Er ist ein Fiesling, wie er im Buche steht, dieser Geschäftsmann Ebenezer Scrooge. Nicht einmal an Weihnachten ist er gnädig, nichtmal ein kleines bisschen. Charles Dickens zeigt das eingangs der Geschichte anhand einprägsamer Details -- je nach Perspektive des Lesers sind diese Details komisch oder tragisch. Oder beides gleichzeitig.
Aber dann kommen ausgerechnet an Weihnachten die Geister zu ihm -- wenn man so will, das etwas andere Weihnachtsgeschenk. In diesem Falle das maßgeschneiderte. Und zwar nicht nur für den alten unbarmherzigen Geizkragen, der Stück für Stück (genauer gesagt: Geist für Geist) seine Lektion fürs Leben lernt, und auch fürs Leben danach, sondern auch für seine Zeitgenossen, denn selbstverständlich geht's am Ende gut aus, und aus dem herzlosen Geizkragen wird ein Wohltäter mit goldenem Herzen. Schließlich ist das hier ein Weihnachtsmärchen (Dickens nannte es übrigens "A Christmas Carol", und die Kapitel dementsprechend "Stave I" bis "Stave V")...
Aber kurz und der Reihe nach (Wer's noch garnicht kennt: Den jetzt anschließenden Textblock ignorieren):
In der Londoner City, Mitte des 19. Jahrhunderts, gibt's so einen Geschäftsmann namens Ebenezer Scrooge, der ist aber sowas von geschäftstüchtig im übelsten Sinne des Wortes. Er hat das Wohlergehen seines Vermögens im Sinne, und sonst nichts. Sein einziger Freund, der genauso widerlich war wie er, ist längst tot, "tot wie ein Türnagel". An einem Weihnachtstag vor sieben Jahren ist er gestorben... Und nun ist wieder Weihnachten. "Weihnachten ist Humbug", grummelt Scrooge und benimmt sich so widerlich, wie er nur irgend kann. Aber dann, in der Heiligen Nacht, bekommt der böse alte Giftspritzer Besuch. Der Geist seines toten Freundes Jacob Marley liefert eine schaurige Geister-Ouvertüre, und ihm folgen anstelle der drei Weisen aus dem Morgenland nun die drei Geister. Der erste zeigt dem Ebenezer Scrooge seine längst vergessene Kindheit. Nicht nur er, auch der Leser ahnt: Sogar dieser alte Giftpilz war mal ein Kind, ein Jugendlicher, war mal ein ganz normaler Lehrling. Aber irgendwann... irgendwann schlug er die verhängnisvolle Geizkragen-Richtung ein. Der zweite Geist führt durch das Weihnachtsfest der Gegenwart, zeigt die Feiern von Scrooges Bekannten und Verwandten. Jetzt lernen Ebenezer Scrooge und der Leser vor allem, aber nicht nur dessen leidgeprüften Firmenschreiber Bob Cratchit und Scrooges gutmütigen Neffen näher kennen. (Wenn manche Details manche Leser irritieren: Die traditionellen englischen Weihnachtsfeste sind deutlich lebhafter als die hierzulande, und beispielsweise "Blinde Kuh" an Weihnachten in der Guten Stube zu spielen, ist dort keine Blasphemie.) Zurück zu den Geistern: Deren dritter ist zuständig für die Zukunft im Allgemeinen, und im Besonderen für die Details bei Scrooges Ableben. Wobei natürlich das immer so eine Sache ist mit der Zukunft: Die ist nicht festgelegt, sondern von den Taten in der Gegenwart abhängig. Kleinigkeiten und ihre große Langzeitwirkung...
Wie's am Ende ausgeht? -- Nun, es ist eine Weihnachtsgeschichte; Volker Kriegel hat's als "Märchen" übersetzt. Sie brauchen also keine Angst zu haben. Da das Märchen souverän alles Tüttelige oder Verniedlichende vermeidet, da es zwischen Ernst, Mitleid und ironischem Blinzeln exakt die Balance hält wie ein erstklassiger Seiltänzer, kann man's auch nach über 150 Jahren noch ebenso begeistert lesen wie Dickens' Zeitgenossen.
So ganz nebenbei führt uns Dickens' Weihnachtsmärchenerzähler auch durch das London Mitte des 19. Jahrhunderts, quer durch die verschiedenen Stände und Gesellschaftsschichten in ihren jeweiligen Stadtvierteln. Er macht das nicht mit dem moralischen Zeigefinger, aber er übertüncht auch nichts. Er deutet nur dezent an und überlässt seinen Lesern das Weiterdenken. Auch wenn sein Weihnachtsmärchen mit einem "Gott segne uns. Jeden von uns!" (im Original: "God bless Us, Every One") endet: Die Geschichte frömmelt nicht, wedelt niemals mit dem nervtötenden moralischen Zeigefinger herum. Auch verliert sie nie die Balance zwischen scharfem Blick auf die Wirklichkeit und ironischem Blinzeln. Man darf immer mal lächeln, man darf aber auch Mitleid haben.
Nur billiger Klamauk liegt nicht unter Charles Dickens' Baum. Haargenau dieses empfindliche Gleichgewicht hält auch Volker Kriegel mit seiner Neuübersetzung und erstrecht mit seinen Illustrationen perfekt. Eindeutig hat er "Christmas Carol" genau gelesen vorm Übersetzen, und eindeutig hat er nicht nur auf die Zusammenhänge geachtet, sondern auch auf die aussagekräftigen Details. Nichts Betuliches, oft genug Pfiffiges, durchaus auch mal Grusliges. So, wie er zum Beispiel Mister Scrooges Gesicht gezeichnet hat... genau so stellt man sich den vor. Kurz: Viele kleine feine Beobachtungen präzise ins Bild und ins passende deutsche Wort gesetzt.
Mit dem Ergebnis, dass man nicht nur Kriegels Übersetzung öfter lesen will als einmal, sondern dass man auch beim Betrachten seiner circa 15 ganzseitigen Illustrationen schnell mal die Zeit vergisst. Beides dürfte auch auf Leser zutreffen, die sonst keine Weihnachtsgeschichten mögen.