Kurarzt Dr. Stockmann findet heraus, dass das Wasser seines Heimatortes verseucht ist und das ansässige Kurbad dementsprechend geschlossen bzw. erneuert werden muss. Zuerst hat er noch wichtige Leute von der Zeitung auf seiner Seite, mit denen er eine Großoffensive gegen die Obrigkeiten der Stadt, allen voran sein Bruder, der Amtsrat, starten will, um die Missstände ganz offen darzulegen. Doch durch Intrigen und dem Vorspiegeln falscher Tatsachen, sein Bruder ist sehr daran interessiert das Kurbad so zu belassen wie es ist, da es die größte Einnahmequelle für das Städtchen darstellt, schafft dieser es die oben Genannten und damit auch den Rest des Volkes gegen den Doktor einzunehmen. Ab jetzt heißt es alle gegen einen.
Ich schätze über die Aktualität dieses Dramas dürfte es keine zwei Meinungen geben. Eine notwendige Änderung der Sachlage wird durch Opportunisten und Materialisten skrupellos unter den Teppich gekehrt und der aufmüpfige Verantwortliche, der ja nun mal recht hat und es nur gut meint, wird als der "Volksfeind" dargestellt. Geld und Moral passen nur schlecht zusammen, da Geld korrumpiert und der Rest auf der Strecke bleibt. Das macht aber noch nicht die Besonderheit dieses Stückes aus, nein, das Besondere bei Ibsen ist ja, das er keine wirklichen Helden zeigt. Es gibt niemanden, dem man hier uneingeschränkt Sympathie entgegenbringen kann, auch wenn die Hauptfigur Dr. Stockmann gerade dafür prädestiniert zu sein scheint. Und ich muss sagen, bis in den 4. Akt hinein war er für mich auch der einsame Held, der ohne wenn und aber unterstützungswert schien. Doch spätestens dann, vorher zeichnet es sich nur ganz leicht ab, wenn Stockmann anscheinend vor allem Spaß daran hat, dass er eher als sein Bruder die bahnbrechende Entdeckung gemacht hat, merkt man doch, das er immer verstockter wird und nur noch sich und die (seine!?) Wahrheit sieht. Nennt er denn in der großen Versammlung im besagten Akt auch nur einmal die wahren Konsequenzen seiner Entdeckung? Nein. Die Leute aus dem Volk wissen gar nicht worum es eigentlich geht. Es scheint ihm gar nicht mehr um die Gesundheit seiner Mitbürger zu gehen, vielmehr stellt er sich immer mehr als derjenige hin, der die Wahrheit gepachtet hat, als Märtyrer, er hetzt nur noch gegen die Verantwortlichen, hohe Herren könne er auf den Tod nicht ausstehen, so sagt er, dabei merkt man deutlich, dass auch er sehr gerne ein hoher Herr wäre. Der Zweck heiligt die Mittel, so heißt es, so gesehen ist man natürlich aus Stockmanns Seite, aber bleibt man es auch? Ich jedenfalls nicht. Aber nicht nur die Hauptfigur ist interessant und facettenreich von Ibsen erdacht worden. Auch diese hinterhältigen Leute von der Zeitung, die erst dafür, dann dagegen, am Ende dann doch wieder für Stockmann sind, wurden eindringlich beschrieben, man kann sie fast nur verachten. Auch die recht progressive Tochter hat mir gut gefallen.
Meiner Meinung nach kann man hier, wie bei fast allen Stücken von Ibsen, problemlos zugreifen. An Aktualität wie an tiefer Charakterzeichnungen mangelt es keinem.