Hätten sie nur die Finger davon gelassen, sie wären Philosophen geblieben, die Macher der bereits zweiten Verfilmung von Martin Walsers Buch
Ein fliehendes Pferd von 1978. Die Novelle gilt Literaturkritikern als das stimmigste und gelungenste Werk des Dichters, dessen große Stärke die literarische Aufarbeitung seiner eigenen Eheprobleme ist (Einblicke gibt Reinhard Baumgarts Biografie
Damals). Freilich spielt sich in Walsers Büchern das meiste in inneren Monologen und erlebter Rede ab. Es muss sich doch irgendwie auswirken, dass Walser zu jener literarischen Avantgarde gehört, die ihr progressives Anderssein durch völligen Verzicht auf Anführungszeichen unter Beweis stellt. An äußerer Handlung ist die Novelle arm. War das nicht Grund genug, auf eine Verfilmung zu verzichten, so hätten die Produzenten sich wenigstens von dem lahmen Film abschrecken lassen können, den Peter Beauvais Mitte der achtziger Jahre mit Vadim Glowna in der Hauptrolle auf die Fernsehzuschauer losließ und der wirkte wie die Wiederbelebung des Siebziger-Jahre-Autorenfilms mittels Fernseh-Budgets.
Worum also geht es in Buch und Film? Zwei Paare in den mittleren Jahren begegnen sich per Zufall im Urlaub. Am Bodensee. Der hyperaktiv-sportive Klaus, der redet wie ein Buch und deswegen auch so heißt, mit seiner blutjungen Lebensabschnittsgefährtin Helene, kurz "Hel" genannt, und der schwermütige Studienrat Halm nebst Gattin Sabine. Klaus Buch erkennt in Helmut Halm einen ehemaligen Schulkameraden wieder, enthüllt pikante Details aus der gemeinsamen Jugend und geht dem introvertierten Lehrer gehörig auf den Geist. Den möchte Halm eigentlich nur in Ruhe an Kierkegaard schärfen. (Der dänische Philosoph gilt mit seinem tiefgründigen Nachdenken über Gott gläubigen Grüblern als Galionsfigur; der Film ersetzte ihn durch Schopenhauer.) Doch mit der Ruhe ist es nun vorbei. Nach einem gemeinsamen Segelausflug und einem Anflug von Wahlverwandtschaften, die sich zwischen den Paaren abzeichnen, kommt es dann zu jener unerhörten Begebenheit, die eine gute Novelle ausmacht, zunächst allerdings noch verzögert durch ihr symbolisches Vorspiel: Die zwei Männer und zwei Frauen verirren sich - natürlich ist Helmut schuld - auf einer spontan anberaumten Wanderung. Unterwegs kommt es zur Begegnung mit einem durchgegangenen Pferd, die Klaus, allzeit Herr der Lage und Meister aller Klassen, Gelegenheit gibt, sich als Pferdeflüsterer zu beweisen. Als Klaus und Helmut kurz darauf ohne Frauen segeln gehen, werden beide von einem Gewittersturm überrascht. Das Boot droht zu kentern. Klaus brüstet sich mit seinem Mut, Wind und Wellen zu trotzen - und geht über Bord...
Wie gesagt, mit diesem Minimum an Handlung eignet sich "Ein fliehendes Pferd" nicht als Vorlage für einen Spielfilm. Von vornherein war klar, dass Dialoge und Drama-Elemente dazuerfunden werden müssten, um dem Film die nötige Substanz zu verleihen. Die Frage war nur, wie gut Rainer Kaufmann, mit den Ingrid-Noll-Verfilmungen
Die Apothekerin und, besonders gelungen,
Kalt ist der Abendhauch immerhin ausgewiesener Experte für Adaptionen literarischer Vorlagen, und seinen Drehbuchautoren dies gelingen würde. Dass ihnen nichts Besseres einfiel, als die komplexe Beziehungsproblematik von Helmut und Sabine auf sexuelle Frustration zu reduzieren und selbige dann auch noch obszön ins Bild zu setzen, ist der Hauptgrund für das Scheitern des Films. Genauer betrachtet ist es freilich eine ganze Reihe von Fehlgriffen, die den Film ruiniert: Helmut Halms Minderwertigkeitskomplex, sein Eskapismus, sein freiwilliges inneres Exil, seine widersprüchliche Liebe zu Sabine - im Film merkt man nichts davon. Denn der Regisseur vergröbert Walsers nuancierte Charakterzeichnung und lässt in seiner Filmhandlung nur vordergründige Motive erkennen. Was Walser in Gedanken und erlebter Rede in der Schwebe lässt, die sexuelle Anziehungskraft, die Hel auf Helmut ausübt, die Schürzenjägerqualitäten von Klaus, die auf Sabine wirken, Hels Hang zur Nymphomanie: Kaufmann setzt es um als unglaubwürdige Entgleisungen; stellenweise gleitet sein Werk ab in die filmästhetischen Untiefen einer Sex-Posse, auch wenn wahrscheinlich eher ein Abendhauch des Desillusionspotentials von
American Beauty bezweckt war. Klaus, den der Autor der Novelle in einem verblüffenden Schlussakkord als gehemmten Hanswurst entlarvt, ist am Ende des Films immer noch, was er, auf der Oberfläche, von Anfang an war: eine viril-vitale Sexmaschine, ein geckenhafter Gustav Gans, dessen Glücksstern niemals sinkt, eine Comicfigur.
Sogar die Schlüsselszene um das fliehende Pferd vergeigt Kaufmann, indem er sie zur austauschbaren Action-Sequenz umgestaltet, die jegliche Symbolik verschleiert. Besonders unverzeihlich wird der Kenner der Vorlage schließlich und endlich das Fehlen von Halms Hund Otto finden. Hätten sie uns den doch wenigstens gelassen! Doch Kaufmann degradiert den Gag-Garanten zum Nachbarshund auf Abwegen. Seit wann verschenkt ein Spielfilm solche Steilvorlagen für Situationskomik? Was dem Streifen an Qualität verbleibt, verdankt er dem optisch aufregend inszenierten Höhepunkt, dem Unwetter über dem Bodensee, vor allem aber dem hervorragenden Ensemble: Ulrich Noethen (Helmut) als genervter Gratwanderer, Katja Riemann (Sabine) als ausgehungerte Amazone, Ulrich Tukur (Klaus) als notorische Nervensäge und die weniger bekannte Petra Schmidt-Schaller, die mit Julie-Delpy-Charme manches Fragezeichen verblassen lässt, das Hels Verhalten im Kopf des Zuschauers entstehen lässt. Retten können deren Darstellerqualitäten Kaufmanns misslungene Martin-Walser-Adaption jedoch nicht. Seine Inszenierung lässt dem Zuschauer keine Chance, dem, was die Figuren umtreibt, wirklich auf den Grund zu kommen. "Wenn ich die Geschichte, die diese Schauspieler spielen, nacherzählen würde, käme eine andere Geschichte heraus", kommentierte der Autor selbst die Umsetzung seiner Novelle. Abgesehen davon fand er den Film gelungen. Und mancher mag seiner Argumentation folgen, dass es eben nicht mehr seine, Walsers, Figuren sind, die hier agieren; es sind Walsers Figuren in der Interpretation von Kaufmann. Die Mehrheit aber, die dürfte wohl eher zu dem Schluss gelangen, dass das Ergebnis von Kaufmanns Anstrengungen ein mittelmäßiger und langatmiger Fernseh-Einteiler ist, den man bestimmt nicht auch noch als DVD im Regal braucht. Das film-o-meter blieb jedenfalls selten so kalt wie bei diesem Film, ein fliehendes film-o-meter sozusagen.