Man nehme eine Frau in mittleren Jahren, erschüttere sie, lasse sie Bilanz ziehen und komplettiere mit Vergangenheitsbewältigung und Zukunftserwartungen. Das Ganze lasse man an einem alten Scheidungsskandal entlanglaufen. Man bette es ein in die irische Landschaft, in historische, politische und soziale Informationen. Sodann würze man mit ein paar liebenswert kauzigen Menschen und fülle es auf knapp 540 Seiten eines Taschenbuchs und heraus kommt... ein wunderschöner fesselnder Liebesroman, ein Fest für alle Sinne.
Ein alter Traum von Liebe ist der erste Roman der irischen Schriftstellerin Nuala O'Faolain. Die Tochter eines Journalisten begann ihre schriftstellerische Karriere mit Kolumnen für die Irish Times. Unter dem Titel Nur nicht unsichtbar werden veröffentlichte sie ihre Autobiografie. Wer dieses Buch gelesen hat, wird auch in Ein alter Traum von Liebe biographische Spuren der Autorin finden.
Zum Inhalt: Die Reisejournalistin Kathleen de Burca hält kurz vor ihrem fünfzigsten Geburtstag Rückschau. Lang verdrängte Erinnerungen dringen in ihr oberflächliches Leben: Eine große Anzahl wechselnder Sexpartner - keine Spur von Liebe, die überstürzt verlassene Heimat Irland, die verfluchte Familie. Kathleen de Burca beschließt ein neues Leben zu beginnen. Die Akte eines Scheidungsskandals aus der Zeit der großen Hungersnot macht sie neugierig und ist der Anlass in ihre Heimat zurückzukehren. Fasziniert von der Idee einer großen leidenschaftlichen Liebe über Standesgrenzen hinweg, stellt sie Nachforschungen an und erforscht dabei ihr eigenes Leben, ihre eigenen Erinnerungen. Sie sucht den Sinn ihres Lebens und begegnet der leidenschaftlichen Liebe.
Die einfühlsamen Beschreibungen der Menschen, der seelischen und emotionalen Qualen der Protagonistin, der Wechsel zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Fiktion, lassen keinen Moment Langeweile aufkommen. Wer in Irland war, sieht die eigenen Erinnerungsbilder vor Augen, wer Irland nicht kennt, möchte es kennen lernen.
Einzig die deutsche Übersetzung des Buches lässt einiges zu wünschen übrig. An manchen Stellen erscheinen die Sätze verdreht, sogar grammatikalisch falsch, stilistisch schwer verständlich, als seien die passenden Worte nicht gefunden worden.
Trotzdem... ein Buch, das nachdenken lässt und träumen, bei dem man die Zeit um sich herum vergessen kann, auch wenn man dafür vermutlich selbst schon die mittleren Jahre erreicht haben muss.