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Ein Winter unter Hirschen Erzählungen
  
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Ein Winter unter Hirschen Erzählungen [Unbekannter Einband]


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Produktinformation

  • Unbekannter Einband
  • Verlag: Frankfurt am Main : Suhrkamp, (2001)
  • ASIN: B002CDLDKO
  • Größe und/oder Gewicht: 20,6 x 12,8 x 2,4 cm
  • Durchschnittliche Kundenbewertung: 4.2 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (4 Kundenrezensionen)

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Ralf Rothmann
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13 von 14 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Format:Gebundene Ausgabe
Ralf Rothmann ist offensichtlich jemand, der Erzählungen nicht deshalb schreibt, weil er es gut kann und damit ankommt (was ja der Fall ist), sondern ein Autor, der in seinen Erzählungen auf Erkundungsfahrt geht. Genau das mag einige seiner Fans enttäuschen. Jede dieser Erzählungen steht für sich, niemals sind die Erzähler oder Milieus austauschbar. Deshalb ist es wohl unvermeidlich, dass keinem Leser alle Erzählungen in diesem Band gleich gut gefallen. Wer die großartige Darstellung des alternden Arbeiterpaares in "Stahl" bewundert, der wendet sich vielleicht befremdet von Erzählung "Von Mond zu Mond" ab, die im Palästina der Zeit Jesu spielt und den Messias höchstpersönlich auftreten lässt. Mich haben beide Erzählungen sehr beeindruckt. Denn im ersten wie im zwanzigsten Jahrhundert nimmt Rothmann seine Protagonisten und ihre Wirklichkeit ernst, erzählt offensichtlich deshalb, weil er sich für Menschen interessiert. Immer lässt er auf wenigen Seiten eine ganze Lebensgeschichte aufscheinen. Und er überzeugt in jeder Rolle: Als rücksichtsloser Packer ebenso wie als gehemmter Fünfzehnjähriger, als melancholische Krankenschwester ebenso wie als frischvermählte Upper-Class-Gattin. Diese Menschen vergisst man nicht, Rothmann wählt genau die richtigen Details aus, um sie unvergesslich zu machen. Und deutet hier und da ein Geheimnis an, dessen Verschweigen die Erzählung im Leser nachhallen lässt. - Ein tolles Buch, für das ich - merkwürdiges Wort? - dankbar bin.
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10 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Tristesse okzidental 11. Februar 2002
Format:Gebundene Ausgabe
Titel wie „Erleuchtung durch Fußball“, „Gesang der Hunde“, „Das Bullenkloster“ oder eben „Ein Winter unter Hirschen“ klingen viel versprechend, eben weil man sich kaum etwas darunter vorstellen kann. Alle zwölf Erzählungen, die Ralf Rothmann in diesem Band versammelt hat, lösen Erwartungen ein. Doch man weiß weder welche noch wodurch.

In den Geschichten geht es meist um alltägliche Erfahrungen.

Irene hat sich nach zwei Jahren Ehe von Matze geschieden. Der muss ausziehen und darf das Haus auf richterliche Anordnung nicht mehr betreten. Freunde von Irene helfen beim Möbelschleppen und sollen vor einem befürchteten Eklat bewahren. Dass Matze ausrasten würde, ist jedoch von vornherein unwahrscheinlich. Dennoch liegt die gesamte Zeit über eine bedrohliche Stimmung in der Luft.

In einer anderen Erzählung sorgt sich ein von der Kündigung bedrohter Drucker, während er auf eine Fußballübertragung im Fernsehen wartet, um sein Haus und denkt darüber nach, dass er irgendetwas im Leben falsch gemacht haben muss. Er ist der erste in seiner Wohngegend, der das Haus morgens verlässt, und der letzte der abends wieder nach Hause kommt. Überall in den Nachbarhäusern, mit dicken oder modischen Autos vor der Tür, brennt dann schon Licht und die arbeitenden Väter haben Zeit für ihre Kinder.

Den ganzen Abend wechselt er kaum ein Wort mit seiner Frau, die sich gerade, ihm ganz unverständlich, für Feng Shui begeistert. Und man erwartet einen Streit oder eine Unstimmigkeit zwischen beiden. Doch als er nach dem Fußballspiel ins Bett geht, wird er liebevoll „Dummerchen“ genannt und unter die Decke gezogen.

Banale Situationen, nichts Aufregendes. Und doch ist man als Leser durchweg angespannt. Zum wiederholten Male ließe sich Rothmanns Erzählkunst herausheben, die Reinheit und Klarheit seiner Sprache. Die Wärme, mit der er seine Figuren beschreibt. Die Dramaturgie. Aber das ist es nicht allein. Diese Situationen sind einfach wahr, das kennt man genau so.

Rothmann kann nicht nur erzählen, er hat auch einen Blick dafür, was es zu erzählen gibt. Und darüber hinaus belässt er es nicht bei der Beobachtung von außen, sondern geht, ob in der Ich-Erzähler-Perspektive oder nicht, so weit in die Charaktere der Personen hinein, dass ihre Sehnsüchte, Ängste und Erwartungen allein schon durch die Beschreibung ihrer Gesten und Mimik aufscheinen.

Wie auch in seinen zahlreichen Romanen, die teils im Ruhrpott, teils in Berlin spielen, sind es einfache Menschen, die Rothmann beschreibt. Sie reden nicht viel. Sind meist nicht Handelnde, sondern Leidende der Situation. Gefühle werden im Zaum gehalten. Ebenso lakonisch wie ihre Haltung ist der Erzählstil des Autors.

Und doch, hier wird kein Grau in Grau gemalt, sich nicht an einer Tristesse ergötzt. Der Schauer und das Unbehagen, das einen bei der Lektüre befällt, sind nur das Spiegelbild der Wünsche und Hoffnungen der beschriebenen Personen. Auch wenn sie erkannt haben, dass ihre Träume im Nichts versickert sind, so haben sie dennoch die Erinnerung an diese und warten insgeheim doch auf das Wunderbare, das nicht eintritt.

Rothmann hat erst kürzlich einen Gedichtband veröffentlicht mit dem Titel „Gebet in Ruinen“. Darin sind teilweise recht mystisch-religiöse Verse enthalten. Ein Thema, das ihn immer wieder einholt und auch hier in mindestens drei der Geschichten zum Tragen kommt und auch im Zitat von Cesare Pavese, das dem Buch vorangestellt ist, durchklingt. „Eine furchtbare Kraft ist in uns, die Freiheit. Man kann die Unschuld berühren. Man ist zum Leiden bereit.“

Eine unbestimmte Religiosität scheint hier durch, fernab von jeglichem Dogma, zum Glück auch bar jeder Esoterik. Ein Ausdruck für die Sehnsucht nach einem Halt in einer auseinander brechenden Welt. Auch wenn Rothmann damit nicht das Lebensgefühl unserer Zeit im Ganzen einzufangen vermag, wir verstehen mehr von den Menschen, die er beschreibt, als uns lieb ist.

Von Gustav Mechlenburg

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9 von 14 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Von Ein Kunde
Format:Gebundene Ausgabe
Rothmanns Erzählungen wirken auf den ersten Blick klar und lakonisch, mit der einzigen Ausnahme des absurden Textes "Schicke Mütze". Aber einfach ist in diesen Erzählungen nichts, die heile Welt (selbst in der Jesus-Erzählung "Von Mond zu Mond") fern. Daß die Existenzen der - meist selbst erzählenden - Protagonisten häufig brutal bedroht sind, wird schnell klar. Aber auch um Mitleid geht es Rothmann nicht. Seine Erzähler sind kühle Sezierer ihrer Situation; sie scheinen die Katastrophe als das Normale zu betrachten, und vieles des Eindringlichen, das man am Ende der Texte empfindet, mag gerade da her rühren. Die Sujets sind überraschend vielfältig und immer überzeugend. Die Recherchen des Autors (oder seine ohnehin vorhandenen Kenntnisse bspw. von Druckerberuf, Jagdsitten etc.) fließen organisch in die Beobachtungen der Erzähler ein und geben jedem Text sein unverwechselbares Gepräge. Daß einige Erzählungen zugleich Fragen aufwerfen und unbeantwortet lassen, daß Geschehen nicht immer begründet und erläutert wird, gibt diesen Texten eine fast mystische Ebene, die sie aus der konkreten Verortbarkeit heraus hebt. Das bewirkt eine Offenheit, die schwer zu gestalten ist - eine große Qualität. Ironischerweise ist "Brümmerchen" ein schwächerer Text, weil er genau dieses Phänomen zur Pointe macht und damit ausspricht. Rothmann wertet seine Erzählungen geschickt und unauffällig durch stimmungsvolle Randphänomene auf, reduziert sich selbst zugleich aber auf das Wesentliche. Häufig wirkt das Erzählte so fast karg und emotionslos und verweist dabei doch unmißverständlich auf unausgesprochene Verletzungen der Erzähler. Wie man aus einer Kurzgeschichte wieder heraus findet, wie man das (offene) Ende als Höhepunkt gestaltet - hier kann man es lernen. "Ein Winter unter Hirschen" darf sich an Terezia Moras "Seltsame Materie" und an Judith Herrmanns "Sommerhaus, später" messen.
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