Ramon Chao - Ein Zug aus Eis und Feuer - Mit Mano Negra durch Kolumbien
In den Achtzigerjahren waren Mano Negra eine der wichtigsten französischen Rockbands, die mit ihrem eigenen Musikstil, Patchanka, Fans auf der ganzen Welt begeisterten. Einer besonderen Popularität erfreute sich die Band von Frontmann Manu Chao vor allem in Süd- und Mittelamerika. Dorthin verschlug es die Band einmal mehr im Jahr 1992 zu ihrer Cargo '92 Tournee, als sie den Menschen in Hafendörfern und 'Städten neben Musik auch ein Frachtschiff brachten, in dem diese Ausstellungen und Installationen zur französischen Kultur bewundern konnten. Umsonst, versteht sich.
Ein Jahr später sollte dies noch einmal getoppt werden. Die Band schloss sich mit verschiedenen anderen französischen Künstlern zusammen, und, finanziell gefördert vom Kultusministerium der französischen Regierung und oftmals aus der eigenen Tasche, machte sich auf den Weg nach Kolumbien. Dort wollten sie auf einem Zug von Santa Marta an der Nordküste bis nach Bogotá im Herzen des Landes fahren, und auf dem Weg in möglichst vielen kleinen Dörfern halt machen. Den Dorfbewohnern brachten sie dann neben Musik von Mano Negra und den French Lovers auch Zirkusartisten, Capoeiratänzer, eine Show mit künstlichem Schnee, einem Eisbären und einem feuerspeienden Drachen und kleinere Eiskunstwerke. Einen kostenlosen Zirkus, mitten in kleinen abgelegenen Dörfern eines vom Bürgerkrieg zerrissenen Landes.
Kolumbien befand sich zu diesem Zeitpunkt bereits seit 40 Jahren im Bürgerkrieg und wurde von Paramilitärischen Truppen der Regierung und der Drogenkartelle sowie den Guerillas kontrolliert. Den Menschen in den kleinen abgelegenen Dörfern blieb meist fast nichts mehr zu leben, und als die Bahngesellschaft schließlich auch noch der Korruption zum Opfer fiel, verloren sie zudem den Anschluss an den Rest des Landes. Um zumindest dagegen zu protestieren, und für die Eisenbahn zu werben, veranstaltete das Künstlerkollektiv um Mano Negra die hier beschriebene Eisenbahn-Tournee durch die Dörfer. Der Zug bestand aus einer uralten Lok mit einigen Waggons, die allesamt von freiwilligen Künstlern soweit instand gesetzt wurden, dass sie zumindest diese eine Fahrt mit hoher Wahrscheinlichkeit bewältigen konnten. Die Attraktionen auf dem Zug wurden ebenso von freiwilligen Künstlern gestaltet und installiert. So ausgestattet startete die Karawane mit knappen 20 km/h über die kaputten und alten Gleise, regelmäßige Entgleisungen inbegriffen.
Von der kolumbianischen Seite wurde die Erlaubnis für dieses Unternehmen nur sehr ungern gegeben. Weniger, weil es sich um einen indirekten Protest gegen die Regierung handelte, sondern weil das Überleben der Künstler nicht einmal annähernd gesichert werden konnte. Dennoch stellten sich die Gefahren durch Guerilla und Militärs letztlich als sekundär für den Erfolg der Tournee heraus. Viel mehr sollten der Stress und die Anstrengungen zu Problemen innerhalb der Gruppe sorgen, und die mangelnde Versorgung mit allem, was für Verpflegung und Instandhaltung der Maschinerie, sowie mit Geld zu großen Problemen führen.
Ramon Chao, Vater von Manu Chao, Journalist und Autor begleitete den "Zug aus Eis und Feuer" ebenfalls auf dieser Tournee. Als Chronist war es seine Aufgabe alles festzuhalten, was die Künstler erleben sollten. Dies tat er gewissenhaft, und veröffentlichte schließlich das Buch "Ein Zug aus Eis und Feuer - Mit Mano Negra durch Kolumbien". In diesem sind die beiden Monate der Tournee in Tagebuchform festgehalten, zudem gibt es einige Fotos. Das Buch ist einfach zu lesen, was eine der Hauptbedingungen Manu Chaos dafür war, dass Ramon an der Tour teilnehmen durfte, und enthält neben der immer interessant, manchmal spannend, manchmal lustig geschilderten Reise, auch einige Hintergrundinformationen über die politische und gesellschaftliche Situation Kolumbiens. Insgesamt also ein lebhafter Reisebericht über ein verrücktes Projekt einer Gruppe idealistischer Künstler.