Der Essay "Ein eigenes Zimmer" von Virginia Woolf, ist einer der von Frauenbewegungen meistzitierteste Text, der auch heute noch sehr zum Nachdenken anregt. Woolf befasst sich darin mit dem Thema "Frauen und Literatur". Sie zeigt einerseits die Missverhältnisse zwischen Männern und Frauen in der Wissenschaft auf, arbeitet die männliche Dominanz heraus und zeigt andererseits, dass sich z.B. Frauen wie Jane Austen langsam aber stet einen Platz in dieser Welt erarbeiten. Woolf weist mit "Ein eigenes Zimmer" auf all die Bedingungen wie ein eigenes Einkommen, Privatsphäre, Begabung und Feingefühl, Stil, ein Thema und Akzeptanz hin, die erfüllt werden müssen, um in die männliche Wissenschaftswelt einzudringen. Auch wenn sie als eine der ersten und größten "Emanzen" gilt, merkt man ihr doch immer wieder Zweifel an. Sie als auch die Zeit sind noch nicht ganz reif für diesen für uns heute selbstverständlichen Schritt zum neuen Bewusstsein, Selbstwertgefühl der Frau, als sie z.B. den neuartigen, wenig poetischen Stil ihrer Zeitgenossin M. Carmichael (S.80) kritisiert, als sie das Thema "Kind oder Karriere" erstmals kritisch beleuchtet (S.24) oder am Ende des letzten Kapitels sagt, es sei in der Tat erfreulich, wieder etwas von einem Mann Geschriebenes zu lesen (S.98).
Besonders gefielen mir im letzten Kapitel der Blick aus dem Fenster ihres eigenen Zimmers auf die quirlige, sich minütlich ändernde Stadt London als Hinweis auf die sich im Wandel befindende Stellung der Frau im Spiegel der Litaratur im 20. Jahrhundert wie auch die abschließende Metapher der toten Dichterin - einer imaginären Schwester Shakespeares - die in einem (der Frau) immer weiter leben wird.
Erfrischend zu lesende und nachdenklich stimmende 112 Seiten, die tief in die Psychologie und das Frauenrecht einsteigen, in ihrer Sprache wie auch Thematik brand aktuell sind und in Zeiten des "Eva-Prinzipes" wiederum ganz anders interpretiert werden als noch zu Hochzeiten von Alice Schwarzer.