Zur Advents- und Weihnachtszeit werden landauf, landab Weihnachtsoratorien und beschauliche Krippenspiele aufgeführt. Wer jedoch ein völlig gegen Strich gebürstetes, anspruchsvolles Weihnachtsspiel erleben will, sollte zu dieser CD greifen. Das "Ludus de natu infante mirificus", von Carl Orff im Jahr 1959 komponiert, entführt den Hörer in eine urtümliche Welt mit Hexen, Hirten und singenden Blumen in winterlicher Landschaft. Die Geburt des Erlösers wird indirekt nahegebracht: Zunächst beobachtet eine Meute wilder Hexen in einem Zauberspiegel Josef und Maria auf ihrem Weg nach Bethlehem und versucht, mit Wetterzauber das Paar in den Abgrund zu stürzen. Im zweiten Bild erleben wir Hirten, die im Traum eine Begegnung mit dem göttlichen Kind und den Heiligen Drei Königen haben und daraufhin beschließen, zum Stall aufzubrechen. Im dritten Bild schließlich bringen singende Kinder die Blumen im Winter zu blühen - ein Zeichen für das Licht und die Wärme, die das Christuskind in die Welt bringt.
All dies wird in urtümlicher Sprache vorgetragen, einer eigentümlichen Mischung aus Latein und kräftigem Bayerisch, die musikalischen Teile mit großem Schlagwerk und schlanken Chören.
Ein solch ungewöhnliches Stück hat es schwer. Die Aufführungsbedingungen für das relativ kurze Stück sind schwierig, da sowohl kindliche als auch erwachsene Schauspieler und ein professionelles Musikensemble benötigt werden. Noch dazu: Die Geschichte ist nicht gerade massenkompatibel. Viele Hörer lehnen bis heute die drastischen Hexenszenen ab, können mit dem Gekreische nichts anfangen und sehnen sich nach leichterer Kost. Vermutlich deshalb bleibt der neugierige Hörer auf diese Aufnahme angewiesen, die allerdings seit ihrer Entstehung 1971 nichts an Frische eingebüßt hat. Sie klingt hervorragend, die Schauspieler und Sänger agieren höchst intensiv, und der Ausdruck, insbesondere in den bayerischen Teilen, ist kraftvoll. Zu vermuten ist, dass es gar nicht mehr so viele Schauspieler gibt, die das heute noch so machen könnten.
Für das zweite Stück dieser Aufnahme gilt das soeben Gesagte ebenso. Auch in der "Comoedia de Christi Resurrectione" agiert die alte bayerische Schauspielergilde, hier als römische Soldaten. Hier erleben wir den Teufel, der versucht, die Auferstehung Christi zu verhindern, den Triumph Christi aber natürlich nicht abwenden kann.
Das Schlussstück "Astutuli" ist eine "bayerische Komödie", die von Carl Orff selbst erzählt wird. Hier wird nicht gesungen, sondern ausschließlich gespielt. Orff bringt das Stück spannend und Phantasie anregend dem Hörer nahe. Auch dieses Werk wird meines Wissens selten aufgeführt. Das Hineinhören lohnt sich.
So ist diese Doppel-CD eine spannenden Sammlung ungewöhnlicher Musik-Theaterstücke, die allen, die ihre Neugier bewahrt und keine Angst vor Ungewohntem haben, viele Entdeckungen bietet.