Beim Lesen dieses Buches, an das ich natürlich Erwartungen hatte, bin ich durch Gebiete von Trostlosigkeit, Mutlosigkeit, Monotonie und dem Gefühl des Hingehaltenwerdens, seitens des Autors, gewandert. Wer glaubt, etwas Ähnliches wie in
Winter in Maine: Roman" (eines meiner Lieblingsbücher) vorzufinden oder gar erwarten zu dürfen, dürfte hier Schiffbruch erleiden. Denn, zum Einen, ist es weder ein Thriller, noch ist es in einer ähnlichen Art geschrieben. Zudem, ist es der Debutroman des Autors, der 5 Jahre vor "Winter in Maine" geschrieben wurde. Und wer einen guten Unterhaltungsroman oder einen Roman mit guten Unterhaltungswert sucht, sollte besser die Finger von diesem Buch lassen. Das Buch beschäftigt sich mit der Frage, wie weit wir Menschen bereit sind, unser Leben zu retten, selbst wenn wir ev. über Leichen gehen..
Nach gut 200 Seiten beschwerlichen Vorwärtskommens, habe ich die Gedanken zum Buch im Anhang vorab gelesen, was mir letztendlich Mut machte, durchzuhalten. Jeder Leser selbst, muss natürlich entscheiden, ob er das will, denn es gibt ein wenig davon preis, was der Autor mit dem Buch will, und wie es ihm beim Schreiben ergangen ist, und was ihn dabei bewegt hat. Um diesen Buch irgendwie gerecht zu werden, bevor wir uns in irgendwelchen Enttäuschungen oder dem Heruntermachen uns verleiten lassen, habe ich mich entschieden, zuerst den Autor selbst sprechen zu lassen, denn er äussert sich selbst im erwähnten Anhang, zu seinem Debut, um ein wenig vom Hintergrund, des Buches zu erfahren: (Skippen sie diesen Teil, wenn Sie sich das nicht vorwegnehmen wollen)
"Was würden Sie tun, wenn Sie sich entscheiden müssten, entweder ihre Freunde zu verraten oder zu sterben? In der relativen Sicherheit unserer Tage ist die Frage leicht zu beantworten. Nun stellen sie sich aber vor, dass ein Bürgerkrieg tobt, dass Ihnen diese Frage von Soldaten gestellt wird, und zwar mit einem Gewehr im Anschlag. Was würden Sie tun? Falls es bei einem Roman so etwas wie ein zentrales Thema geben kann, dann beschäftigt sich dieser Roman mit der Antwort und ihren Konsequenzen."
Als Gerard Donovan in seiner Blockhütte sitzt, bevor er mit seinem Debut "Ein bitterkalter Nachmittag" beginnt, sieht er an einem kalten Wintermorgen in den Wald hinaus. Er sieht einen Mann auf ein Feld marschieren, gefolgt von einem anderen Mann, vor ihm liegt eine Schaufel im Schnee. Er hat kalt und bibbert vor Kälte. Er trägt Handschuhe ohne Fingerspitzen. Er beginnt zu schreiben im Glauben, eine short-story zu machen. Nach 60 Seiten wird er bemerken, das daraus ein Roman entstehen könnte, er der noch nie einen Roman schrieb. Ohne einen Plan zu haben, folgt er einfach der Geschichte. Die Eckdaten sind klar gesteckt: Es ist Winter, es schneit. 2 Protagonisten, der Bäcker, der Lehrer. Das Feld ist die Bühne und wird nicht verlassen. Zeit und Ort sind eingeschränkt, für einen der beiden Männer läuft die Zeit ab, eine mit Rätsel beginnende Geschichte, wo der Autor selbst das Ende nicht kennt, ein Schriftsteller, der sich selbst ins Chaos stürzt und sich nur vom Schreiben treiben lässt, nicht wissend, wo die Geschichte mit ihm hingehen wird..
Sehr eindringlich ist sie geschrieben, diese Geschichte, die geheimnisvoll und verschleiert daherkommt, sie ist manchmal hart, konfrontierend, Donovan gibt über eine lange Strecke nicht preis, was er erzählen will, als Leser wird man des Hinhaltens bis zur Schmerzgrenze strapaziert. Eine Geschichte, die wenig Orientierung gibt. Wir wissen, das Krieg ist. Doch wir wissen weder welcher Krieg es ist, noch wo er ist. Wir kennen weder das Land, noch den Ort. Das was uns als Leser helfen könnte, oder uns Orientierung gäbe ist nur karg ausgestattet. Der Bäcker wird vom Lehrer beaufsichtigt, in der Nähe stehen bewaffnete Soldaten, immer wieder werden Lastwagen von Menschen gebracht, wo nicht klar ist, was mit ihnen passieren wird. Der Bäcker gräbt ein Loch. Während des Grabens entstehen verschiedene Gespräche, (manchmal philosophisch) über Gott, das Böse, über Geschichte, (wo sie sich bspw. über Dschingis Khan unterhalten) über existenzielle Fragen, reden über Männer und Frauen, S*x, über die Liebe, sie erzählen sich aber auch Märchen, führen gemeinsam Theaterstücke auf, besprechen Drehbücher oder reden über Erfindungen..
Fazit: Eine Wintergeschichte im Krieg, wo ein Erdloch zur Theaterbühne wird. Ein Autor, der den Leser in die gleiche Situation / Stimmung bringen will, als die Protagonisten selber stehen. Ein Werk das unverstanden scheint, dass selbst der Autor sich zu seinem Debut im Anhang dazu äussert. Ein Roman, der um die Frage kreist, zu was wir Menschen imstande sind unser Leben zu retten, angesichts tödlicher Bedrohung. Ein Buch, das sich mit der Frage beschäftigt, ob Eigeninteresse der wesentliche Instinkt des Menschen ist. Oder ist der Instinkt zu lieben stärker? Dem Leser zuzumuten, dass er von Furcht, unbarmherziger Langweile, der Monotonie und dem überwältigenden Verlangen dem Ganzen zu entkommen, ausgeliefert ist, zeugt von Mut seitens des Autors. Ob wir als Leser gewillt sind, uns dem auszusetzen, ist nochmal eine ganz andere Frage.
Dieses Buch ist ganz sicher kein Unterhaltungsroman und richtet sich an anspruchsvolle Leser. Wer aber ein ernstes Werk, mit existenziellen Fragen zu lesen bereit ist, könnte darin ein paar Kostbarkeiten finden, existenziellen Fragen, wo es sich lohnen könnte, sich selber zu stellen, ich möchte diese Leseerfahrung nicht missen. Auch wenn ich zugeben muss, nur die letzten 50 Seiten genossen zu haben. Wer es aushält, einen Roman zu lesen, der mit "Handlungsarmut" ausgestattet ist und es aushält vom Autor moralisch im Stich gelassen zu werden, stellt sich hier einer echten Lese-Herausforderung, die, ich betone, bewusst so angesetzt ist. Erst gegen Ende des Romans, lüftet sich langsam, das Anliegen des Buches. Ist man am Ende, beginnt der eigentliche Prozess, der eigenen Leseerforschung erst, was ich persönlich für eine brilliante schriftstellerische Leistung von Gerard Donovan halte. Es gibt Schriftsteller, denen man die Treue hält, auch wenn man weiss, dass es nicht die grosse Masse ansprechen wird, Gerard Donovan gehört für mich längst dazu..
Gerard Donovan (geb. 1959 in Wexford / Irland) hat Philosophie und Germanistik studiert. Daneben hat er klassische Gitarre studiert. Er hat Romane, Kurzgeschichten und Gedichte veröffentlicht. Seine erschienenen Romane sind Schopenhauers Teleskope (2003) / Ein bitterkalter Nachmittag, Doctor Salt (2007), Julius Winsome (2006) / Winter in Maine und Sunless (2007). Ausserdem sind von ihm Gedichtsammlungen erschienen, Columbus Rides Again (1992), Kings and Bycycler (1995) und The Lighthouse (2000). Für The Lighthouse stand er auf der shortlist Irish Times Literature Prize, mit Schopenhauers Telescope / Ein Bitterkalter Nachmittag auf der Long List Booker Prize, erhielt dafür 2004 den Kerry Group Fiction Award und war Finalist 2003 bei Irish Novel of the Year. Julius Winsom (Winter in Maine) wurde vom Guardian zum "Book of the Year 2008" ausgezeichnet.
PS.:Dieses Buch kommt mir vor wie eine Bergbesteigung, wüsste man vorher was auf einen zukommt, ginge man nie, hat man es aber gemacht, und wusste vorher nicht was auf einen zukommt, möchte man diese Erfahrung für Nichts auf der Welt wieder hergeben..