Pressestimmen
Kurzbeschreibung
Klappentext
ESTA -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Prolog. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Es ist ein kühler Frühlingsabend. Mulder verlässt seine Wohnung im Dufflecoat. Die Eisenplättchen unter seinen Ledersohlen klackern auf dem Trottoir, er springt über die rauschenden Rinnsteine, um Spritzern auszuweichen, und trödelt vor den Schaufenstern der alten Graphikhandlung, deren Inhaber jede Woche eine andere Sammlung präsentiert – noch nie hat er einen Fuß hineingesetzt, obwohl er sich jeden Abend vornimmt, einen alten Parisplan zu kaufen, einen, in dem seine Straße eingezeichnet ist. Vom Kirchturm auf dem Platz schlägt es elf Uhr. Beim Café um die Ecke strafft Mulder unter den prüfenden Blicken auf der Terrasse den Rücken, auch wenn sich kein Mensch an sein Vorübergehen erinnern wird. Er fischt eine Feder aus dem Becken des Springbrunnens. Dann, beim Park, der nach Sonnenuntergang seine Tore schließt, beschleunigt er seinen Schritt, bis er an der alten Bauakademie vorbeikommt, wo er ganz kurz die untersten Einschusslöcher in der dunklen Fassade berührt – er findet sie blind. Er verlässt sein Viertel, stößt auf einen Boulevard, der bessere Zeiten gesehen hat, mit halbleeren, schlecht beleuchteten Restaurants, und grüßt die herausstarrenden Ober, die auf Abendgäste warten; er bleibt auch kurz vor einem Fenster stehen, hinter dem geknebelte Hummer in einem Aquarium tanzen. Die Route ist festgelegt, die Handlungen sind immer dieselben, und die Wiederholung beruhigt ihn: Es ist seine tägliche Runde, die er vor dem Schlafengehen dreht – auf ärztliche Anweisung. Allein.
Aber er geht auch gern ein Stück mit einem taubstummen Chinesen, der einen schwerbeladenen Einkaufswagen schiebt, darin Material für die prächtigen Kokons, die er aus Pappschachteln faltet, jeden Abend einen neuen in einem anderen Hauseingang. Mulder bildet sich ein, eine schweigsame Freundschaft mit ihm zu pflegen. Er kennt keinen angenehmeren Verrückten als diesen Mann. Nach eingehender Prüfung entscheidet sich der Chinese für den Platz vor den Glastüren eines Reisebüros als Schlafplatz und beginnt, inspiriert durch die im Schaufenster hängenden Satellitenaufnahmen von sich ausfächernden Flussläufen, mit dem Bau eines Sputniks für eine Nacht. Ein Weinkarton wird sein Helm. Mulder überlässt den Chinesen seinen Wahnbildern und spaziert bis zum Denkmal des Marschalls, dort macht er kehrt, prüft aber zuvor die in den Sockel eingravierten Jahreszahlen. Als Gedächtnisübung versucht er, vierunddreißig Heldentaten zu behalten. Auf dem Rückweg zählt er sie leise auf. Aus Angst, die Schlacht um Alzheimer zu verlieren. Auch das gehört zu den Ritualen seiner Runde.
In der Ferne gellen Sirenen. Ein vertrauter Klang vor dem Schlafengehen, in der Regel verebbendes Unheil, aber heute Abend kriecht es näher. Die Sirenen schwellen an, umzingeln die Straßen, immer lauter und beklemmender. Autofahrer drosseln das Tempo, Fußgänger zögern am Zebrastreifen. Ein Blaulicht huscht über die Hauswände. Junge Kerle rasen auf Rollern vorüber, aber ihre Unruhe bleibt hängen: Lichter gehen an, Fenster auf, Stimmen ertönen. Jemand sucht einen Sender im Radio.
Ein paar Straßen weiter verfärbt sich der Himmel. Der Geruch von verbranntem Holz zieht an den Häusern entlang. Ein Radfahrer dreht sich grinsend um und zeigt auf den Feuerschein über den Kirchtürmen. Konturen, die Mulder in- und auswendig kennt, es ist der Blick aus seiner Wohnung, aber so schwarz und drohend wie an diesem Abend hat er die Türme noch nie gesehen. Besorgt, es könnte in seiner Straße brennen, nimmt er eine Abkürzung, verirrt sich jedoch in den winkeligen Gassen und landet zweimal an derselben Kreuzung. Eine ausgelassene Gesellschaft überquert grölend die Straße, unterwegs zu etwas Schlimmem. Klopfenden Herzens schließt er sich ihnen an. Gott sei Dank, seine Straße lassen sie links liegen.
Selten lief jemand so erleichtert auf einen Brand zu.
Als ein Krankenwagen trotz Blaulicht weder vor noch zurück kann und Jugendliche sich weigern, den Weg freizugeben, will Mulder umkehren, doch die Meute schiebt ihn weiter. An der nächsten Ecke riecht er die Hitze, und sein Widerstand schmilzt. Schon von weitem erkennt er das brennende Haus, ein besetztes Haus, dessen Haustür ständig offensteht. In der Dachrinne wankt ein schwarzer Mann, sprungbereit, im Stockwerk darunter hängen sich Frauen und Kinder weit aus den Fenstern. Auf dem Gehsteig stehen jammernde Menschen, schlotternd, halbnackt, mit verschmierten Gesichtern, pompiers transportieren Brandopfer weg. Der Löschzug schafft es kaum bis zur Hauswand, die Straße ist zu eng für großes Gerät.
Zuschauer drängeln um die beste Aussicht. Das Feuer springt aufs Nachbarhaus über, ein Dachstuhl stürzt ein. Hinter dem Rauch kreischen Stimmen um Hilfe. Eine Frau im dritten Stock droht ihr Kind aus dem Fenster zu werfen. Die Leitern reichen nicht hoch genug. Die Feuerwehrleute geben Anweisungen, formen ein Fangnetz aus Armen. Mulder wendet den Blick ab und hört einen dumpfen Schlag – ein Schrei ertönt aus Hunderten von Kehlen. Als ein Feuerwehrmann das Kind in einer Decke wegträgt, versucht er es noch nachträglich mit den Augen aufzufangen.
Eine seltsame Stille zieht durch die Straße. Die gedämpften Geräusche nach einer Panik: das Wegtragen der Verletzten, das Ausrollen von noch mehr Schläuchen, das Aneinanderkoppeln von Kupferringen, das Aufspannen der rot-weißen Absperrbänder, zischendes Wasser, erstickender Rauch. Auch die Schaulustigen schweigen, und ihre Erregung schlägt um in Scham.
Ein Feuerwehrmann tastet mit dem Scheinwerfer das besetzte Haus ab. Alle Augen suchen mit. Das Licht gleitet über eine geborstene Marmortafel unter einem Fenster im ersten Stock, Buchstaben leuchten auf. Mulder murmelt einen Namen. Einen Namen aus einer anderen Zeit. Und dann, auf einmal, wie vom Licht gerufen, taucht im Fenster darüber ein Hund auf. Er tänzelt auf den Hinterbeinen, hangelt nach den Armen eines Schattens. Oder läuft er aus eigener Kraft so? Die Leiter surrt nach oben. Aber der Hund will sich nicht retten lassen, er läuft zu einem anderen Fenster. Der Feuerwehrmann schwenkt mit. Die Pantomime zwischen Leiter und Hund packt auch die Zuschauer unten, das stumme Spiel schleicht sich in ihre Sprache: Sie sprechen mit Gebärden. Eine zweite Leiter schiebt sich hoch, aber der Hund wählt seinen eigenen Weg und springt. Allein, durch ein Fenster von Funken. (Oder wurde er geworfen?) Ein unterdrückter Schrei fährt durch die Reihen. Der Hund segelt an der Hauswand entlang, mit gespreizten Pfoten. Ein Feuerwehrmann auf halber Leiter fängt ihn, schwankt und verliert ihn aus den Händen. Aber der Fall ist gebremst, und der Aufschlag bleibt aus: Dem Hund knicken die Beine ein, er wankt auf dem Asphalt, er taumelt und torkelt, rappelt sich wieder auf, schüttelt die Asche aus seinem Fell und tritt unversehrt aus einer Staubwolke hervor. Jemand klatscht Beifall. Der Hund bellt. Die Stille ist gebrochen, und der Schreck entlädt sich in Jubelgeschrei.
Ein Polizist schleicht heran und schnappt den Hund beim Nackenfell, aber der beißt sich los und flitzt knurrend in die Menge. Leute straucheln, zwei Frauen stürzen über das Absperrband. Auch Mulder tritt einen Schritt beiseite, zu spät, er kann nicht ausweichen, als der Hund an ihm hochspringt. Sein Mantel bekommt Schmutzstreifen.
»Gehört der Hund zu Ihnen?«, fragt der Polizist.
»Den seh ich zum ersten Mal«, sagt Mulder erschrocken.
»Aber er scheint Sie zu mögen.«
»Vielleicht hat der Rauch ihn geblendet.«
»Wissen Sie, wem er gehört?« Der Polizist starrt ärgerlich auf die Bissspuren in seinem Handschuh.
»Keine Ahnung.« Mulder weiß nicht, wo er hinsehen soll. Der Hund scheint ihn tatsächlich zu erkennen, er wedelt mit dem Schwanz, winselt, will in seine Arme springen....