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Ein Winter unter Hirschen: Erzählungen [Gebundene Ausgabe]

Ralf Rothmann
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Produktinformation

  • Gebundene Ausgabe: 197 Seiten
  • Verlag: Suhrkamp Verlag; Auflage: 3 (16. Juli 2001)
  • Sprache: Englisch
  • ISBN-10: 351841268X
  • ISBN-13: 978-3518412688
  • Größe und/oder Gewicht: 20,7 x 12,9 x 2,7 cm
  • Durchschnittliche Kundenbewertung: 4.2 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (4 Kundenrezensionen)
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Ralf Rothmann
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Produktbeschreibungen

Neue Zürcher Zeitung

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Liebe, Tod und Feierabend

Ralph Rothmanns Erzählungen «Ein Winter unter Hirschen»

Ein Roman ist eine Geschichte, in der alles viel zu lang ist, meinte Ernst Jandl. Ralph Rothmanns neue Erzählungen sind Geschichten, in denen alles so kurz wie möglich ist. Jeder Ökonom müsste seine Freude daran haben. Das Verhältnis von Aufwand und Resultat ist bestechend, verblüffend, wie viel erzählt werden kann auf so wenigen Seiten. Seine Mittel sind nicht revolutionär, es ist die gute alte Rollenprosa, die er an Beispielen aus allen Altersstufen und Gemütstypen durchexerziert. Die Reden und Gesten dieser Personen scheinen beliebig und ungestüm hingeworfen, doch sind sie vom Autor haarfein arrangiert. Er schaut der Wirklichkeit aufs Maul und auf die Finger, dokumentiert und erfindet mit Sympathie, mit Witz und Einfühlsamkeit, vor allem aber mit Ökonomie. Mehr oder weniger zugeknöpfte Helden brummeln in ihrem Alltagsjargon, kommunizieren mit karger Körpersprache, selbst geschwätzige Figuren plappern mit kunstvoller Sparsamkeit.

Reichhaltig ist das Angebot an Rollen, mit dem Ralph Rothmann aufwartet, eine Auswahl aus dem Repertoire der Realität und der Gegenwart, vornehmlich Figuren aus unteren Schichten, aus dem alltäglichen Deutschland, wie es leibt und strampelt. Von den zwölf Erzählungen des Bandes «Ein Winter unter Hirschen» haben nur drei keinen Ich-Erzähler, bloss in zweien geht es nicht um das deutsche Hier und Heute, und das sind die weniger gelungenen der ganzen Sammlung. Während Rothmanns Romane vornehmlich im Ruhrgebiet spielen, sind diese Erzählungen weiter gestreut, über die alte Bundesrepublik, in der von der neuen noch kaum was zu merken ist. Die erzählenden Ich-Figuren sind von verschiedenster Statur: ein Schulkind aus der Stadt im Sommer unter Bauern, eine freudlose junge Krankenschwester in Heidelberg, ein älterer Drucker in Angst um seinen Arbeitsplatz. In ihren knappen Reden bildet Rothmann deutsche Befindlichkeiten ab, eindringlich, wie Raymond Carver die amerikanische Seele in seine kurzen Geschichten fasst.

Handfeste Perspektive

Zu oft wird die heutige Literatur mit Helden bevölkert, die den Autoren ähnlich sind, die genauso wohnen, in die selben schicken Lokale gehen und die Reden führen, die uns bekannt vorkommen. Bei Ralph Rothmann ist das angenehm anders. Seine Figuren blicken aus Winkeln auf die Welt, die literarisch noch nicht komplett ausgetreten sind. Der Ich-Erzähler in der ersten Geschichte hat zwar auch mit Literatur zu tun, aber aus einer handfesten Perspektive, er ist Packer in einem Verlag. Kollegen aus anderen Abteilungen sind seine «Freunde», aber so richtig warm wird er nicht mit ihnen, nicht mit dem «Klassiker-Bernd» und nicht mit Irene, die «eine richtig schöne Sachbuchstimme» hat. Ihr sollen die Freunde helfen, die Sachen ihres Ex-Mannes aus der Wohnung zu schaffen, der sie dann mit einem Pritschenwagen abholt, ohne das Haus zu betreten.

Die Lage ist gespannt. Irene, die ohnehin «ein heisser Braten» ist, hat sich übertrieben geschminkt und angezogen, ihre Mutter serviert ein «Frühstück vom Feinsten». Das Haus ist in einer Gegend, «wo ich mir nicht mal eine Besenkammer leisten könnte». Der Erzähler hält sich mit Essen schadlos und beobachtet die traurig knisternde Situation, die sich zuspitzt, als der Ex-Mann ankommt. Zum Leser und mit sich selbst plaudert er unterdessen aus seinem Herzen: Eine Hündin läuft über die Terrasse. «Das Kratzen ihrer Krallen auf den Platten – das war, wie auf Stanniol zu beissen.» Auch er hatte einmal einen Hund, ziemlich aggressiv, musste ihm leider einen Maulkorb verpassen. «Wie sieht denn das aus, wenn du mit so einem vergitterten Tier rumläufst. Gemeingefährlich, oder? Da hab ich ihn ver-schenkt.» – Eine ungewöhnliche Perspektive und Seelenlage, die Zärtlichkeit des Kampfhundfreunds. Ralph Rothmann brilliert auch in so einer Rolle, auf wenigen Seiten glitzern die Ehescherben des Mittelstands, funkelt das Gemüt des Underdogs.

Noch ein paar Treppen tiefer handelt die Erzählung «Das Bullenkloster», doch hier ist die Blickrichtung umgekehrt. Es erzählt ein 16-jähriger Schüler, der einmal seinen Vater als Nachtportier in einem Arbeiterheim vertritt, dessen Bewohnern er sozial überlegen ist. Die machen ihn betrunken und schleifen ihn vor die Tür einer Prostituierten, wo ein peinliches Finale im Vagen bleibt. Typen wie die aus dem Bullenkloster kommen sonst im Leben dieses Erzählers nicht vor, mit Mörtelspritzern im Haar und einer herzhaften Brutalität. Sie bringen seinen Frieden und seine Reclam-Hefte in Unordnung, in ihrem Auto riecht es «nach Gemeinheit und Diesel», sie lenken ihn rüde ab von seinem knäbischen Liebeskummer.

Meisterspion des Innenlebens

Um Liebesnot geht es auch in «Strange Little Girl». Hier erzählt eine junge Frau, Krankenschwester in Heidelberg, die Besuch bekommt von ihrer früheren Kollegin Elli aus Berlin. Elli schnattert von ihren Affären, lässt ohne Zustimmung der Freundin ihren Neuen kurz nach Heidelberg nachkommen, meldet sich wieder aus Berlin nach einer Abtreibung, will nun doch ihren alten Freund heiraten, den dicken Gynäkologen, den «Mops mit Glatze». Neben dieser launigen Bestandsaufnahme des Liebeslebens der Freundin kommt auch die eigene Misere der Erzählerin zutage. Auch sie hat einen viel älteren Liebhaber, verheiratet und Mathematiker an der Uni, der sie auf die Stirn küsst und fast nie mit ihr schläft, «eigentlich nie». – Auch solche Frauenrollen meistert Rothmann spielend, ebenso in der Titelerzählung «Ein Winter unter Hirschen», einfühlsam in Sprache und Gebärden, ein Meisterspion fremden Innenlebens.

Nur in zwei Erzählungen wird das sprachliche Feingefühl ein wenig vergeudet, im Fremdländischen und zeitlich Entlegenen. Die eine, «Von Mond zu Mond», handelt in Galiläa zur Zeit der römischen Besetzung, als dort ein «Wunderheiler» sein Wesen treibt. Die andere, «Der Sänger», erzählt vom exotischen Strassenerlebnis einer deutschen Frau in Paris, kommt nahe ans schwelgerisch Magische und schliesst das Buch leider mit dem Nachgeschmack von Esoterik.

Am souveränsten ist Rothmann auf eigenem Boden, zwischen deutschem Reihenhaus und städtischer Klinik, Penny-Markt und Fernsehsessel. Da kennt er seine Pappenheimer, das Biergemüt und den Stullengeschmack. In «Erleuchtung durch Fussball» erzählt ein älterer Berliner, der fürchtet, seine Arbeit als Drucker zu verlieren. Die Tochter studiert in Amerika Germanistik (!), die Frau dilettiert in modisch japanischem Lebensstil, und er hat eine Hypothek auf dem Haus. Ein Lichtblick kommt beim Pokalspiel im Fernsehen, ein Wunder in letzter Minute, doch daneben liegt in einem Umschlag der Befund seines Arztes. Was da drin steht, sagt er nicht. – Mitteilsam sind Rothmanns Figuren ohnehin nicht, ausser wenn es um Hunde geht, das Markenzeichen vieler dieser Texte, das Wappentier deutscher Innerlichkeit. So auch in «Schicke Mütze», der Erzählung eines Kreuzberger Müssiggängers, von ruppiger Sentimentalität für seinen Kiez und für einen bildschönen Köter.

Typisch und ein Glanzstück ist die Erzählung «Stahl». Da erzählt ein werdender Vater, Stahlarbeiter und Abstinenzler «aus religiösen Gründen», Wohnungsnachbar eines älteren Paars, bei dem er oft schlichten hilft. Wenn der Mann randaliert, ruft die Frau den Nachbarn per «Besenfunk». Plötzlich entdeckt man bei dem Mann einen galoppierenden Krebs, ohne jede Hoffnung für diesen Ehemaligen der Waffen-SS, auch er ein «alter Stahlkocher». Der Erzähler besucht ihn zu Weihnachten im Krankenhaus, weiss nicht, was man einem Todkranken sagt, betet zu Gott um die richtigen Worte, dann entschlüpft ihm doch nur ein aufrichtiges «Schöne Scheisse, oder?». Aber der Kranke ist nicht zimperlich und antwortet in der selben Sprache: «Kannst du laut sagen.» Im Fernsehen läuft eine Klamotte mit Heinz Rühmann, gegenüber, «auf dem Kirchturm, brannten schon die Warnlampen für die Flieger». Gott und der Tod sind keine Meister der Spracheingebung.

Viel eben sagen alle diese Erzähler nicht, auch nicht ein langhaariger Krankenpfleger mit literarischen Ambitionen. Auf seiner Abteilung kollabiert eine Frau nach einer Nierentransplantation. Professionell bereitet er die Instrumente für eine Notoperation vor und trinkt seinen letzten Kaffee zehn Minuten vor Feierabend. Die Frau kehrt von ihrem Kollaps zurück ins Leben, mit der Niere eines Taxifahrers, hat auch gleich wieder ihre Berliner Klappe: «Sie haben mich nicht zurückgeholt. Ich bin zurückgekommen! Weil ich nämlich noch was zu erledigen hab, so.» Was zu erledigen. Viel mehr ist auch hier nicht zu sagen, wie meist in Ralph Rothmanns grosser kleiner Prosa vom täglichen Leben und Sterben.

Franz Haas

Kurzbeschreibung

"Und plötzlich ahnte sie, daß eine winzige Bewegung genügte. Sie wußte es. Daß sie einfach hinaustreten konnte aus diesem Rieseln auf der Haut, aus allem, was sie war und nicht mehr sein wollte, daß sie nur einen Schritt auf den Mann zugehen und ihm die Hand reichen mußte ..."
Die Kunst Ralf Rothmanns besteht nicht nur darin, von der Liebe zu erzählen; in der atmosphärischen Dichte seiner Texte werden wir zu Mitleidenden, Mitagierenden. Das Befremdliche im Alltag, die Verlorenheit im eigenen Leben, den Schwebezustand zwischen Realität und Wunderbarem glaubhaft zu machen - Ralf Rothmann gelingt dies, ohne Pathos, mit großer narrativer Kraft.
Ob zwei Mädchen ihre jeweiligen Freunde durchdeklinieren; ob ein alternder, von der Kündigung bedrohter Drucker von einer "Erleuchtung durch Fußball" erzählt oder ein schüchterner Sechzehnjähriger von der Nacht, in der er seinen Vater als Portier im sogenannten "Bullenkloster" vertritt; ob eine junge Frau von ihrem Zusammenleben mit einem Jagdhelfe r spricht oder ein Berliner Müßiggänger einen seltsamen Tausch - Hund gegen Führerschein - und die traurigen Folgen schildert: Immer sorgen die "Klarheit und Reinheit der Sprache" (Hajo Steinert, Focus) dafür, daß das, was ist, durchscheinend wird - für das, was sein könnte. "Ralf Rothmann ist nicht nur einer der besten deutschen Erzähler", urteilte jüngst die Münchner Abendzeitung, "er ist vor allem der warmherzigste."


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13 von 14 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen Erzählerische Erkundungsreisen, 14. Juni 2002
Von 
Rezension bezieht sich auf: Ein Winter unter Hirschen: Erzählungen (Gebundene Ausgabe)
Ralf Rothmann ist offensichtlich jemand, der Erzählungen nicht deshalb schreibt, weil er es gut kann und damit ankommt (was ja der Fall ist), sondern ein Autor, der in seinen Erzählungen auf Erkundungsfahrt geht. Genau das mag einige seiner Fans enttäuschen. Jede dieser Erzählungen steht für sich, niemals sind die Erzähler oder Milieus austauschbar. Deshalb ist es wohl unvermeidlich, dass keinem Leser alle Erzählungen in diesem Band gleich gut gefallen. Wer die großartige Darstellung des alternden Arbeiterpaares in "Stahl" bewundert, der wendet sich vielleicht befremdet von Erzählung "Von Mond zu Mond" ab, die im Palästina der Zeit Jesu spielt und den Messias höchstpersönlich auftreten lässt. Mich haben beide Erzählungen sehr beeindruckt. Denn im ersten wie im zwanzigsten Jahrhundert nimmt Rothmann seine Protagonisten und ihre Wirklichkeit ernst, erzählt offensichtlich deshalb, weil er sich für Menschen interessiert. Immer lässt er auf wenigen Seiten eine ganze Lebensgeschichte aufscheinen. Und er überzeugt in jeder Rolle: Als rücksichtsloser Packer ebenso wie als gehemmter Fünfzehnjähriger, als melancholische Krankenschwester ebenso wie als frischvermählte Upper-Class-Gattin. Diese Menschen vergisst man nicht, Rothmann wählt genau die richtigen Details aus, um sie unvergesslich zu machen. Und deutet hier und da ein Geheimnis an, dessen Verschweigen die Erzählung im Leser nachhallen lässt. - Ein tolles Buch, für das ich - merkwürdiges Wort? - dankbar bin.
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10 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
3.0 von 5 Sternen Tristesse okzidental, 11. Februar 2002
Rezension bezieht sich auf: Ein Winter unter Hirschen: Erzählungen (Gebundene Ausgabe)
Titel wie „Erleuchtung durch Fußball“, „Gesang der Hunde“, „Das Bullenkloster“ oder eben „Ein Winter unter Hirschen“ klingen viel versprechend, eben weil man sich kaum etwas darunter vorstellen kann. Alle zwölf Erzählungen, die Ralf Rothmann in diesem Band versammelt hat, lösen Erwartungen ein. Doch man weiß weder welche noch wodurch.

In den Geschichten geht es meist um alltägliche Erfahrungen.

Irene hat sich nach zwei Jahren Ehe von Matze geschieden. Der muss ausziehen und darf das Haus auf richterliche Anordnung nicht mehr betreten. Freunde von Irene helfen beim Möbelschleppen und sollen vor einem befürchteten Eklat bewahren. Dass Matze ausrasten würde, ist jedoch von vornherein unwahrscheinlich. Dennoch liegt die gesamte Zeit über eine bedrohliche Stimmung in der Luft.

In einer anderen Erzählung sorgt sich ein von der Kündigung bedrohter Drucker, während er auf eine Fußballübertragung im Fernsehen wartet, um sein Haus und denkt darüber nach, dass er irgendetwas im Leben falsch gemacht haben muss. Er ist der erste in seiner Wohngegend, der das Haus morgens verlässt, und der letzte der abends wieder nach Hause kommt. Überall in den Nachbarhäusern, mit dicken oder modischen Autos vor der Tür, brennt dann schon Licht und die arbeitenden Väter haben Zeit für ihre Kinder.

Den ganzen Abend wechselt er kaum ein Wort mit seiner Frau, die sich gerade, ihm ganz unverständlich, für Feng Shui begeistert. Und man erwartet einen Streit oder eine Unstimmigkeit zwischen beiden. Doch als er nach dem Fußballspiel ins Bett geht, wird er liebevoll „Dummerchen“ genannt und unter die Decke gezogen.

Banale Situationen, nichts Aufregendes. Und doch ist man als Leser durchweg angespannt. Zum wiederholten Male ließe sich Rothmanns Erzählkunst herausheben, die Reinheit und Klarheit seiner Sprache. Die Wärme, mit der er seine Figuren beschreibt. Die Dramaturgie. Aber das ist es nicht allein. Diese Situationen sind einfach wahr, das kennt man genau so.

Rothmann kann nicht nur erzählen, er hat auch einen Blick dafür, was es zu erzählen gibt. Und darüber hinaus belässt er es nicht bei der Beobachtung von außen, sondern geht, ob in der Ich-Erzähler-Perspektive oder nicht, so weit in die Charaktere der Personen hinein, dass ihre Sehnsüchte, Ängste und Erwartungen allein schon durch die Beschreibung ihrer Gesten und Mimik aufscheinen.

Wie auch in seinen zahlreichen Romanen, die teils im Ruhrpott, teils in Berlin spielen, sind es einfache Menschen, die Rothmann beschreibt. Sie reden nicht viel. Sind meist nicht Handelnde, sondern Leidende der Situation. Gefühle werden im Zaum gehalten. Ebenso lakonisch wie ihre Haltung ist der Erzählstil des Autors.

Und doch, hier wird kein Grau in Grau gemalt, sich nicht an einer Tristesse ergötzt. Der Schauer und das Unbehagen, das einen bei der Lektüre befällt, sind nur das Spiegelbild der Wünsche und Hoffnungen der beschriebenen Personen. Auch wenn sie erkannt haben, dass ihre Träume im Nichts versickert sind, so haben sie dennoch die Erinnerung an diese und warten insgeheim doch auf das Wunderbare, das nicht eintritt.

Rothmann hat erst kürzlich einen Gedichtband veröffentlicht mit dem Titel „Gebet in Ruinen“. Darin sind teilweise recht mystisch-religiöse Verse enthalten. Ein Thema, das ihn immer wieder einholt und auch hier in mindestens drei der Geschichten zum Tragen kommt und auch im Zitat von Cesare Pavese, das dem Buch vorangestellt ist, durchklingt. „Eine furchtbare Kraft ist in uns, die Freiheit. Man kann die Unschuld berühren. Man ist zum Leiden bereit.“

Eine unbestimmte Religiosität scheint hier durch, fernab von jeglichem Dogma, zum Glück auch bar jeder Esoterik. Ein Ausdruck für die Sehnsucht nach einem Halt in einer auseinander brechenden Welt. Auch wenn Rothmann damit nicht das Lebensgefühl unserer Zeit im Ganzen einzufangen vermag, wir verstehen mehr von den Menschen, die er beschreibt, als uns lieb ist.

Von Gustav Mechlenburg

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9 von 14 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen Der Erzählungen-Band des Jahres, 13. August 2001
Von Ein Kunde
Rezension bezieht sich auf: Ein Winter unter Hirschen: Erzählungen (Gebundene Ausgabe)
Rothmanns Erzählungen wirken auf den ersten Blick klar und lakonisch, mit der einzigen Ausnahme des absurden Textes "Schicke Mütze". Aber einfach ist in diesen Erzählungen nichts, die heile Welt (selbst in der Jesus-Erzählung "Von Mond zu Mond") fern. Daß die Existenzen der - meist selbst erzählenden - Protagonisten häufig brutal bedroht sind, wird schnell klar. Aber auch um Mitleid geht es Rothmann nicht. Seine Erzähler sind kühle Sezierer ihrer Situation; sie scheinen die Katastrophe als das Normale zu betrachten, und vieles des Eindringlichen, das man am Ende der Texte empfindet, mag gerade da her rühren. Die Sujets sind überraschend vielfältig und immer überzeugend. Die Recherchen des Autors (oder seine ohnehin vorhandenen Kenntnisse bspw. von Druckerberuf, Jagdsitten etc.) fließen organisch in die Beobachtungen der Erzähler ein und geben jedem Text sein unverwechselbares Gepräge. Daß einige Erzählungen zugleich Fragen aufwerfen und unbeantwortet lassen, daß Geschehen nicht immer begründet und erläutert wird, gibt diesen Texten eine fast mystische Ebene, die sie aus der konkreten Verortbarkeit heraus hebt. Das bewirkt eine Offenheit, die schwer zu gestalten ist - eine große Qualität. Ironischerweise ist "Brümmerchen" ein schwächerer Text, weil er genau dieses Phänomen zur Pointe macht und damit ausspricht. Rothmann wertet seine Erzählungen geschickt und unauffällig durch stimmungsvolle Randphänomene auf, reduziert sich selbst zugleich aber auf das Wesentliche. Häufig wirkt das Erzählte so fast karg und emotionslos und verweist dabei doch unmißverständlich auf unausgesprochene Verletzungen der Erzähler. Wie man aus einer Kurzgeschichte wieder heraus findet, wie man das (offene) Ende als Höhepunkt gestaltet - hier kann man es lernen. "Ein Winter unter Hirschen" darf sich an Terezia Moras "Seltsame Materie" und an Judith Herrmanns "Sommerhaus, später" messen.
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