Neue Zürcher Zeitung
Liebe, Tod und Feierabend
Ralph Rothmanns Erzählungen «Ein Winter unter Hirschen»
Ein Roman ist eine Geschichte, in der alles viel zu lang ist, meinte Ernst Jandl. Ralph Rothmanns neue Erzählungen sind Geschichten, in denen alles so kurz wie möglich ist. Jeder Ökonom müsste seine Freude daran haben. Das Verhältnis von Aufwand und Resultat ist bestechend, verblüffend, wie viel erzählt werden kann auf so wenigen Seiten. Seine Mittel sind nicht revolutionär, es ist die gute alte Rollenprosa, die er an Beispielen aus allen Altersstufen und Gemütstypen durchexerziert. Die Reden und Gesten dieser Personen scheinen beliebig und ungestüm hingeworfen, doch sind sie vom Autor haarfein arrangiert. Er schaut der Wirklichkeit aufs Maul und auf die Finger, dokumentiert und erfindet mit Sympathie, mit Witz und Einfühlsamkeit, vor allem aber mit Ökonomie. Mehr oder weniger zugeknöpfte Helden brummeln in ihrem Alltagsjargon, kommunizieren mit karger Körpersprache, selbst geschwätzige Figuren plappern mit kunstvoller Sparsamkeit.
Reichhaltig ist das Angebot an Rollen, mit dem Ralph Rothmann aufwartet, eine Auswahl aus dem Repertoire der Realität und der Gegenwart, vornehmlich Figuren aus unteren Schichten, aus dem alltäglichen Deutschland, wie es leibt und strampelt. Von den zwölf Erzählungen des Bandes «Ein Winter unter Hirschen» haben nur drei keinen Ich-Erzähler, bloss in zweien geht es nicht um das deutsche Hier und Heute, und das sind die weniger gelungenen der ganzen Sammlung. Während Rothmanns Romane vornehmlich im Ruhrgebiet spielen, sind diese Erzählungen weiter gestreut, über die alte Bundesrepublik, in der von der neuen noch kaum was zu merken ist. Die erzählenden Ich-Figuren sind von verschiedenster Statur: ein Schulkind aus der Stadt im Sommer unter Bauern, eine freudlose junge Krankenschwester in Heidelberg, ein älterer Drucker in Angst um seinen Arbeitsplatz. In ihren knappen Reden bildet Rothmann deutsche Befindlichkeiten ab, eindringlich, wie Raymond Carver die amerikanische Seele in seine kurzen Geschichten fasst.
Handfeste Perspektive
Zu oft wird die heutige Literatur mit Helden bevölkert, die den Autoren ähnlich sind, die genauso wohnen, in die selben schicken Lokale gehen und die Reden führen, die uns bekannt vorkommen. Bei Ralph Rothmann ist das angenehm anders. Seine Figuren blicken aus Winkeln auf die Welt, die literarisch noch nicht komplett ausgetreten sind. Der Ich-Erzähler in der ersten Geschichte hat zwar auch mit Literatur zu tun, aber aus einer handfesten Perspektive, er ist Packer in einem Verlag. Kollegen aus anderen Abteilungen sind seine «Freunde», aber so richtig warm wird er nicht mit ihnen, nicht mit dem «Klassiker-Bernd» und nicht mit Irene, die «eine richtig schöne Sachbuchstimme» hat. Ihr sollen die Freunde helfen, die Sachen ihres Ex-Mannes aus der Wohnung zu schaffen, der sie dann mit einem Pritschenwagen abholt, ohne das Haus zu betreten.
Die Lage ist gespannt. Irene, die ohnehin «ein heisser Braten» ist, hat sich übertrieben geschminkt und angezogen, ihre Mutter serviert ein «Frühstück vom Feinsten». Das Haus ist in einer Gegend, «wo ich mir nicht mal eine Besenkammer leisten könnte». Der Erzähler hält sich mit Essen schadlos und beobachtet die traurig knisternde Situation, die sich zuspitzt, als der Ex-Mann ankommt. Zum Leser und mit sich selbst plaudert er unterdessen aus seinem Herzen: Eine Hündin läuft über die Terrasse. «Das Kratzen ihrer Krallen auf den Platten das war, wie auf Stanniol zu beissen.» Auch er hatte einmal einen Hund, ziemlich aggressiv, musste ihm leider einen Maulkorb verpassen. «Wie sieht denn das aus, wenn du mit so einem vergitterten Tier rumläufst. Gemeingefährlich, oder? Da hab ich ihn ver-schenkt.» Eine ungewöhnliche Perspektive und Seelenlage, die Zärtlichkeit des Kampfhundfreunds. Ralph Rothmann brilliert auch in so einer Rolle, auf wenigen Seiten glitzern die Ehescherben des Mittelstands, funkelt das Gemüt des Underdogs.
Noch ein paar Treppen tiefer handelt die Erzählung «Das Bullenkloster», doch hier ist die Blickrichtung umgekehrt. Es erzählt ein 16-jähriger Schüler, der einmal seinen Vater als Nachtportier in einem Arbeiterheim vertritt, dessen Bewohnern er sozial überlegen ist. Die machen ihn betrunken und schleifen ihn vor die Tür einer Prostituierten, wo ein peinliches Finale im Vagen bleibt. Typen wie die aus dem Bullenkloster kommen sonst im Leben dieses Erzählers nicht vor, mit Mörtelspritzern im Haar und einer herzhaften Brutalität. Sie bringen seinen Frieden und seine Reclam-Hefte in Unordnung, in ihrem Auto riecht es «nach Gemeinheit und Diesel», sie lenken ihn rüde ab von seinem knäbischen Liebeskummer.
Meisterspion des Innenlebens
Um Liebesnot geht es auch in «Strange Little Girl». Hier erzählt eine junge Frau, Krankenschwester in Heidelberg, die Besuch bekommt von ihrer früheren Kollegin Elli aus Berlin. Elli schnattert von ihren Affären, lässt ohne Zustimmung der Freundin ihren Neuen kurz nach Heidelberg nachkommen, meldet sich wieder aus Berlin nach einer Abtreibung, will nun doch ihren alten Freund heiraten, den dicken Gynäkologen, den «Mops mit Glatze». Neben dieser launigen Bestandsaufnahme des Liebeslebens der Freundin kommt auch die eigene Misere der Erzählerin zutage. Auch sie hat einen viel älteren Liebhaber, verheiratet und Mathematiker an der Uni, der sie auf die Stirn küsst und fast nie mit ihr schläft, «eigentlich nie». Auch solche Frauenrollen meistert Rothmann spielend, ebenso in der Titelerzählung «Ein Winter unter Hirschen», einfühlsam in Sprache und Gebärden, ein Meisterspion fremden Innenlebens.
Nur in zwei Erzählungen wird das sprachliche Feingefühl ein wenig vergeudet, im Fremdländischen und zeitlich Entlegenen. Die eine, «Von Mond zu Mond», handelt in Galiläa zur Zeit der römischen Besetzung, als dort ein «Wunderheiler» sein Wesen treibt. Die andere, «Der Sänger», erzählt vom exotischen Strassenerlebnis einer deutschen Frau in Paris, kommt nahe ans schwelgerisch Magische und schliesst das Buch leider mit dem Nachgeschmack von Esoterik.
Am souveränsten ist Rothmann auf eigenem Boden, zwischen deutschem Reihenhaus und städtischer Klinik, Penny-Markt und Fernsehsessel. Da kennt er seine Pappenheimer, das Biergemüt und den Stullengeschmack. In «Erleuchtung durch Fussball» erzählt ein älterer Berliner, der fürchtet, seine Arbeit als Drucker zu verlieren. Die Tochter studiert in Amerika Germanistik (!), die Frau dilettiert in modisch japanischem Lebensstil, und er hat eine Hypothek auf dem Haus. Ein Lichtblick kommt beim Pokalspiel im Fernsehen, ein Wunder in letzter Minute, doch daneben liegt in einem Umschlag der Befund seines Arztes. Was da drin steht, sagt er nicht. Mitteilsam sind Rothmanns Figuren ohnehin nicht, ausser wenn es um Hunde geht, das Markenzeichen vieler dieser Texte, das Wappentier deutscher Innerlichkeit. So auch in «Schicke Mütze», der Erzählung eines Kreuzberger Müssiggängers, von ruppiger Sentimentalität für seinen Kiez und für einen bildschönen Köter.
Typisch und ein Glanzstück ist die Erzählung «Stahl». Da erzählt ein werdender Vater, Stahlarbeiter und Abstinenzler «aus religiösen Gründen», Wohnungsnachbar eines älteren Paars, bei dem er oft schlichten hilft. Wenn der Mann randaliert, ruft die Frau den Nachbarn per «Besenfunk». Plötzlich entdeckt man bei dem Mann einen galoppierenden Krebs, ohne jede Hoffnung für diesen Ehemaligen der Waffen-SS, auch er ein «alter Stahlkocher». Der Erzähler besucht ihn zu Weihnachten im Krankenhaus, weiss nicht, was man einem Todkranken sagt, betet zu Gott um die richtigen Worte, dann entschlüpft ihm doch nur ein aufrichtiges «Schöne Scheisse, oder?». Aber der Kranke ist nicht zimperlich und antwortet in der selben Sprache: «Kannst du laut sagen.» Im Fernsehen läuft eine Klamotte mit Heinz Rühmann, gegenüber, «auf dem Kirchturm, brannten schon die Warnlampen für die Flieger». Gott und der Tod sind keine Meister der Spracheingebung.
Viel eben sagen alle diese Erzähler nicht, auch nicht ein langhaariger Krankenpfleger mit literarischen Ambitionen. Auf seiner Abteilung kollabiert eine Frau nach einer Nierentransplantation. Professionell bereitet er die Instrumente für eine Notoperation vor und trinkt seinen letzten Kaffee zehn Minuten vor Feierabend. Die Frau kehrt von ihrem Kollaps zurück ins Leben, mit der Niere eines Taxifahrers, hat auch gleich wieder ihre Berliner Klappe: «Sie haben mich nicht zurückgeholt. Ich bin zurückgekommen! Weil ich nämlich noch was zu erledigen hab, so.» Was zu erledigen. Viel mehr ist auch hier nicht zu sagen, wie meist in Ralph Rothmanns grosser kleiner Prosa vom täglichen Leben und Sterben.
Franz Haas
Kurzbeschreibung
Die Kunst Ralf Rothmanns besteht nicht nur darin, von der Liebe zu erzählen; in der atmosphärischen Dichte seiner Texte werden wir zu Mitleidenden, Mitagierenden. Das Befremdliche im Alltag, die Verlorenheit im eigenen Leben, den Schwebezustand zwischen Realität und Wunderbarem glaubhaft zu machen - Ralf Rothmann gelingt dies, ohne Pathos, mit großer narrativer Kraft.
Ob zwei Mädchen ihre jeweiligen Freunde durchdeklinieren; ob ein alternder, von der Kündigung bedrohter Drucker von einer "Erleuchtung durch Fußball" erzählt oder ein schüchterner Sechzehnjähriger von der Nacht, in der er seinen Vater als Portier im sogenannten "Bullenkloster" vertritt; ob eine junge Frau von ihrem Zusammenleben mit einem Jagdhelfe r spricht oder ein Berliner Müßiggänger einen seltsamen Tausch - Hund gegen Führerschein - und die traurigen Folgen schildert: Immer sorgen die "Klarheit und Reinheit der Sprache" (Hajo Steinert, Focus) dafür, daß das, was ist, durchscheinend wird - für das, was sein könnte. "Ralf Rothmann ist nicht nur einer der besten deutschen Erzähler", urteilte jüngst die Münchner Abendzeitung, "er ist vor allem der warmherzigste."
Über den Autor
Ralf Rothmann wurde am 10.05.1953 in Schleswig geboren und wuchs im Ruhrgebiet auf. Nach der Volksschule (und einem kurzen Besuch der Handelsschule) machte er eine Maurerlehre, arbeitete mehrere Jahre auf dem Bau und danach in verschiedenen Berufen (unter anderem als Drucker, Krankenpfleger und Koch). Er lebt seit 1976 in Berlin.