"Ein bisschen unsterblich wie Schach" - ein Roman, der dem Leser zunächst einiges abverlangt. Etliche handelnde Personen, ein Gestrüpp von Beziehungen, über den Globus verteilte Schauplätze müssen erfasst und verarbeitet werden, bevor das Gefühl aufkommt, wirklich in der Geschichte angekommen zu sein. Der Autor hat ein Loblieb auf das Schachspiel singen wollen, und wie das Schachspiel hat er sein Werk angelegt - Figuren, die miteinander in vielfältigen Beziehungen stehen, verteilen sich über das Brett.
Die Hauptfigur, William Cartwright, ist eine hochintelligente Person, zugleich aber auch etwas eigentümlich. Das Leitmotiv vieler seiner Handlungen ist sein Streben nach "ein bisschen Unsterblichkeit". Er verrennt sich in die Vorstellung, dass ein tibetanisches Schriftstück einen früheren Besuch Außerirdischer belegt. Diese Wurzel seiner Vorstellungen kann er nicht selbst entschlüsseln, er bedient sich deshalb verschiedener Hilfen. Mit jeder neuen Interpretation der Schrift, die sich als Weissagung offenbart, ergibt sich eine neue Version, die zum Teil gänzlich von anderen abweicht.
Einen besonderen Reiz übt "Ein bisschen unsterblich wie Schach" dadurch aus, dass der Autor Gerhard Josten Wirklichkeit und Dichtung bisweilen eng miteinander verwoben hat. So begegnet Cartwright unter anderem dem Autor Stefan Zweig, dem Mathematiker Alan Turing und, aus der Sicht der Schachspieler besonders interessant, dem jungen Robert (Bobby) Fischer. Letztgenannter beweist nicht nur seine besondere schachliche Begabung, er gibt Cartwright auch eine eigene, auf sich selbst bezogene Interpretation des geheimnisvollen asiatischen Textes an die Hand.
Der Roman spielt vor allem während des 2. Weltkriegs und läuft in den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts aus. Er ist weniger wegen seiner Handlung lesenswert; vielmehr sind es die Beschreibungen der verschiedenen Charaktere, deren Entwicklungen, und eben auch die Anlehnungen an das Schachspiel, die fesseln. Zu den Anleihen beim Schach ein Beispiel: Cartwright verliert seine große Liebe Joan, die von den Deutschen kurz vor Ende des Krieges ermordet wird. Er ist der Aufgabe (dem Selbstmord) nahe, fängt sich aber wieder. Über eine neu eingestellte Haushaltshilfe, die für ihn immer wichtiger wird, findet er eine neue Partnerin, deren Tochter, eine neue Dame. "Ja, ab heute bin ich Ihre Joan, so lange Sie es wollen!", bietet sie ihm an, als sie "bis zum Umwandlungsfeld vorgerückt ist."
Gerhard Josten stellt mit seiner Geschichte eine verantwortungsvolle Recherche unter Beweis. Er hat nicht nur die Verbindung realer und erdachter Personen geschafft, er hat diese und ihre erdachten Handlungen zugleich in reale Abläufe, in die Geschichte eingefasst. Stefan Zweigs Reisen und die Vorgänge um den Enigma-Code sowie die ersten Versuche der Schachprogrammierung sind nur Beispiele.
Nicht immer gefällig sind die Dialoge, die nach meinem Geschmack teilweise doch etwas zu lang geraten sind und bisweilen ein wenig hölzern wirken. Diese Abstriche ausgenommen ist das Buch gut zu lesen, der Autor hat Wert auf eine gute bis edle Sprache gelegt.
Über kleine inhaltliche Ungereimtheiten und Fehler kann man gut hinwegsehen, sie sind ohnehin selten und versteckt. Drei Beispiele: Ein Mal überträgt Gerhard Josten Besonderheiten des deutschen Schulsystems auf das amerikanische, ein anderes Mal passt ein historisches Zitat nicht in einen englisch sprechenden Mund. In einem dritten Fall sieht die Mitarbeiterin des Geheimdienstes, die er in der Öffentlichkeit trifft, nicht wie eine solche aus, was aber allzu natürlich ist.
Inhaltlich war nur eine Passage nicht ausreichend überzeugend für mich. Den Verlust seiner großen Liebe Joan hat William Cartwright nicht ausreichend erlitten, seinen Selbstmordgedanken fehlt der "psychologische Unterbau."
Kommen wir nun zu weiteren besonderen Stärken des Werks. Es erscheint im Hardcover, hält ein Lesebändchen bereit und zeigt ein dekoratives Titelbild von Samuel Bak.
Ein bisschen unsterblich wie Schach" ist nicht nur etwas für Schachliebhaber und eine schöne Ergänzung für das Bücherregal, sondern auch für nicht so mit dem Schach verbundene Lesefreundinnen und -freunde.
Zum Abschluss noch ein kleiner Hinweis für alle, die sich zukünftig an das Werk machen: Die Kapitelüberschriften folgen Zug für Zug der unsterblichen Schachpartie Adolf Anderssen - Lionel Kieseritzky, London 1851, haben mit der Romanhandlung aber nichts zu tun.