"Wobei es ihr selbst nicht ums Verzeihen ginge, wie meine Mutter betonte, sondern um ihren Entschluss, aus dem Hamsterrad dieser elenden Familie auszusteigen, in der pausenlos Frauen geschwängert und Lügen erzählt würden. Mich überrascht, dass sie den Begriff aus dem Hamsterrad aussteigen benutzte, denn meine Mutter hatte als Kind einen Hamster besessen, der den Namen Roger trug und für seine spektakulären Ausbrüche berühmt war. Roger pflegte nachts die Watte aus seinem Schlafnest zu zerren und unter das Laufrad zu stopfen, so dass er außen an dem blockierten Rad hochklettern und durch eine Lücke im Käfigdach, das meine Mutter selten richtig zumachte, entkommen konnte. Der gähnend leere Käfig am Morgen mit seinem manipulierten Laufrad sei ein Manifest des triumphierenden Kleintiers gewesen, erzählte meine Mutter, aber auch ein Zeugnis seiner Grenzdebilität, denn direkt neben dem Käfig stand eine große Vorratstüte mit Hamsterfutter, in die sich der Idiot jedes Mal gleich nach seinem Befreiungsakt versenkte. So fand man ihn dann auch morgens nahezu bewegungsunfähig in der Futtertüte, die Backentaschen so prall wie Autoreifen, und man konnte die Umrisse der einzelnen Mais- und Sonnenblumenkörner von außen deutlich erkennen. Er habe sich wahrscheinlich jedes Mal wieder fürs Fressen statt für die Freiheit entschieden, interpretierte meine Mutter sein Verhalten, aber ich fand immer, dass diese Hamstergeschichte eine Metapher für etwas viel Größeres war, zum Beispiel, dass man das Paradies auch in einer Tüte finden konnte, so lange es nur schwierig genug war, dorthin zu gelangen."
(Ein fabelhafter Lügner, Seite 35/36)
Aus der Sicht der sechzehnjährigen Lily wird dieses ganz besondere Familientreffen geschildert. Sie ist die Enkelin des fabelhaften Lügners Joschi Molnár, der zu diesem Zeitpunkt seinen 100jährigen Geburtstag gefeiert hätte. Dieser Anlass führt die Halbgeschwister Marika, Hannah und Gabor und natürlich Enkelin Lily endlich zusammen. Eigentlich hatte der Teenager nur ein Referat über das KZ Buchenwald schreiben wollen, um die Schulnote zu verbessern und jetzt lässt die Autorin Susann Pásztor sie eben diese einfühlsame, humorvolle, einzigartige Geschichte über Verrat und Versöhnung, Verständnis und Vergebung erzählen.
Als Joschi Molnár, ein Jude mit ungarischen Wurzeln, an einem milden Septembertag im Jahre 1956 im Krankenhausbett liegt, stehen drei Frauen an seinem Bett: Seine Ehefrau, seine Exfrau und seine Geliebte, die von den anderen beiden Frauen in seinem Leben keine Ahnung hatte. Aber kann man einem Mann überhaupt Vorwürfe machen, der eben beschlossen hatte, seinem Leben ein Ende zu setzen und dabei gescheitert und etwas verlegen seinen Lieben entgegen blickt? Natürlich müssen sich die Nachkommen der zweiten und dritten Generation mit dieser Geschichte und mit all den anderen auseinandersetzen, die Joschi im Laufe seines Erdendaseins erlebt oder ausgedacht hat. Aber die Suche nach der Wahrheit wird für die vier, sie sich in einem Hotel in Weimar für ein Wochenende eingebucht haben, abgelöst durch das viel wichtigere Gefühl der plötzlichen Verbundenheit. Denn auch die drei Kinder von Joschi haben Geschichten zu erzählen. Gabor, der berufsmäßig Teddybären in die Luft jagt und von seinem Vater verlassen wurde, nachdem der für Tod erklärte 1. Ehemann seiner Mutter nach Jahren doch noch nach Hause zurückkehrte, spricht über seine Zweifel an Joschis Abstammung. War er wirklich Jude? Für Hannah, die als kleines Mädchen bereits sämtliche Konzentrationslager namentlich benennen konnte, kommt dieser Gedanken fremd vor. Schließlich wurde sie von ihrer Mutter von klein auf fast schon mit Gewalt mit dem Judentum vertraut gemacht, obwohl sie eigentlich nur eine Vaterjüdin ist und erst konvertieren müsste, um voll dazu zu gehören. Für Marika, Lilys Mutter, ist es dagegen weniger entscheidend, ob ihr Vater wirklich Jude war, oder als ehemaliger Häftling des KZ Buchenwald nur eine angemessene Entschädigung einklagen wollte. Für sie ist die Frage nach dem wahren Joschi Molnár, seiner Persönlichkeit, wichtiger. Lily beobachtet aufmerksam die Erwachsenen und ihren Geschichten, während sich ihre eigene zu formen beginnt. Ein Besuch in Buchenwald wird für alle Beteiligten zu einem unvergesslichen Erlebnis, welches nachwirkt und die Familie Joschis schließlich zu einem ungewöhnlichen Abschiedsgruß inspiriert.
Die Erzählung ist erfrischend jung und frei erzählt. Die Gefühle werden offen und nachvollziehbar geschildert. Es ist ein guter Einfall, die unbefangene Lily als Erzählerin zu wählen, die nicht wie eine junge Erwachsene spricht, sondern wirklich wie ein neugieriger Teenager, der sich nach Familie und Geborgenheit sehnt und doch die Realitäten des Lebens sorgfältig erforscht und eigene Rückschlüsse zieht.
Als die Familienmitglieder beim letzten Frühstück im Hotel sitzen, bevor sie sich wieder trennen werden, hat man als Leser fast das Gefühl, dazu zu gehören. Man teilt ihre Gefühle der neugewonnen Verbundenheit, ihre Freude, aber ihre Trauer. So muss ein Abschied gefeiert werden! Danke, Frau Susann Pásztor, für diese zauberhaften Momente.