"Ein perfektes und herzerfreuendes Dorf" heißt das erste Kapitel des in der hebräischen Ausgabe schon 1966 erschienenen Romans des Trägers des Friedenspreises des deutschen Buchhandels.
Ein ungenannt bleibender Lokalpatriot führt den Leser durch den Kibbuz Mezudat Ram, gleichsam wie ein schwatzhafter Gastgeber einen hohen Gast, der sich der unbeugsamen Bevormundung kaum erwehren kann. Der Blick des Lesers fällt auf fleißige Kibbuzniks, die Anfang der 60er-Jahre - nur wenige Jahre nach der israelischen Unabhängigkeit, aber noch vor der Besetzung des Westjordanlandes - die neue Heimat aufbauen wollen. Die schreckliche Vergangenheit in Europa ist scheinbar weit entfernt, Soldaten des arabische Nachbarstaates lauern aber nur wenige Kilometer vom Kibbuz entfernt auf Gelegenheiten, um das Wehrdorf Mezudat Ram ("Hohe Feste") vernichten zu können. Der Archetyp des Bösen scheint nahtlos von den Nazis auf die arabischen Feinde übergegangen zu sein. So sieht es jedenfalls der Erzähler und spart nicht mit überschwenglichem Lob für seine fleißigen und wehrhaften Mitbewohner, die im jüdischen Sozialismus ihr politisches und persönliches Ziel sehen.
Immer wieder aber aber scheint der lobhudelnde Plauderton nicht recht zu passen; es eröffnen sich Einblicke in weniger harmonische Welten: die Liebe einer Sechzehnjährigen zum Ehemann der Geliebten ihres Vaters, ein ehemaliger Mitbewohner, der in Deutschland (!) ein Bordell (!) betreibt und seinen Namen von Sacharja auf Siegfried (!) änderte, junge Männer, deren soldatischer Heldentat die Provokation von feindlichen Angriffen vorangeht, ...
Der Klatsch geht weiter, neue Stimmen mischen sich ein, der Leser erfährt viel Interessantes über das kollektive Kibbuz-Leben ohne Privateigentum. Er (und sie!) wird eingeladen, eigene Schlüsse zu ziehen, den schicksalhaften Zusammenhalt und Patriotismus der wehrhaften Dorfbewohner in Zweifel zu ziehen, Gut und Böse neu zu ordnen und gleich wieder zu relativieren.
Amos Oz, der gewitzte Chronist eines komplizierten Landes, wagt ein erzählerisches Abenteuer und sichert so seinen Lesern ein Recht, das in Regionen und Zeiten politischen Hasses besonders bedroht ist: die eigene Meinung.