht von stoischer Einkehr, sondern von deren Kommerzialisierung.
Anders als Frantzen, Irving oder Roth ist Wolfe ein großer Stilist - der letzte vielleicht in der amerikanischen Literatur: Er ist drastisch in der Wortwahl, präzise in seiner Metaphorik und unerbittlich in der Charakterisierung. Gerade in seinen intensivsten und anrührendsten Schilderungen, literarischen Reportagen zum Elend der kleinen Leute, zum allgegenwärtigen Rassismus der USA, zur Selbstinszenierung der "Celebrities", erinnert Wolfe an eine große sozialkritische und stilistische Tradition der amerikanischen Literatur, namentlich aber und ganz besonders an John Steinbeck und dessen "Früchte des Zorns".
Wolfe, Diva, Großkotz und Rechthaber, dechiffriert, decouvriert die dunkle Seite der Macht: eindringlich, schonungslos, durchdrungen von einem Humanismus, der einzig nicht plakativ ist. Dabei ist Wolfes Roman grandios, abgrundtief traurig, voll von Typen im Dickens-Format, aberwitzig und irrsinnig komisch. Große Literatur, ja "großes Kino" und unendlicher Spaß.