Die hilfreichsten Kundenrezensionen
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21 von 23 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Großartig!, 26. April 2009
Enquists autobiographischer Roman ist eines der besten Bücher, die ich in den letzten Jahren gelesen habe. Er beschreibt in der dritten Person sein Leben in drei Teilen. Die Kindheit in einem kleinen nordschwedischen Dorf in einem traumatisierend wirkenden bigotten Umfeld. Dann der Aufbruch in die Welt, der erfolgreiche Schriftsteller, der Mann der scheinbar sein Dorf hinter sich gelassen hat und wir erleben mit ihm ein Stück der kulturellen und politischen Geschichte der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Im dritten Teil beschreibt er, wie die nicht verarbeiteten Traumata seiner Kindheit ihn wieder einholen, er alkoholkrank wird und es ihm schließlich gelingt, seine Krankheit zu überwinden. Das Eigentliche an Enquists Werk ist aber die Art, wie er sein Buch schreibt. Das ist tief beeindruckend und genial. Literatur auf höchstem Niveau und trotzdem gut lesbar. Ich bin absolut begeistert und kann es jedem nur empfehlen, der sich auf ein anspruchvolles Buch einlassen mag.
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3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Eine schonungslose Autobiographie, 2. August 2009
Per Olov Enquist (Jahrgang 1934) ist zweifelsohne einer der großen schwedischen Autoren der Neuzeit. Im Laufe seines Lebens ist ihm eine Vielzahl von international erfolgreichen Werken gelungen.
Immer hat "PO" in seinen Büchern auch sein eigenes Erleben verarbeitet.
Doch mit diesem (Hör-) Buch gibt er erstmals einen umfassenden und tiefen Einblick, wie es im Leben eines erfolgsverwöhnten Autors auch aussehen kann.
Die schonungslose Beschreibung des langsamen Abgleitens in die Alkoholabhängigkeit und die Schilderung der sozialen Abgleitens in einsame Welt, in der Whisky usw. die einzigen Frende sind, ist erschütternd - oder lehrbuchhaft, wenn man so will. Die vielen Versuche, sich von der Sucht zu befreien, die auch die schriftstellerische Produktion mehr und mehr in Frage stellt, sind bedrückend, die Beschreibung der Klinikaufentalte erschütternd.
Enquist gibt gleichzeitig in zeitlicher Reihenfolge einen Einblick in die Entstehung seiner Werke - der Leser / Hörer erfährt dadurch vieles, was ihm im Nachhinein ggf. hilft, das Gesamtwerk besser zu verstehen.
Das gekürzte Hörbuch wird versiert von Frank Arnold auf 6 CDs und in gut sieben Stunden vorgelesen.
Fazit: Man bekommt Lust, vor dem Hintergrund dieser Autobiographie und Werkschau das eine oder andere Werk von PO Enquist erneut zu lesen.
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7 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Eine Lebensgeschichte schonungslos und messerscharf erzählt, 10. Juli 2009
Ich lese leidenschaftlich gern Tagebücher, Briefe und vor allem Autobiografien und ich muss sagen, ich habe seit ewigen Zeiten keine solche Lebensgeschichte gelesen, die auf die existenziellen Fragen des Lebens so eissplitterscharf und schonungslos eingeht. Es ist die Geschichte von einem Menschen, die gewisse Weise, im wahrsten Sinne des Wortes, in die Tiefen der Hölle hinabgestiegen ist und am Ende des Buches eine persönliche Wiederauferstehung erleben darf. Es ist die Autobiografie von Per Olov Enquist, dem großen schwedischen Autor. Er hat sie "Ein anderes Leben" genannt, erzählt sie in der dritten Person, als ob es die Geschichte eines anderen wäre, möglicherweise die seines "Totbruders", denn herangewachsen ist er im Schatten zweier Toter. Da ist einmal dieser Bruder gleichen Namens, der vor ihm geboren wurde und gleich nach der Geburt gestorben ist und so weiß er manchmal nicht, ob er jetzt der Lebende ist oder der Tote, zumal er in dessen Bett mit Ausziehsystem aufwächst. Er bleibt darin immer das "Kind im Sarg". Und da ist außerdem sein Vater, der gestorben ist als er ein halbes Jahr alt war und den seine gläubige Mutter nicht einmal auf dem Totenbett mit ihrem Herrnhuter Erweckungseifer in Frieden gelassen hat. Er empfand das Fehlen des Vaters als Stärke, hat ihn nie wirklich vermisst, hat sich in Entscheidungsfindungssituationen herbeigedacht, empfand ihn stets als Schutzengel. Er schätzte den "wortlosen" Rat seines Vaters, fühlte sich in ihm geborgen. "Er saß im Inneren der Ewigkeit" und der junge Olav liebte es seinem Vater Dinge zu zeigen, die dieser nicht hatte erleben können.
Das Buch besteht aus drei Teilen. Da ist zunächst einmal die unglaublich protestantische Kindheit in einer radikalen Glaubenssekte, ein archaisches Leben, tausend Kilometer von Stockholm, im nordländischen Urwald, in Hjoggböle. Eine Kindheit die von Sündenbewusstsein bestimmt ist. Das ist schon sehr Atem raubend, wenn man von dieser Kindheit liest, die gekennzeichnet ist von einer unerlösten Freudlosigkeit, eine Kindheit die praktisch nur aus Verboten besteht. Jeden Samstag soll er vor dem zu Bett gehen eine Sünde bekennen und so bleibt er fast "klinisch" sündenfrei, auch wenn er, ohne Sünde begangen zu haben, die Erdichtung eines gestohlenen Bonbons als Notlüge nimmt. So lernte er schon sehr früh, dass die Welt voller Sünde ist und das Fehlverhalten Schmutz hinterließ wie "Kuhfladen im Sommer". Er erlebt dann schon die großen Existenzfragen als Kind.
Seine Zukunft liegt darin, in den kleinsten Events das wirklich Große zu sehen. Das gelang ihm, weil er eine Suchnatur war. Die Mutter war der Mensch, den er immer bewunderte und der ihn am stärksten beeinflusst hat. Per Olov Enquist haben sich alle großen Fragen schon in seiner Kindheit gestellt, nur die Antworten haben ihm nicht gefallen. So hat er dann später als Schriftsteller Antworten auf diese Fragen gesucht.
Es folgt ein längerer Mittelteil, der den jungen Militärdienstleisten zeigt, den Leichtathleten und den jungen Schriftsteller. Übrigens jedes Dorf hatte einen Schriftsteller. Auf hundertfünfzig Einwohner entfielen fünf Schriftsteller. Seine Mutter hätte es lieber gesehen, dass er Lehrer oder Pastor geworden wäre, er aber überwindet die Grenzen der Provinz, wie einige andere Zeitgenossen und wird zu einem der renommiertesten und angesehensten Schriftsteller Schwedens. 1957 erlebt er die DDR als fremden Planeten, als Staatsgebilde, das wie kein anderes den Sport politisch instrumentalisierte. Er arbeitet für das Svenska Dagbladet, wo er vom homo ludens" zum "homo politicus" wird, in seinen Artikeln von einem "soziademokratischen Schaf" zu einem "liberalen Wolf" mutiert, über "Hefe, Teig und Gärung" reflektiert und das Gewissen über das Gesetz stellt.
Er berichtet von den Olympischen Sommerspielen in München, dort wo im israelischen Mannschaftsquartier die Spiele explodieren. Er besucht das Baltikum und erlebt den Wendepunkt im Kommunismus, die wirtschaftliche Implosion, die sechs Jahre später den Kommunismus zusammenbrechen lässt. Er schreibt Theaterstücke in den USA, erhält den größten skandinavischen Literaturpreis, lernt in Berlin einige deutsche Autoren kennen,- Enzensberger, Grass und Heißenbüttel-, erlebt Sechstagerennen, Boxkämpfe, Fußball und die RAF. Dann wohnt er 15 Jahre in Dänemark, betrachtet das Land als eine Landschaft in Schweden. Er schreibt viele Romane, die man in der Autobiographie alle wiederfindet, weil seine Romane immer wichtige Motive seines Lebens aufgreifen und umschreiben. Die Erfolgsgeschichte eines Schriftstellers ist also gut nachvollziehbar, was man nicht versteht, wenn man schwedische Verhältnisse nicht kennt, ist sein stetes Engagement als Sozialdemokrat.
Und dann, eigentlich im Zenit seines Erfolges, fällt er in den Alkoholismus. Wie es zu diesem Absturz kam und wie er sich schließlich schreibend neu erschuf, davon berichtete er im dritten Teil dieses außergewöhnlichen Buches indem er reflektiert:"Wenn alles so gut ging, wie konnte es dann so schlimm enden? Man hofft ja immer auf ein Wunder, denn wenn man nicht hofft, ist man wohl kein Mensch. Und eine Art Mensch ist man wohl trotz allem."
Er beginnt selbstmörderisch zu trinken, sinkt immer tiefer, obwohl er zunächst glaubt die wissenschaftliche Kontrolle über seinen Alkoholkonsum zu haben, indem er mit beinahe wissenschaftlicher Exaktheit seinen Promillegehalt kontrolliert. Seiner Frau, die er sehr liebt verheimlichte er nichts, sah aber in ihren Augen das sie die Analyse und die Folgen kannte. Er stürzt immer tiefer, beschreibt aufrichtig und ungeschönt wie er, obwohl er die Situation scheinbar durchschaute und die schädlichen Wirkungen des Alkohols kannte, immer weiter säuft. Wenn er betrunken ist kann er keine klaren Gedanken fassen, nicht schreiben, aber er wird nie gewalttätig oder aggressiv. Er betrachtet seine Situation mit Galgenhumor und humoristischer Klarheit. Schließlich wird er in X Entziehungsanstalten eingewiesen, muss sich spiegeln und seine Gefühle offen legen und erkennen, dass ihm sein Leben offensichtlich aus den Händen geglitten ist. Zwischen den Alkoholphasen schreibt er mit dem Buch "Gestürzter Engel" einen seiner besten Romane. Wenn er nüchtern ist glaubt er, dass er jetzt in diesen guten und lieben "Totjungen" verwandelt werden soll, der nie soff. Schließlich erkennt er, dass auch die am tiefsten Erniedrigten eine Hoffnung haben, dass es immer noch etwas Besseres gibt als den Tod. In den nüchternen Phasen lernt er die Qual des Entzugs kennen. Er wollte leben, seine Tochter bewunderte ihn, sagt du bist mutig und du hast Courage. Und das ist der Kipppunkt des Buches, da kommt er vom Alkohol weg und auf einmal konnte er wieder schreiben. Ihm wurde ein zweites Leben geschenkt, obwohl es kein Wort vom Herrscher des Weltalls gab. Er schreibt und schreibt und wusste, dass er gerettet war. Seine Zukunft lag darin in kleinen Ereignissen das Große zu sehen. Das ist etwas was den Leser sehr berührt, Liebe die ihm am Anfang seines Lebens fehlt erhält er plötzlich am Schluss, obwohl das Buch auch voller Selbstvorwürfe ist, wie er mit seinen Kindern umgegangen ist.
Man fragt sich immer wieder, wer hat diese Autobiografie geschrieben? Ist es vielleicht dieser "Totjunge"? Ist er immer dieser "Totjunge" gewesen oder wird er jetzt, wo er sich vom Alkohol verabschiedet wieder zu diesem tot Geborenen? Da ist eine Ambivalenz die er nicht auflösen kann. Ist er nicht vielleicht ein anderer? Er schreibt ja bei der Entziehungskur von diesem quälenden, schreienden "Ich" das man beim Entzug zu brechen versucht. Der Kampf in der Klinik, wo sie eigentlich mit ihm dieses Ich, den gefeierter Schriftsteller, zerbrechen müssen, um dieses andere Ich zu finden, das später die anderen Bücher geschrieben hat. Das ist eigentlich der Fokus des Buches, dieser verzweifelte Kampf zwischen Ich und Er. Der Spannungsbogen zwischen Autobiografie und Thanatologie, macht den Reiz des Buches aus, weil Per Olov Enquist sich so zu sagen selber verliert und dann zum Schluss, mit sehr viel Liebe durch eine große Kälte, in dieses andere Leben hineinkommt.
Das alles beschreibt Per Olov Enquist mit großer Offenheit, beschreibt sein Leben nicht als glorreiche Erfolgsgeschichte. Er erzählt, wie er sich nach zahlreiche Fehlschlägen neu erfunden hat, indem er ganz existenziell an sein eigenes Leben ging und beim Entzug auch über sich und seine eigene große Tragödie schreiben konnte. Da er die Kämpfe überstanden hat, kann er alles in einem leichten, humorvollen Ton schreiben, wobei er den Schlüssel zu seinem Konflikt in dem Satz beschreibt:"Zu schreiben war eine einsame Sache, nicht zu schreiben, war jedoch schlimmer, ja es war die Hölle."
Ein zu tiefst imponierendes, außergewöhnliches, tief berührendes Buch, von einem meisterlichen Erzähler komponiert und wunderbar geschrieben, ein großer Roman über das 20. Jahrhundert, denn der Autor sieht sich schon als historische Figur, die bei sehr viel emblematischen Situationen Zeitzeuge war. Die Verdichtung in den einzelnen Passagen hat großen Eindruck auf mich gemacht. Man kann das Buch lesen, auch wenn man seine Roman nicht gelesen hat, vielleicht ist es für den einen oder anderen Anreiz, die in der Autobiographie angeführten Bücher von Enquist zu lesen.
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