"Es gibt Situationen, da holt man Klassiker heraus. Und führt sie neu auf", sagt Peter Sloterdijk.
"Und wir nehmen im Augenblick die Verfassung aus dem Schrank. Und lesen sie. Und da steht dieser
mysteriöse Satz im Artikel 20, Absatz 2: dass alle Staatsgewalt vom Volke ausgehe."
"Soll das Individuum unglücklich leben, damit eine ungesunde Gesellschaft aufrecht erhalten wird?" So eine Frage von August Strindberg, die als Kern des Ibsenschauspiels bestens als Einstieg geeignet ist. Denn zu allem Glück des Individuums zählt Wahrheit und Freiheit und zu allem Glück der Gesellschaft eine signifikante Anzahl glücklicher Menschen. Oder bindet der verlogene Schein einer Gesellschaft mehr als die Idee von der Wahrheit und der Freiheit?
Ein kleines norwegisches Küstenstädtchen ist Schauplatz der wichtigen Fragen, wie man leben möchte oder sollte. Denn alle prosperierende Zukunft hängt an der Entwicklung als Kurort und alle prosperierende Zukunft der Bürger ebenso. Was liegt nun näher, als jede Entwicklung des Städtchens, die dieses unterstützt, gutzuheißen. Doch es ergeben sich neue Wahrheiten. Die erste Wahrheit der Wissenschaft nach Analyse heißt, dass das Wasser gesundheitsgefährdend ist und daher der Bad- bzw. Kurbetrieb einer dringenden Erneuerung bedarf. Die daraus folgende Wahrheit ist jene, dass mindesten zwei Jahre Bauzeit Kosten und Verluste aus dem Kurbetrieb erzeugen werden, die der berauschenden Entwicklung diametral entgegenstehen. Jene bedrohlichen Wahrheiten werden ans Licht gezerrt durch den beliebten Badearzt Dr. Thomas Stockmann. Diese Wahrheiten sind gegen die gesinnungspolitischen Bestrebungen, den Ort und die Bürger zu Reichtum zu verhelfen. Der Stadtvogt Peter Stockmann, Bruder des Badearztes möchte zugunsten der Weiterentwicklung die Wahrheit verschweigen und die Folgen einer höheren Gesinnung opfern. Max Webers Verantwortungsethik bei Thomas Stockmann steht der Gesinnungsethik seines Bruders gegenüber. Ersteren treibt die Sorge, dass gut begründetes Wissen in das Regierungshandeln einfließt.
Henrik Ibsens (1828-1906) geniales Stück reibt sich an den Fragen zwischen Individuum und Gesellschaft, zwischen Gesinnung und Verantwortung, an der Frage, wie viel Wahrheit braucht der Mensch und letztendlich, inwieweit ist man durch die Verpflichtung zur Wahrheit frei. Dass die Gegensätzlichkeit von Anschauungen zugleich als Bruch durch eine Familie geht, ist weiteres besonderes Merkmal Ibsenscher Betrachtung. Zunächst scheint Dr. Stockmann Presse und die Majorität der Bürger auf seiner Seite zu haben. Diese Zustimmung ist eher eine Gegenstimmung zu der bisher herrschenden politischen Klasse, die in erster Priorität sich um die eigene Macht bemühte. Presse und Masse wechseln jedoch ihre Positionen synchron zu der Erkenntnis des schwindenden Reichtums durch die Baukosten und der reduzierten Anzahl von Kurgästen, die in die Nachbarort abwandern würden.
Ibsens Sicht auf Mensch und Gesellschaft ist eine sezierende. Ihm gelingt es, die Lebenslüge einer Gesellschaft offenzulegen und die Verdrängung als kollektiven Prozess zu entlarven. Ihm gelingt es auch, die Stärke des Einzelnen im Kampf um die reale Wahrheit sehr deutlich zu machen, insbesondere den privaten Kampf gegen eine Majorität. Ihm gelingt es auch zu zeigen, dass es Mut und Aufgabe privater Güter bedarf, sich gegen die Gesellschaft, die Sozietät und gegen eine "kompakte Majorität" der Wutbürger zu stellen. Als Volksfeind tituliert gelingt es vordergründig Thomas Stockmann, eine authentische und echte Selbstständigkeit für den Leser zu erzeugen. Er wird zum Liebling des Lesers spätestens in seinem großen Monolog, der bewundert und von der Masse gehasst wird. Denn hier vergleicht er die Vergiftung des Wassers mit der Vergiftung des Geistes durch die geplante und gewollte Lüge. Er bildet sich zum Modell für das eigentliche Menschsein, indem er seine persönlichen Wünsche der Notwendigkeit der Wahrheit unterstellt, er geht seinen Weg der Wahrheit und der darin liegenden Freiheit. Einzig seine Familie - Frau und Kinder - folgen ihm in seinem Denken und Handeln.
Ibsen schrieb in einem seiner Gedichte: "Leben heißt - dunkler Gewalten Spuk bekämpfen in sich. / Dichten - Gerichtstag halten über sein eigenes Ich." Ihm gelingt es, mit diesem Schauspiel erneut auf die Gegensätzlichkeit der menschlichen Entwicklung hinzuweisen. Er stellt ein stabiles Sein gegen die Fragilität des Werdens. Daher erkennt der Leser auch, dass Thomas Stockmann sich zwar um die Wahrheit bemüht und sie als unumstößliche Kraft in die Waage der Argumente wirft. Aber wer den tiefen Blick hinter die Zeilen wagt, erkennt auch die Absicht des Arztes, sich auf ein Podest des Ruhmes zu stellen. Nicht die Wahrheit ist der Zweck, die Wahrheit wird angekratzt, in dem sie als Mittel zur eigenen Erhöhung benutzt wird. "Ach, du meinst dich?" In dieser rhetorischen Frage der Frau Stockmann steckt die klare Entlarvung der wahren Absicht.
Aber Ibsen wird nur auf die Schwierigkeit des Menschen an sich hinweisen wollen. Am eigenen Tun erkennt man nicht die Absichten sofort. Er zeigt die Bandbreite von Möglichkeiten und schärft somit den Blick der Leser. Ibsens Ziel ist damit noch klarer: die Ich-Selbst-Werdung ist nur ein Weg. Die Fragilität des Werdens gibt somit keine Antworten auf die Fragen: Wozu? und Wohin?. Der feste Ort kennt Zeit und Ort, das Werden kennt nur Wagnis. Der Rezensent erinnert sich an Kafka: Der Aufbruch.
"Wohin reitet der Herr?" "Ich weiß es nicht", sagte ich, "nur weg von hier, nur weg von hier. Immerfort weg von hier. Nur so kann ich mein Ziel erreichen". "Du kennst also dein Ziel?", fragte er. "Ja" antwortete ich. "Ich sagte es doch. Weg von hier - das ist mein Ziel".
Den Aufbruch zur eigenen Identität lesen wir hier bei Kafka und Ibsen lässt seinen Thomas Stockmann aufbrechen, obwohl seine Selbstsicherheiten verloren zu gehen drohen. Er lässt ihn den "einsamen Stand" üben als unverzichtbare Voraussetzung, sich als den "stärksten Mann auf der Welt, der allein steht", zu rühmen.
Henrik Ibsens Diskurs in diesem Schauspiel ist ein aktueller ökologisch-modern bewegter über Wahrheit und Pragmatismus, über realpolitische Opportunität und radikale Konsequenz. Und er ist lesenswert.
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