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James Ellroy mag Chandler nicht sonderlich, auch wenn dessen Name in jeder Besprechung eines neuen Ellroy-Krimis fällt. "Ich denke, er war nicht so wichtig, wie man ihn immer macht. Ich halte Dashiell Hammett für wesentlich wichtiger, und auch Joseph Wambaugh ist ein viel besserer Schreiber, besonders seine frühen Sachen. Chandler schrieb immer wieder dasselbe Buch. Er erweiterte es ein bisschen in Der lange Abschied, aber er machte nie was anderes. Er füllte sieben Romane mit Marlowes Gedanken und schrieb einige Shortstories. Sonst nichts. Er hätte sich an anderem versuchen sollen: Er hatte sich mehr bemühen sollen. Er hätte härter daran arbeiten sollen, das zu ändern; und sein Privatleben in den Griff zu bekommen. Er hätte mit dem Trinken aufhören sollen. Dann hätte er schon mal länger gelebt."
Harte Worte sind Ellroys Hauptbeschäftigung. Seit 1979. Und er ist erfolgreich: Pro Buch streicht er einen Vorschuss von 600.000 Dollar ein. Jahrelang als der Autor verkauft, dessen Mutter ermordet wurde, als er gerade zehn Lenze zählte, legt Ellroy pro Jahr fast ein Buch vor. Er hatte schon zum Zeitpunkt dieses Treffens, 1995, seinen Kalender bis 1999 mit kommenden Projekten verplant.
Ellroy. Ein Mann der harten Worte, der kurzen Sätze. Nach Nächten auf Parkbänken, über 30 Stippvisiten im Knast, hört er 1975 mit dem Saufen auf, 1977 mit den Drogen. Etwas später, inzwischen 31 Jahre alt, nimmt er sich einen Bleistift und schreibt in einem schäbigen Hotelzimmer -- der Legende nach im Stehen -- seinen ersten Roman: Browns Grabgesang. "Ich stehe darauf, wenn eine Story ohne Umschweife vorwärts entwickelt wird. Ich mag Bücher, die gut, möglichst straff konstruiert sind. Ich mag es nicht, wenn sich Schreiber in ihrem Saft lümmeln und wälzen -- irrelevante Detailbeschreibungen gefallen mir nicht. Das geht einfach an mir vorbei. Immer schon. Tempo ist mir wichtig", sagt der Mann, der heute hier ist, um seinen elften Roman zu promoten. "In den meisten Fällen sind ausführliche Beschreibungen von Personen und Sachen lediglich Vorwand für Metaphern und Gleichnisse. Ich meine, die Kunst des Schreibens besteht vor allem darin, mit möglichst wenig Worten möglichst viel Dichte zu erzeugen. Ohne Umwege führe ich meinen Lesern die Standpunkte meiner Charaktere vor -- innerhalb der Zeilen, die man dazu benötigt."
In seinen Krimis steuert Ellroy bereits im ersten Kapitel auf Korruption und Erpressung zu, kurz später rollen die ersten Köpfe, dann taucht in irgendeinem Vorgarten ein Gelynchter auf, nicht selten verstümmelt, Genitalien im Mund. Gleichgültig, worum es geht, ob um die Doppelleben korrupter L.A.-Cops, um Hollywoods Größen der Entertainment-Industrie oder des Stadtrats, die mit Zuhälterei und Schmuggel Karrieren anschieben, Gehälter aufbessern, Bekannte bei Laune halten oder ob es um Gauner geht, die auch zu Gutem fähig sind, im nächsten Moment aber schon wieder dermaßen politisch unkorrekt, dass man sich als Leser fast schämt -- Ellroy schaut nicht weg. Nie. Er fasst in Worte, was andere kaum zu denken wagen. Mit einem Faible für alles, was unter der Oberfläche gammelt, was hinter den Kulissen Hollywoods schimmelt, ist es nur konsequent, dass sich der Mann nach dem L.A. Quartett (Die schwarze Dahlie, Blutschatten, Stadt der Teufel, White Jazz), einer Krimiserie, die in Chandlers Territorium, dem Los Angeles der 40er und 50er Jahre spielt, nicht länger um bloße Kriminalverbrechen kümmert.
Sein neuestes Werk, Ein amerikanischer Thriller, ist der erste Roman einer geplanten Trilogie über die US-amerikanische Unterwelt. Es startet exakt fünf Jahre vor der Ermordung John F. Kennedys, endet wenige Minuten (oder Sekunden?) vorher. "Es baut nicht auf Polizeiarbeit auf. Es ist größtenteils historisch. Es ist weder der Form noch dem Inhalt nach ein Krimi. Es bewegt sich auf einem größeren geschichtlichen Umfeld als alles, woran ich bisher gearbeitet habe." Personal und Ereignisse in Ein amerikanischer Thriller vermischen Fakt und Fiktion. Die dubiosen Mittel, mit denen John F. Kennedys Vater Millionen erwirtschaftete, kommen genauso zur Sprache wie die geheimen Konten, auf denen er die Kohle aufbewahrte, die Fonds, an die er sie verlieh. Kurz und prägnant, in gewohnter Respekt- und Kompromißlosigkeit zeigt Ellroy, weshalb der CIA die Kennedys hasste, weshalb Sinatra mal gern gesehener Gast bei den Kennedys und der Mafia war, dann nicht mehr, weshalb das FBI mit großen Waffen gegen rote Umtriebe auffuhr, Ärger mit der Mafia aber vermied.
Auch enthalten, zum Teil authentisch, in Episoden erfunden: Geplante Invasionen auf Kuba, das Fidel Castro gerade aus dem Würgegriff amerikanischer und italo-amerikanischer (sprich: Mafia-)Interessen befreit hatte. Es kolaborieren: durchgeklinkte Ku-Klux-Klan-Anhänger, Mafia und CIA. Heroinverkauf bringt das nötige Kleingeld, mit dem Exilkubaner ausgebildet werden. Wie man sich leicht vorstellen kann, waren nicht gar so viele Helfer nötig, als es um Kennedys Eroberung von Marilyn Monroe ging. "Was ich mir zum Ziel setzte, war, den Kennedy-Mythos zu zerstören. Eben diesen Mythos, der besagt, dass Amerika vor seinem Tod die reine Unschuld war, dass sein Tod uns daran gehindert hat, in ein goldenes neues Zeitalter einzutreten. Scheißdreck."
"John Kennedy hatte feste Verbindungen zu Kriminellen, zu verbrecherischen Geheimagenten, durchgeklinkten Exilkubanern und zur Mafia. Er hat die Exilkubaner in der Schweinebucht auflaufen lassen. Er melkte die Mafia, ließ sie dann von seinem kleinen Bruder verfolgen. Dafür brachten sie ihn um. Ich wollte seinen Tod darstellen als einfach einen weiteren in einer langen Serie von Morden, zu denen es kam, weil im Amerika der Jahre 1958 bis 1963 ein Haufen Gauner regierte, der fest entschlossen war, die Köpfe rollen zu lassen, die ihnen in die Quere kamen. Man hätte natürlich auch früher, viel früher ansetzen können - das war es aber, wo ich den Faden aufnahm."
Der zweite Band der Underworld USA-Trilogie wird die Jahre 1963 bis 1968 behandeln, der dritte 1968 bis Watergate, 1973. Ob die Schnittstelle zwischen diesen Bänden der 4. April oder der 6. Juni 1968 sein wird, also die Ermordung Martin Luther Kings oder die Robert Kennedys, wusste Ellroy zum Zeitpunkt des Interviews noch nicht. Es beschäftigte ihn auch nur tangentiell, denn das nächste Projekt in seinem Kalender war Die Rothaarige, eine Rekonstruktion des nach wie vor ungeklärten Mordes an seine Mutter im Juni 1958.
Ellroy. Wie gesagt: Eine harte Nummer. Kompromisslos. Und ohne Respekt vor Chandler. Bei ihm hätte diese Story eher so begonnen: Wir pellten uns aus dem Lift, geräumig wie eine Streichholzschachtel des Bel Air Country Clubs, da packte mich die Publizistin am Unterarm -- Zwei Sachen: Es wäre besser, du rauchst nicht, und frag ihn bloß nicht nach Quentin Tarrantino. Darauf spricht ihn jeder an, das kann er nicht mehr hören. --Matthias Penzel
Die Handlung des Buchs umfasst genau fünf Jahre: vom 22.11.57 bis zum 22.11.63 - dem Tag der Ermordung von John F. Kennedy. Erzählt wird die Geschichte von drei Männern, die im Hintergrund, im Untergrund und auf der Straße die schmutzige Arbeit für die ganz Großen der Zeit machen. Ihre Auftraggeber heißen John F. Kennedy, Robert Kennedy, John Edgar Hoover, Howard Hughes und Gewerkschaftsboss Jimmi Hoffa. In wechselnden Konstellationen sind die drei Protagonisten mal für den einen, mal gegen den anderen tätig, mal miteinander, mal gegeneinander. Immer aber haben sie Blut an den Händen kleben, bestechen mit schmutzigem Geld, bespitzeln arrangierte Stelldicheins und kochen nebenbei noch ihr eigenes Süppchen. Die Handlung erreicht ihre Höhepunkte in der missglückten Invasion in der Schweinebucht und in dem Attentat auf JFK.
So zeichnet Ellroy ein Bild der amerikanischen Politik dieser Zeit, das so gar nichts mit der offiziellen Geschichtsschreibung zu tun hat. Besonders interessant ist sein Erzählstil: Ellroy erzählt in vielen kleinen Kapiteln und in kurzen Hauptsätzen. Nebensätze verwendet er sparsam, und die Zahl der "weil"'s lässt sich an zwei Händen abzählen: Es gibt keine Gründe, schon gar gar keine Rechtfertigungen, die Dinge passieren einfach. Dadurch erreicht Ellroy eine ungeheure Direktheit, das Geschehen erscheint zwangsläufig, unausweichlich und auf schreckliche Weise lapidar - selbst in den blutigsten Szenen. Ellroys Sprache ist klar und gnadenlos, sie nennt auch die schlimmsten Dinge beim Namen, ohne sie zu schönen.
... Lesen Sie weiter... ›Es geht es um die krimminellen Verstrickungen von Regierung, Mafia, FBI und CIA. Die Geschichte startet genau 5 Jahre vor den Schüssen auf John F. Kennedy und endet kurz vor der Ausführung desselben.
Die beiden Hauptfiguren sind der brutale Pete und der schmierig-schlaue Anwalt Ward. Beide sind an vorderster Front wenn die sich Mächtigen um ihren Einfluß streiten. Man erfährt warum der Angriff auf die Schweinebucht schiefgelaufen ist, wie JFK an seine Frauen kommt und warum J. Edgar Hoover die Kommunisten haßt aber bei der Mafia gar nicht so streng ist.
Und so werden mit aller Kraft Verschwörungen erdacht, Menschen erledigt, Drogen genommen, Leute unter Druck gesetzt und auch massiv gefoltert.
Das Buch hält sich nur manchmal an historische Fakten und Namen. Die meißten Episoden sind aber reine Fiktion.
Mir hat das Buch sehr gut gefallen. Es ist extrem spannungsgeladen und trotzdem recht vielschichtig gezeichnet. Ellroy schreibt in einer Schonungslosigkeit die fast Grenzenlos ist und läßt alles Unwichtige weg.
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