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am 24. August 2007
Ein ruhiges Urlaubsdomizil am Bodensee. Seit Jahren schon pflegt Oberstudienrat Helmut Halm zusammen mit seiner Frau Sabine hier seinen Urlaub zu verbringen. Es sind diese vier Wochen im Sommer, die es Halm einmal im Jahr erlauben, dem alltäglichen Trott zu entfliehen und mal ganz er selbst zu sein. Und dann steht da plötzlich dieser Klaus Buch vor ihm, dieser ehemalige Schul- und Studienfreund, der so anders ist als Helmut, jung, aktiv, lebensfroh, der von dessen angestammten Urlaubsort so spricht: "Das ist schon ein Scheißsee. (...) Das sei vielleicht was für Opas, in deren Wipfeln Ruh ist. Jetzt schau dich doch einmal um, diese Gegend, eingeschlafen für immer. Ich schwör' dir. Hier geht nichts mehr. Wir sind im Totenreich. Farbloses farblos im Farblosen."

Nicht segeln, nicht schwimmen oder Rad fahren - alles was er sich für diesen Urlaub vorgenommen hat, ist die fünfbändigen Tagebücher des dänischen Philosophen Sören Kierkegaard zu lesen. Auch wenn er letztlich über ein paar Seiten nicht hinauskommt, allein diese Vorstellung von Urlaubsbetätigung sagt viel über Helmut Halm aus, den Lehrer, der nichts mehr vom Leben erwartet. Der, obwohl erst Ende Vierzig, bereits in einem lebensträgen Phlegma gefangen ist. Der in seiner Isolation vor dem Leben in stiller Angst vor jeder Geselligkeit, vor menschlicher Nähe, vor sozialen Kontakten lebt. Der in seiner kühlen, abweisenden Natur den einzigen Weg gefunden hat, von Mitmenschen nicht erkannt und durchschaut zu werden. Ohne nahestehende Freunde oder Bekannten, die ihn, seine Lebensweise und Spleens kennen, muss er nicht fürchten, seelisch entblößt zu werden, muss er nicht fürchten, seine Gefühle preiszugeben, die alleinige Kontrolle über sich selbst zu verlieren. Ein Leben ohne Emotionen - ohne sichtbare Emotionen. Helmut Halm - ein Misanthrop, dem plötzlich aufgezeigt wird, dass seine selbstgewählte Lebensabstinenz keineswegs alternativlos ist, dass doch auch er auf eine leutselige Jugend zurückblicken kann, damals, als er noch der "Ha-Ha" genannt wurde, der Ha-Ha, der jeden Unfug mitmachte. Klaus Buch steht vor ihm.

Klaus Buch? Aufs Verrecken nicht will er sich erinnern an diesen braungebrannten, athletischen Sunnny-Boy, der sein einstiger Kommilitone gewesen sein soll.
Hatte Helmut anfangs nur skeptisches Kopfschütteln für den zwanghaft trendigen Habitus Klaus' übrig gehabt, so entwickelt sich der zufällige Urlaubstreff zunehmend zu einem Wettkampf zweier Charaktertypen: In Gestalt von Klaus Buch steht dem introvertierten, menschenscheuen Helmut der personifizierte Widerspruch gegenüber: lebensfreudig, aufgeschlossen, jovial, attraktiv, vollschlanke Freundin im Arm.
Während er sich die ersten gemeinsamen Urlaubsaktivitäten über gänzlich unberührt zeigte von der Dynamik, vom Aktivitätendrang und der körperlichen Fitness seines Pendants, lässt ein Ereignis Helmut aufzeigen, dass diese Koinzidenz am Bodensee immer mehr zur Wachablösung einer Lebenseinstellung wird: Ein fliehendes Pferd, das selbst der Besitzer nicht zu bändigen weiß, kommt auf die Wandergruppe zugeschossen. Während Helmut hastig zurückweicht und gar Mühe hat, seine Spanielhündin zurückzuhalten, nähert sich Klaus, scheinbar in seiner Manneskraft herausgefordert, dem Tier, als dieses am Wiesenrand rastet.
Indem er blitzartig auf dessen Rücken springt, trotz heftigem Widerstreben des Pferdes dessen Herr bleibt und, nach wildem Ritt triumphal zurückkehrend, das Tier seinem Besitzer demonstrativ übergeben kann, hält Klaus seinem gleichaltrigen Schulfreund den Spiegel vor: Klaus' Leben in seinem offenkundigen Erfolg, seiner Unbekümmertheit und ausgelassenen Heiterkeit konterkariert eindringlich die halmsche Einsiedelei, und auch Helmut wird bewusst, dass ihm, dem routinierten und in dieser Routine erschlaffenden Biedermann, unwillkürlich der Staffelstab aus der Hand genommen wird vom Abenteuer, der Nonchalance und Lebensfreude seines Schulfreunds. Dennoch wird der Wunsch nach Veränderung in Helmut erst - und auch da nur latent - hervorgerufen, als dessen Frau Sabine auf die beständige Sexualunlust ihres Mannes hin mürrisch repliziert: "Dann frag ich eben Klaus, ob er mit mir schlafen will."

Martin Walsers Novelle "Ein fliehendes Pferd" ist gleichsam eine Synkrisis zweier Lebenswege, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Indem dem braven, pflichtbewussten Kleinbürger Helmut durch die Konfrontation mit seinem ehemaligen Kommilitonen Klaus aufgezeigt wird, dass auch ein vitales, abenteuerlustiges, leutseliges Leben zu Erfolg und Anerkennung führen kann, wird in ihm schließlich das ungute Gefühl evoziert, etwas verpasst zu haben im Leben. Auch wenn er mit sich selbst, seiner Reserviertheit und Apathie voll zufrieden ist, auch wenn er weder Willen, noch Kraft zur Selbständerung hat, so ruft dieser Klaus in seinem plötzlichen Auftreten und der Penetranz seiner Selbstdarstellung in Helmut die Unruhe hervor, sein Leben derweil verschenkt zu haben und zum "schicksallosen Kleinbürger" geworden zu sein, der nach Klaus' Meinung nichts anderes sei als ein "spießig verwitterndes Harnsäurekonzentrat."
Das Psychogramm zweier Charaktere, das Walser in dieser Novelle zeichnet, ist in seiner schonungslosen Offenheit und seiner Authentizität beeindruckend. Und ebenso warnend: Indem ich Wesenszüge Helmuts so deutlich in mir selbst wiederentdeckt habe - Selbstverschluss, Emotionsleere, Distanz, Abgleiten aus Ruhe in Trägheit -, indem ich fast fatalistisch sicher bin, mal so zu enden, wie Helmut in seiner unberührbaren Lebensweise dargestellt wird, und trotz allem Widerstreben glaube, dies nicht beeinflussen, geschweige denn ändern zu können, hat "Ein fliehendes Pferd" mich endlich mit der Frage konfrontiert, was ich denn selbst von meinem Leben erwarte, wie meine Zukunft aussehen soll, was mir wichtiger ist: Anerkennung oder Spaß? Erfolg oder Freiheit? Ruhe oder Party?
Zumal da ich gerade vor der wichtigen Frage nach der idealen Berufs- und Studienwahl stehe und damit vor meiner kurz- bis mittelfristigen Lebensplanung, diente Walsers Novelle als dankbare Orientierungshilfe, auch wenn sie letztlich keine eindeutige Hilfe gibt:

"Du musst gerettet werden. Du brauchst mich, Helmut, das spür' ich." - Auf dem gemeinsamen Segeltörn, auf dem Klaus das Angebot an Helmut ausspricht, mit ihm auf die Bahamas zu kommen, um dort den Neuanfang eines anderen, aufregenden, forschen Lebens zu setzen, kommt plötzlich ein wütender Sturm auf, der nochmals beide Charaktere in ihren Extremen gegenüberstellt: Während Klaus sich an immer stärker werdenden Böen erfreut, bittet Helmut ängstlich, doch bitte das nächste Ufer anzusteuern. Auf dem Höhepunkt des Unwetters - Klaus frohlockt ob des maritimen Abenteuers - stürzt der Bonvivant (unter unglücklicher Mithilfe Helmuts) von Bord. Helmut erreicht das Ufer. Ohne Klaus.
Was dann geschieht, kehrt die bisherige Konstellation gänzlich um: Während Helene, die wohlgeformte Freundin Klaus Buchs, von ihrer Abstinenzler- und Low-Fat-Trennkost-Linie abkommt, zu trinken, rauchen und gar Kuchen zu essen beginnt, gehen die Halms plötzlich in Aktivitätendrang und Vitalität auf, kaufen Fahrradausrüstung und Sportkleidung.
Und dann steht plötzlich Klaus vor der Tür...
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am 14. März 2005
Es gibt Bücher, die sind so gut, das die entsprechenden Autoren danach immer ein Sternchen weniger bekommen, um die Relativität zu wahren. "Ein fliehendes Pferd" ist meiner Meinung nach das beste von Martin Walser, alles danach habe ich gerne gelesen, aber dieses Level hat er bisher noch nicht wieder erreicht.
Die Geschichte nacherzählt, hört sich profan an: Zwei Studienfreunde treffen sich nach Jahren zufällig im Urlaub am Bodensee, beide haben sich total unterschiedlich entwickelt, und beide beneiden heimlich ein bisschen den anderen. Das besondere an diesem Buch: zum einen natürlich Walsers Umgang mit der deutschen Sprache, ich könnte ihm ewig "zuhören", egal, wie die Handlung ist, zum anderen die Einblicke in das Leben dieser 2 Hauptakteure und ihrer Frauen. Dazu ein fulminante Ende, kein Satz zuviel, keiner zuwenig, ein Buch, das man immer mal wieder in die Hand nimmt, Walsers bestes.
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am 9. September 1999
Helmut Halm, der Reflektor des Buches, ist ein Charakter, wie man ihn einerseits verflucht in seiner Pedanterie, seinem Eigensinn, Starrsinn, seinem konservativen, zurückgezogenen Leben - andererseits ist man dankbar, daß es angesichts seines Antagonisten - ein Möchtegern, der niemals genug kriegen kann, ein richtig ekliger Typ (Klaus Buch, der über lange, lange Passagen auch überzeugen kann, Sympathien weckt, die er aber kurz darauf wieder verschenkt, geradezu verschleudert) - solche Menschen wie Helmut noch gibt.
Klaus Buch dazu (Auszug): "Sie müßten, wenn ihnen vormittags einfalle, nach Teneriffa zu fliegen, mittags ihr Häuschen in Starnberg verlassen und abends in Los Rodeos landen können, sonst habe er einfach das Gefühl, eine Küchenschabe zu sein."
Das Spiel, ja, der Kampf dieser beiden Menschen, die innere Auseinandersetzung mit ihrer gemeinsamen Vergangenheit, die der eine verdrängt, aus der der andere immer peinlichere, sinnentleertere Geschichten preisgibt, um seine Freundin zu beeindrucken - dieses ganze Buch ist eine Persönlichkeitsstudie, für die ich sehr, sehr dankbar bin.
Das Buch wird oft in der Schule behandelt, wofür die Schüler meist nicht sehr dankbar sind; meiner Meinung nach ist es eher ein Buch für eine einsame Abendstunde. (Dies ist eine Amazon.de an der Uni-Studentenrezension.)
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am 23. Juni 2013
Im Prinzip wurde in den anderen Rezensionen schon alles gesagt. Wenn ich aber mit einer weiteren verhaltenen Rezension dazu beitragen kann, dass vielleicht ein Leser weniger enttäuscht wird, dann würde mich das sehr freuen.

Sprachlich ist das Buch angenehm. Die Sprache macht Freude und ist auch flüssig. Die Charaktere allerdings haben mich viele Nerven gekostet. Und zwar allesamt, weil sie sich so sinnlos in ihre Schicksaale ergeben. Keiner der vier Leute, die da gemeinsam Zeit verbringen, ist mit seiner Situation zufrieden. Trotzdem ändert keiner etwas daran. Vielleicht höchstens der Aufschneider Klaus, er zeigt Initiative. Aber auch das tut er wieder in einer Weise, die das Zusehen qualvoll macht, weil es so offensichtlich ins Verderben führt.

Die vier Urlauber könnten ja wenigstens mal versuchen, das anzusprechen, was sie eigentlich unglücklich macht. Viele Sachen sind ja nicht schwer zu ändern. Also wenn Helmut ein Buch lesen möchte, dann soll er es doch bitte sagen! Aber nein, sie ergeben sich alle ihrem Unglück - durch das gesamte Buch hin.

Die oft erwähnte Szene, als Hel, in dem Glauben ihr Mann sei tot, sich ordentlich betrinkend über ihre Beziehung ablästert, ist der einzige reinigende Moment in den vielen Seiten. Da kommen mal Dinge zur Sprache. Aber auch dieser Lichtblick währt nur etwa drei Seiten. Danach wird alles wieder vergraben, was gesagt war. Leider.

Vielleicht ist das einfach ein Zeugnis einer älteren Generation - dieses Akzeptieren der Umstände. Ich weiß es nicht, aber für mich war es qualvoll diesen Leuten zuzusehen.
Und ja, das Buch hat eine Lektion, die es transportiert, aber ich hätte diese Lektion gerne weniger leidvoll erfahren. Oder ist das jetzt gerade der Witz an der Sache?

Update, 1. Juli 2013:
Nach einem längeren Gespräch mit meiner Mutter über dieses Buch muss ich etwas ergänzen:
Mir hat dieses sich ins Schicksaal ergeben" der Protagonisten den Roman verdorben. Wenn man dies aber einfach akzeptiert, vielleicht gar schmunzeln kann dabei, weil man dieses Verhalten zu gut kennt aus dem eigenen Umfeld oder von sich selbst, dann ist das Urteil über das gesamte Buch ein völlig anderes. Dann kann es durchaus Freude machen, die Charaktere durch ihren Urlaub zu begleiten. Unter dem Aspekt kann ich auch die guten Wertungen etwas nachvollziehen.

Mir war diese Gelassenheit beim Lesen nicht gegeben. Danke Mama für diese zweite Perspektive ;-)
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am 27. Juli 2007
Novelle, den Begriff kennt man doch aus der Schulzeit und schon da wußte nicht jeder gleich eine Antwort darauf, was eine Novelle ausmacht. Martin Walsers Geschichte von Helmut und Sabine Halm, Klaus Buch und seiner Frau Helene hat das Verfallsdatum überschritten, in dem deutsche Literatur spätestens zehn Jahre nach dem Erscheinen versinkt. Es werden immer noch Filme danach gedreht, Walser selbst hat die Geschichte in ein Stück verwandelt. Die beiden Männer könnten unterschiedlicher nicht sein in der Präsentation nach außen. Wie viel Neid kommt da bei Halm in Bezug auf Buchs Leben auf? Er selber hegt eher ein Faible für die Vernichtung. Dies vor Augen geführt zu bekommen, kann einen schon aus der Bahn werfen.

Es bedarf eines Unwetters bei einer Segelpartie, um auch Klaus Buchs Existenz in Frage zu stellen. Was bleibt vom Leben, wenn der eine davor flieht und der andere es ausbeutet? Eine wunderschöne Erzählung, die der klassischen Forderung nach dem einen Ereignis im Mittelpunkt nachkommt, und auch nach all den Jahren sehr Deutsch anheimelt, jedoch nicht verblaßt.
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am 15. September 2014
Schon mehrmals las ich das Buch, zweimal in Jugendjahren, nun zum dritten Mal, und immer las ich es gerne, immer zog es mich in seinen Bann. Ich kann nicht mehr rekapitulieren, was mir früher an diesem Text gefiel, bin ich doch erst jetzt ins Alter der Probanden gekommen, vielleicht war es die Dynamik, die im Text steckt oder auch das Philosophische, dass sich mir bis jetzt nicht völlig erschloss. Aber vielleicht ist das gerade das Potential dieses Textes, das mich dazu anregen wird, ihn weitere Male zu lesen.

Thema ist das Getrieben-Sein zum einen, das wir alle an uns oder auch an anderen so gut kennen. Es wird durch Klaus, den ehemaligen Schulfreund Helmuts verkörpert. Der dagegen ist Phlegmatiker, macht seinen Job so gut er kann und baut dabei eine Fassade um sich herum auf, denn in Wirklichkeit will er sich nur zurückziehen und seine Philosophen lesen, nichts anderes interessiert ihn wirklich. Die unterschiedlichen Charaktere prallen nun aufeinander und die Ereignisse spitzen sich zu, weil Helmut nicht in der Lage ist, sein Ruhebedürfnis zum Ausdruck zu bringen und Helmut ihn von einer Erinnerung in die andere und von einem Spektakel ins nächste treibt. Die Lage eskaliert.

Helmut blieb mir dabei weitgehend sympathisch. Ich konnte nachvollziehen, dass er sich aus der unablässigen Betriebsamkeit dieser Welt zurückziehen wollte. Die Unruhe seines Freundes dagegen ließ Beklommenheit in mir aufsteigen, insbesondere aber auch, weil Helmut sich davon mitreißen ließ. Dass hinter diesem Aktionismus und dieser Großspurigkeit Abgründe verborgen waren, offenbarte sich schließlich, als Hel, die Lebensgefährtin von Klaus, im Angesicht der eingetretenen Katastrophe nicht mehr an sich halten konnte und absurde Details über Lebenszusammenhänge zum Besten gab. An dieser Stelle kamen mir Helmut und seine Frau Sabine gefühlsmäßig wieder nahe, die nun zu sich und auch wieder zueinander fanden. Es blieb zu hoffen, dass Helmut seine Resignation und innere Fluchttendenz überwinden konnte, der Ausgang des Geschehens blieb offen.
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TOP 500 REZENSENTam 10. August 2011
Es gibt einen sehr einfachen, sehr berühmten Satz von van Gogh: Ich lebe, um zu malen.

So wie von Gogh ging es und geht es wenigen Menschen. Kaum einer weiß dergleichen wirklich, vielleicht wusste es nicht mal van Gogh ganz sicher. Wofür lebt man? Wohin lebt man? Und was kann man tun, um herauszufinden, wer man ist... oder ist man einfach der, der man ist, ganz automatisch?

Ich habe Martin Walsers Novelle schon vor einer Weile gelesen und doch ist mir das Buch noch heute, nicht nur in seiner Geschichte, sondern vor allem in seiner Stimmung präsent. Es ist eines dieser Bücher (à la Der Fremde oder Das Urteil), die einen noch - oder vor allem - nach dem Lesen, nachhaltig beeindrucken und sich wie ein komprimiertes und ausklappbares Gemälde in unserem Geist festsetzen. Ich glaube, ich könnte das Buch, wie die beiden oberen ebenfalls, immer wieder lesen. Und ich würde wohl auch immer wieder überrascht feststellen, dass dies Buch wie ein Gewittersturm ist: Es ist zwar umwerfend, aufwühlend und geradezu übermächtig, doch ist es auch wunderschön und nach der Lektüre wirkt alles etwas geklärter, ruhiger. Und man glaubt man hätte nicht nur ein Buch gelesen, sondern sogar ein bisschen mitgelebt, in diesen Stunden.

Walsers kleines Buch wäre vielleicht eines für die Insel - mit Sicherheit ist es eins, dass man in seinem Leben gelesen haben sollte. Es ist beinah so etwas wie eine moderne Sage, eine moderne Parabel, ein modernes Märchen.

P.S.:
Die Geschichte ist, wie bereits oft gesagt, sehr simpel und es ist auch nicht die Geschichte, sondern die Art wie sie erzählt und dargestellt wird, die dieses Buch lesenswert macht und gerade deswegen sollte sie jeder unvoreingenommen selbst entdecken.
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am 24. November 2003
Walser stellt zwei Männer in deren Lebensmitte dar, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Der eine angepasst, fast spießbürgerlich - jedenfalls aber vergangenheitsverhaftet und kopflastig. Der andere lebensfroh bis zum Exzess, auch wenn es nur Kulisse ist. Diese Darstellung klingt zunächst nach nichts Besonderem, doch die Tatsache, dass diese beiden in einen Dialog gezwungen werden, bietet einen Stoff der besser nicht bearbeitet werden hätte können.
Die beiden Schulkameraden deren Leben so unterschiedlich ist, treffen einander in einem Urlaub am Bodensee wieder und dort beginnt ein Kampf zwischen beiden Lebensbildern. Zunächst entlarvt Walser den lebensmüden (im wahrsten Sinne des Wortes) Protagonisten, als angepasst und antriebslos. Als dieser am Höhepunkt der Geschichte mitverantwortlich für den vermeintlichen Tod des Antagonisten wird, entlarvt er diesen als Blender, der seinen Lebenshunger als Fluchthilfe vor sich selbst und dem herannahenden Alter einsetzt.
Die Darstellung der Psychen dieser beiden Männer hätte wohl kaum besser gelingen können. Dafür gibt es klar 100% der möglichen Punkte. Warum dann nur vier von fünf Sternen? Nun, sprachlich ist das Werk zunächst absolut abstoßend. Walser verletzt sämtliche "Regeln" des Schreibens. Er baut Sätze die kürzer sind als in Groschenromanen und wiederholt das Wort "sagt" bis zu erbrechen. Zusätzlich entschied er sich, auch direkte Rede nicht unter Anführungszeichen zu setzen. Dieser Stil quält über lange Strecken des Buches, bis man *endlich* daran gewöhnt ist und ihn vielleicht sogar als interessant empfindet. Man mag diese Art zu schreiben als künstlerisch interessant empfinden, sogar als bahnbrechend ansehen, mir jedenfalls hat es lange Zeit kalte Schauer über den Rücken gejagt. Dafür erlaube ich mir einen Stern abzuziehen. Sie finden das ist ungerecht, weil es schließlich Teil des Kunstwerkes ist? Dem kann ich Nichts entgegensetzen. Addieren Sie diesen Stern im Geiste dazu.
Eines jedoch kann ich abschließend jedenfalls sagen. "Ein fliehendes Pferd" ist ein Buch das ich nicht missen möchte, ein Buch das man auch ein weiteres Mal lesen muss. Vielleicht sollte ich doch fünf Sterne geben.
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am 27. Juli 2006
"Wenn eine große Lebensregel die ist, dass man zu verweigern verstehe, so folgt, dass es noch eine wichtigere ist, dass man sich selbst, sowohl den Geschäften als den Personen, zu verweigern wisse." So schreibt Baltasar Gracián im 17. JH in seiner "Kunst der Weltklugheit".

Helmut Halm mit seiner Frau führt ein für ihn so gewähltes aber ereignisloses Leben. Gern geniessen sie die Zweisamkeit. Klaus Buch, ein ehemaliger Mitschüler Halms ist anders: dynamisch, aufregend und bestimmend. Die Ruhe im Urlaub ist dahin. So einfach ist Walsers Novelle.

Doch sie gebiert einen Strom menschlicher Details und Empfindungen, wie es besser nicht sein kann. Walsers sprachliche Gewalt und Präzision begeistern bereits im Erstlingswerk. Wie Buchs wachsende Aufdringlichkeit und Bestimmtheit nur den schwachen Widerstand durch Ironie bei Halm aufkeimen lässt, ist fast quälend für den Leser. Dass dann seine Ehefrau sich der überspannten Aktivität Buchs nun näher hingezogen fühlt, bringt nahezu Halms Ehe in Gefahr, wo er doch belesen und mit Kierkegaard gewappnet seine Angst zum Leben unter Kontrolle zu haben glaubt.

Der Schluss ist ein Gefecht auf einer Männer-Segeltour auf dem Bodensee. Seiner Frau erzählt er sein Erlebnis, kein Zufall, dass er den ersten Satz der Novelle wieder verwendet.

Vielleicht lässt sich Halm in Zukunft von Gracián leiten, damit er sich selbst in Abgrenzung besser lernt zu verstehen. Eines von Walsers besten Werken.
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Der Mensch in seiner ganzen Armseligkeit: Helmut Hahn, Lehrer an einem altehrwürdigen Stuttgarter Gymnasium, verbringt mit seiner Frau Sabine einen Sommerurlaub am Bodensee. Helmut ist von seinem Job, seiner Frau, seinem Leben und sich selbst nur noch angewidert und will eigentlich nichts anderes machen, als Kierkegaards Tagebücher lesen. Doch die geplante Ruhe wird durch das unerwartete Auftauchen von Helmuts ehemaligen Mitkommilitonen Klaus gestört, der zudem seine dralle Freundin Helene im Schlepptau hat. Mit ihrem penetranten Aktionismus nötigen sie die Hahns zu gemeinsamen Tages- und Abendaktivitäten. Konfliktunfähig wie er ist, lässt Helmut alles über sich ergehen, bis die Situation auf einem gemeinsamen Segeltrip eskaliert.

"Es ist doch grotesk, wie winzig die Gegenwart im Verhältnis zur Vergangenheit ist. Und dieses Verhältnis sollte jede Sekunde der Gegenwart gebührend minimalisieren, zerreiben, bis zur Unfühlbarkeit entstellen" (30). Mit der 1978 veröffentlichten Novelle "Ein fliehendes Pferd" gelang Martin Walser nach vielen Enttäuschungen der lang ersehnte Durchbruch. Und das vollkommen zu Recht! Gnadenlos seziert Walser die unterschiedlichen Vertikalspannungen seiner Protagonisten, ihrem Leben eine Richtung, einen Sinn zu geben. Im Mittelpunkt steht dabei Helmut, dessen Gedanken im Zentrum der Erzählung stehen. Dadurch wird der Unterschied zwischen bürgerlichem Erscheinungsbild und inneren Abgründen besonders deutlich: "Helmut überlegte sich, ob er sie vergewaltigen und dann ins Wasser werfen und nicht mehr ans Land lassen sollte" (103) sinniert er bei einem harmlosen Allerweltsgespräch mit seiner Frau. Doch offenbaren sich bei allen Beteiligten im Lauf der Novelle schockierende Unterschieden zwischen Schein und Sein.

Fazit: Auch nach mehr als 30 Jahren noch gleichermaßen faszinierend und schockierende zugleich! "Ein fliehendes Pferd" liefert einen immer aktuellen Einblick in das Wesen des Menschen, vor sich und seiner Umwelt gleichermaßen bestehen zu wollen.
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