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Ein fliehendes Pferd. SPIEGEL-Edition Band 22
 
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Ein fliehendes Pferd. SPIEGEL-Edition Band 22 [Gebundene Ausgabe]

Martin Walser
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Produktinformation

  • Gebundene Ausgabe: 160 Seiten
  • Verlag: Spiegel-Verlag (30. Dezember 2006)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3877630227
  • ISBN-13: 978-3877630228
  • Größe und/oder Gewicht: 20,8 x 13 x 1,6 cm
  • Durchschnittliche Kundenbewertung: 4.0 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (2 Kundenrezensionen)
  • Amazon Bestseller-Rang: Nr. 417.939 in Bücher (Siehe Top 100 in Bücher)

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Martin Walser
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Produktbeschreibungen

Der Spiegel

„Mein Deutschtum wird mir niemand nehmen.“

Die Nacht, in der Zehntausende sterben mussten, rettete Victor Klemperer das Leben. Britische Bomber hatten am späten 13. und frühen 14. Februar 1945 das historische Zentrum Dresdens nahezu vollständig zerstört und damit auch die lokalen NS-Behörden ins Chaos gestürzt. Im Morgengrauen, inmitten der rauchenden Trümmer, „riss“ Klemperers Ehefrau Eva „mit einem Taschenmesserchen die Stella von meinem Mantel“, wie der Gelehrte in seinem Tagebuch notierte.

Mehr als drei Jahre lang hatte der gelbe Judenstern seinen Träger als minderwertigen, ja schädlichen Zeitgenossen gekennzeichnet – nun wagte sich der einst so angesehene Professor für Romanistik an der Technischen Hochschule Dresden wieder ohne den Stern auf die Straße. Während er am Vortag noch von der Deportation in ein Konzentrationslager bedroht war, hatten die städtischen Amtsträger des Regimes jetzt dringendere Aufgaben: Dresden lag in Schutt und Asche, Verschüttete sollten gerettet, Leichen mussten geborgen und verbrannt werden.

Dass er das „Dritte Reich“ überleben würde, daran hatte Klemperer in den Jahren zuvor kaum noch geglaubt. Zu erfolgreich schien zunächst Hitlers Kriegsmaschine, zu barbarisch gingen SS und Gestapo gegen die letzten noch im Reich lebenden Juden vor. Nur seine Ehe mit einer Nichtjüdin schützte ihn, mit Eva, die trotz aller Pressionen zu ihm hielt.

Victor Klemperer hat Jahrzehnte lang Tagebuch geführt, auch und gerade in der dramatischen Zeit zwischen 1933 und 1945. Als der Berliner Aufbau-Verlag ein halbes Jahrhundert später unter dem Titel „Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten“, einem Klemperer-Zitat, eine erste Edition dieser Aufzeichnungen veröffentlichte, erlebte der deutsche Buchmarkt eine Sensation: Obschon fast 1700 Seiten stark und nur in zwei schweren Bänden erhältlich, wurde aus den Tagebüchern des damals völlig vergessenen Wissenschaftlers ein Bestseller.

Der Erfolg ist nicht nur den durchweg begeisterten Rezensenten zu verdanken – „das Ereignis in diesem Bücherherbst“ („Süddeutsche Zeitung“), „eine Quelle von einzigartigem Rang“ („Die Zeit“), „einmalig und unschätzbar für die Kenntnis dieser zwölf Jahre“ („Die Welt“) -–, sondern auch und vor allem den Tagebüchern selbst, ihrer Beobachtungsschärfe, ihrer sprachlichen Präzision: Qualitäten, die das literarische Publikum sofort überzeugten.

Klemperer schickt seine Leser auf eine ganz private und doch höchst politische Zeitreise durch die NS-Diktatur. Anders als der Autor kennen sie allerdings das bittere Ende. Während Victor Klemperer etwa in den Anfangsjahren nur spekulieren kann, dass Adolf Hitlers Antisemitismus in einem Desaster für alle Deutschen enden werde, wissen die Nachgeborenen heute, wie hellsichtig diese Prognose war.

Dieser Wissensvorsprung ist der Spannung keineswegs abträglich, im Gegenteil: Jedes Fünkchen Hoffnung löst auch beim Leser noch fünfzig oder sechzig Jahre später die irrationale Hoffnung aus, dass es doch noch anders kommen möge, dass die Folge von Erniedrigungen und Misshandlungen, die der jüdische Gelehrte erdulden musste, überraschend enden möge. Und natürlich endet sie nicht. Bis zuletzt, bis zum Zusammenbruch des Regimes, bleibt Victor Klemperer ein hilfloses Opfer des antisemitischen Wahns.

Die Genauigkeit, mit der er die ihm widerfahrenen Demütigungen protokolliert, erklärt sich nicht zuletzt mit seiner Biografie. 1881 als Sohn eines Rabbiners in Landsberg an der Warthe geboren und in Berlin aufgewachsen, hatte sich Klemperer stets um Aufnahme in die nichtjüdische Welt des wilhelminischen Kaiserreichs bemüht: Er ließ sich protestantisch taufen, er meldete sich im Ersten Weltkrieg als Freiwilliger an die Front und wurde mit einem Orden ausgezeichnet, er studierte und wurde zum Professor berufen, er bekannte sich offen zum übersteigerten Patriotismus seiner Zeit und verurteilte den Zionismus. Kurzum, Klemperer wollte stets als Deutscher unter Deutschen leben. Dass sie ihm dieses Recht nun plötzlich entzogen, verwundete ihn zutiefst.

Systematisch registrierte er die alltäglichen Indizien der Ausgrenzung. Klemperer verlor seine Professur, er durfte nicht mehr publizieren, man verbot ihm das Autofahren und vertrieb ihn aus seinem Haus, er durfte nicht mehr ins Kino oder ins Theater, schließlich war ihm auch der Besuch von Bibliotheken nicht mehr erlaubt. Als Wissenschaftler war er damit entwurzelt – schreiben konnte er jetzt nur noch über sich selbst und seine persönliche Sicht der Nazi-Herrschaft. So entstanden in den Kriegsjahren nicht nur Tagebücher, sondern auch eine Autobiografie („Curriculum Vitae“) sowie Skizzen für die bis heute bemerkenswerte Studie „LTI“ über die Sprache des „Dritten Reiches“ („Lingua Tertii Imperii“).

Am Ende war das Schreiben sein einziger Trost, sein letztes Reservat in einer Welt des Terrors. Victor Klemperer wurde auf offener Straße angepöbelt und angespuckt, er musste mit seiner Frau in sogenannten Judenhäusern unter äußerst beengten Verhältnissen leben und dort mehrmals völlig willkürliche Hausdurchsuchungen der Gestapo über sich ergehen lassen, bei denen die beiden geschlagen und getreten wurden, und das letzte ihnen noch verbliebene Inventar aus den Schränken gerissen wurde – eine „viehische Verwüstung durch grausame und besoffene Affen“, wie er am 23. Mai 1942 wütend notierte.

Die Klemperers hungerten, weil er als Jude kaum noch Lebensmittel kaufen konnte, sie froren, weil ihnen kein Brennmaterial mehr zugeteilt wurde. Immer neue Schikanen ließen sie verzweifeln. „Tausend Mückenstiche sind schlimmer als ein Schlag auf den Kopf“, schrieb er am 8. April 1944.

Natürlich hatte Klemperer Angst vor dem gewaltsamen Tod, zumal ihm „religiöse und philosophische Tröstungen vollkommen versagt“ seien, wie er am 31. Dezember 1944 bekannte. „Es handelt sich nur darum, Haltung bis zuletzt zu bewahren.“ Zu diesem Zeitpunkt wusste der Gelehrte bereits das, was viele Deutsche noch Jahre nach dem Krieg nicht wahrhaben wollten, nämlich dass „sechs bis sieben Millionen Juden geschlachtet (genauer: erschossen und vergast) worden sind“ –- eine Notiz aus dem Oktober 1944. „Katastrophale Nachrichten“ über die „Judenverschickungen nach Polen und Russland“, hatte er bereits im November 1941 notiert. Und am 1. März des folgenden Jahres: „Es liegt jetzt so, dass KZ offenbar identisch mit Todesurteil ist. Der Tod der Überführten wird nach wenigen Tagen gemeldet.“ Zwei Wochen später heißt es: „Als furchtbarstes KZ hörte ich in diesen Tagen Auschwitz (oder so ähnlich) bei Königshütte in Oberschlesien nennen“, dagegen seien die Zustände in Buchenwald „nicht unbedingt und sofort tödlich, aber ›schlimmer als Zuchthaus‹“. Und am 19. April 1942 notierte er: „Grauenhafte Massenmorde an Juden in Kiew. Kleine Kinder mit dem Kopf an die Wand gehauen, Männer, Frauen, Halbwüchsige zu Tausenden auf einem Haufen zusammengeschossen.“

Klemperer hatte all das und noch viel mehr erfahren – er, der er kein Radio mehr besitzen durfte und deswegen mehr als alle anderen Deutschen von jeder Information aus dem Ausland abgeschnitten war. Nach der Lektüre seiner Tagebücher bleibt von der Legende, dass die Deutschen vom Holocaust nichts gewusst hätten, wenig übrig. Wer wissen wollte, konnte eine Menge über den Genozid in Erfahrung bringen, nur wem das Schicksal der Juden absolut gleichgültig war, dem blieb der Schrecken in der Regel verborgen.

Je länger NS-Diktatur und Krieg dauerten, desto mehr wurden die Deutschen dem überzeugten Patrioten Klemperer zum Rätsel. Zwar verhielten sich nicht alle ihm gegenüber feindselig. Zuweilen wurde er sogar auf offener Straße von fremden Menschen gegrüßt, gerade weil er den gelben Stern trug. Doch das waren Ausnahmen, kleine, stille Akte des Widerstandes, die ihn nur für einen Moment ermutigen konnten.

Schon 1933, nach den ersten antisemitischen Übergriffen, hatte er sich „maßlos“ darüber geärgert, „dass Deutschland derart alles Recht und alle Kultur schändet“. Dieses Deutschland, das Klemperer geradezu heilig gewesen war, offenbarte plötzlich eine dramatische Schattenseite: „Meine Prinzipien über das Deutschtum und die verschiedenen Nationalitäten“, so heißt es im selben Jahr, „sind ins Wackeln geraten wie die Zähne eines alten Mannes.“

Aber das war ja nur der Anfang: Judenboykott, Berufsverbote, Nürnberger Gesetze – Schikanen ohne Ende. „Es ist im deutschen Volk soviel Lethargie und soviel Unsittlichkeit und vor allem soviel Dummheit“, schrieb er 1937. Was also war Klemperers Konsequenz? „Mein Deutschtum wird mir niemand nehmen,“ so notierte er am 9.Oktober 1938, vier Wochen vor dem November-Pogrom, „aber mein Nationalismus und Patriotismus ist hin für immer. Mein Denken ist jetzt ganz und gar das voltairisch kosmopolitische. Jede nationale Umgrenzung erscheint mir als Barbarei. Vereinigte Weltstaaten, vereinigte Weltwirtschaft.“

Ein klarer, ein definitiver Standpunkt, so schien es zumindest. Doch wer jahrzehntelang nationalistisch geprägt worden war, rückte selbst in der Stunde der bittersten Erkenntnis nicht ganz von den alten Glaubenssätzen ab: „Ich bin deutsch, die anderen sind undeutsch; ich muss daran festhalten: Der Geist entscheidet, nicht das Blut“, so notierte er am 11. Mai 1942. Und zur Bekräftigung noch einmal, ein paar Wochen später: „Ich bin deutsch und warte, dass die Deutschen zurückkommen; sie sind irgendwo untergetaucht.“

Mit dieser etwas überraschenden Wendung beeindruckt Klemperer vor allem seine national gestimmten Leser. „Sehr viel deutscher kann man nicht sein“, bescheinigte ihm Martin Walser 1995 in einer Rede zur posthumen Verleihung des Geschwister-Scholl-Preises an Klemperer. Walser preist ihn, den Juden Victor Klemperer, für sein Bekenntnis zum Deutschtum und, implizit, auch für seine Abwendung von der jüdischen Herkunft. Zur Bestätigung zitiert er aus Klemperers Urteil über galizische Juden („Hätte mir jemand gesagt, ich gehörte mehr zu ihnen als zu meinen deutschen Mitbürgern, ich hätte ihn für wahnsinnig gehalten“) und übernimmt seine – von Walser offenbar als Entlastung verstandene – Behauptung, dass der Antisemitismus durch die Aufklärung eigentlich „längst überwunden“ sei.

Walsers Scholl-Preis-Rede, im SPIEGEL 52/1995 dokumentiert, hat das Klemperer-Bild bis heute geprägt. „Die Nazis sind undeutsch“, zitiert Walser seinen Kronzeugen Klemperer – um damit jenen nationalen Traum zu retten, der doch gerade Klemperer zum Verhängnis geworden war. Nein, die Nazis waren leider sehr deutsch, sie waren nicht weniger deutsch, als es Luther, Hegel oder Beethoven waren. 1945 besaßen über acht Millionen Deutsche ein Mitgliedsbuch der NSDAP. Insofern war der Holocaust auch kein Betriebsunfall der deutschen Geschichte, sondern eine deutsche Möglichkeit, vielleicht keine zwangsläufige Folge des aggressiven deutschen Nationalismus, aber bestimmt auch keine zufällige.

Seit 1871 beruhte dieser Nationalismus auf der Ausgrenzung von Minderheiten. Papsttreue Katholiken, Sozialdemokraten, Juden – sie alle wurden als Reichsfeinde und Vaterlandsverräter stigmatisiert und immer wieder bekämpft. Verzweifelt bemühten sich viele Außenseiter im Gegenzug um das Wohlwollen der protestantisch-preußischen Mehrheit. Spätestens 1933 war dieser Assimilationsprozess für die Juden gescheitert. Auch Klemperer kämpfte diesen lebenslangen Kampf um Anerkennung und begab sich damit doch nur in eine für ihn beinahe tödliche Falle. Er, der deutsche Gelehrte, lieferte noch Beweise seiner nationalen Treue, als die Nazis ihn längst vernichten wollten. Er verachtete die Ostjuden, er erklärte den Zionismus zu einer Variante des Rassismus. Und eine Auswanderung nach England oder Amerika lehnte er so lange ab, bis es zu spät dafür war. Außer Gefahr gebracht hätte ihn nur die Preisgabe des Vaterlandes, also jener Kosmopolitismus, den er in seinen Tagebüchern einmal beschworen hatte, aber offenkundig halbherzig. Nach dem Krieg wurde sein Bedürfnis nach Anerkennung endlich befriedigt. Die Sowjets rehabilitierten Klemperer als Professor, die Studenten feierten ihn, die DDR zeichnete ihn mit Staatspreisen aus, wofür er sich mit Huldigungen an Stalin bedankte.

Bis zu seinem Tod im Februar 1960 hat Victor Klemperer weiter Tagebuch geführt, eine Veröffentlichung aber abgelehnt: „Es belastet die Juden“, lautete eine seiner Begründungen. Klemperer spürte, dass der Antisemitismus auch unter dem DDR-Regime nicht ausgestanden war, und entschied sich, sein Judentum gar nicht erst zum Thema zu machen. Damit wählte er ein letztes Mal jene Strategie der Anpassung, die er stets praktiziert hatte: Er schwieg, aber er schrieb.

Nachwort von Martin Doerry zu Ein fliehendes Pferd. SPIEGEL-Edition Band 22

Kurzbeschreibung

Helmut Halm, ein 46-jähriger Studienrat aus Stuttgart, und seine Frau Sabine verbringen ihren Urlaub wie gewohnt am Bodensee. Dort läuft ihnen zufällig Klaus Buch, ein ehemaliger Schul- und Studienkollege Helmuts, mit seiner 18 Jahre jüngeren Frau Helene über den Weg. Die Männer haben sich seit 23 Jahren nicht gesehen. Während der folgenden vier Tage, die beide Paare gemeinsam verbringen, kommt es zwischen Helmut und Klaus immer häufiger zu Unstimmigkeiten. Helmut, der sich nach außen stets aufgeschlossen und fortschrittlich gibt, fühlt sich innerlich seit langem überfordert von den öffentlichen Vorgaben der Leistungsgesellschaft. Gern würde er seiner ausgeprägten Lethargie nachgeben, doch glaubt er den gesellschaftlichen Anforderungen entsprechen zu müssen, um sich nicht der Lächerlichkeit preiszugeben. Der erfolgreiche Klaus in seinem jugendlichen Auftreten ist für Helmut der Inbegriff all jener öffentlichen Gebote. Er sieht ihn als Bedrohung, denn er glaubt sich vor diesem "Macher" nicht rechtfertigen zu können. Hinzu kommt, dass in Helmuts Ehe Probleme aufbrechen, weil sich Sabine von der "aktiven Lebensweise Klaus'' angezogen fühlt, während Helmut selbst der erotischen Anziehungskraft Helenes erliegt. Die Spannungen zwischen den Männern nehmen zu, bis die Situation auf einer Segeltour der beiden eskaliert; Helmut stößt Klaus in stürmischem Wetter über Bord. Dieser wird von seiner Frau und den Halms für tot gehalten. Helene entlarvt seinen Lebensstil als reine Fassade - in Wirklichkeit ist er seelisch, beruflich und finanziell am Ende. In ihre Erklärungen platzt der totgeglaubte Klaus; wortlos verlässt er mit seiner Frau die Halms.

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Ich muss gestehen, dass ich mich bisher bewusst geweigert habe, Walser zu lesen; erschien mir der Autor doch immer zu selbstgefällig, herablassend und von sich eingenommen, als ein typischer Angehöriger jener Grass-Böll-Enzensberger-Handke-Fraktion von Schriftstellern der "alten Bundesrepublik", die Leichtigkeit und Selbstironie für Teufelswerk zu halten scheinen und die ein Kritiker wahrscheinlich vernichtend treffen würde, wenn er behauptete, sich bei einem Werk dieser Autoren "gut unterhalten" zu haben.

Für die Leser, die nach diesem undifferenzierten Rundumschlag, mit dem ich mir sämtliche Negativbewertungen dieser Rezension selbst zuzuschreiben habe, dennoch weiterlesen, kommt jetzt die absehbare Wendung: Man soll die Bücher für sich sprechen lassen. "Ein fliehendes Pferd" kann dies durchaus.

Zum Inhalt: Sabine und Helmut Halm stellen wie jedes Jahr durch beschauliche und geruhsame Ferien am Bodensee sicher, dass sich diese Zeit des Jahres durch nichts von ihrem sonstigen ereignislosen Leben abhebt. In diese routinierte Idylle bricht Helmuts gleichaltriger ehemaliger Schulkamerad Klaus Buch, der nicht nur viel jünger, aktiver und viriler erscheint als Helmut, sondern die Halms durch seine attraktive jugendliche Frau "Hel" auch schmerzlich daran erinnert, dass es theoretisch so etwas wie Sex zwischen Mann und Frau geben könnte.

Ohne Widerspruch zu dulden und völlig distanzlos übernimmt Klaus die weitere Planung des Urlaubs und zwingt Helmut längst verdrängte Jugenderinnerungen auf. Während Sabine von Klaus' zupackender Art durchaus angezogen wird, steigert sich Helmuts Abscheu gegen diesen ungebetenen Besucher, der ihm so schmerzlich den Spiegel vorhält, ins Unermessliche. Schließlich spitzt sich die Situation bei einem Segeltörn der beiden Männer auf dem sturmgepeitschten Bodensee dramatisch zu.

Walser gelingt es mit wenigen treffenden Worten, die Situation des Ehepaars Halm ebenso plastisch zu schildern, wie das herrlich enervierende Paar Helene und Klaus. Der Stil Walsers ist dabei kurz und prägnant, der durchaus wahrnehmbare Hang zur Selbstgefälligkeit, wie ich ihn dem Autor in der Einleitung unterstellt habe, nur wenig störend. Die ganze Novelle wirkt wie aus einem Guss und in sich stimmig, so dass sich wahre Lesefreude einstellt und als Fazit festzuhalten bleibt: Ich habe mich bei diesem Buch sehr gut unterhalten (tut mir leid, Herr Walser).
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1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Von arno
Format:Gebundene Ausgabe|Von Amazon bestätigter Kauf
Für mich das beste Buch Walsers.
Nicht so schwerfällig, umständlich und selbstgefällig, wie man es sonst von Walser kennt. Eher angenehm locker.
Das Buch liest sich gut und langweilt nicht. Man kann es "in einem Zug" lesen, und tatsächlich soll es Walser ja auch in sehr kurzer Zeit nur so aus der Feder geflossen sein. Die Geschichte regt zum Nachdenken und zur Diskussion an.
Ich bin über den kongenialen Fernsehfilm (lief 2009 auch im Fernsehen) auf das Buch aufmerksam geworden.
Den Film fand ich eigentlich noch besser, weil es dem Regisseur gelingt, die Geschichte - wie ich finde: perfekt - in die heutige Zeit zu übertragen, und die Schauspieler, Tukor und vor allem Nöthen (!) einfach hervorragend spielen. Ein echtes Highlight.
Wenn also Walser, dann ist diese Novelle jedenfalls zum Einstieg hervorragend geeignet.
Den Film - gibt es auch als DVD - dann am Besten danach anschauen. Es lohnt sich (wenn man Literaturverfilmungen überhaupt mag)!
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