Ein Hardcoverbuch mit Lesebändchen! So einen edlen Comic habe ich zum ersten Mal in Händen gehalten! Der Preis erscheint bei weitem nicht mehr so hoch, wenn man das Buch vor sich liegen hat, die 508 Seiten sind Lesestoff, der sehr lange vorhält.
Vergleichen lässt sich Ein Vertrag mit Gott, wenn denn unbedingt verglichen werden muss, mit Art Spiegelmans Maus, aber auch mit Frank Millers Sin City und Alan Moores From Hell - teils wegen der Optik, teils wegen der Handlung.
Eine mangelhafte Übersetzung (durch Carl Weissner und Matthias Wieland) kann ich nicht endgültig beurteilen, da ich Will Eisners amerikanisches Original nicht auf Englisch kenne. Mein Eindruck ist, das hier gewissenhaft und angemessen übersetzt wurde.
Ein Vorwort von Will Eisner, ein Nachwort von Andreas C. Knigge, Erläuterungen einiger jiddischer Ausdrücke und eine biographische Notiz runden diesen prachtvoll gestalteten Band ab. Er ist vollständig in Schwarz-Weiss gezeichnet und besteht aus den drei Büchern: Ein Vertrag mit Gott, Lebenskraft und Dropsie Avenue.
Der jüdische US-amerikanische Comic-Pionier Will Eisner beschreibt das Leben in der fiktiven Dropsie Avenue in der New Yorker Bronx. Einige der Geschichten habe er selbst ganz ähnlich erlebt, verrät er im Vorwort. Gut 100 Jahre Geschichte werden erzählt, immer wieder gibt es Zeitsprünge, tauchen neue Charaktere auf, die mal sehr kurze, mal längere Auftritte haben. Neben wenigen humorvollen Momenten sind die Geschichten sehr melancholisch. Kleine Leute in einer eher preiswerten Wohngegend erleben Höhen und Tiefen des Alltags. Juden, Iren, Italiener, Spanier und am Ende auch Afro-Amerikaner und Latinos versuchen gemeinsam zurecht zu kommen, was mal gut und oft sehr schlecht gelingt. Alkohol, Prostitution, Drogen, Mafia - das sind zwar auch Themen, aber sie sind eher kleinere Episoden. Die meisten Geschichten handeln von alltäglichen Problemen und Sehnsüchten, dem Wunsch dem Leben einen Sinn zu geben und nicht bloss zu überleben wie etwa eine Küchenschabe, der amerikanische Traum vom Bettler zum Hausbesitzer, die Suche nach der passenden Frau / dem passenden Mann, Träume vom sozialen Aufstieg, Ehefrust und die Lust auf sexuelle und andere Abenteuer usw. Zeichnerisch sind die Storys mitunter recht abwechslungsreich gestaltet, gerade bei der ersten Geschichte, die dem Buch ihren Namen gab, wird wenig mit Worten, dafür um so ergreifender mit Bildern erzählt.
Das Leben als Jude, die jüdische Religion und die NS-Zeit sind zentrale Themen dieses Buchs. Die Deutschen werden in Form des sexuell unerfüllten Hausmeisters nicht sehr schmeichelhaft porträtiert, Schlagzeilen aus dem 3. Reich und eine Einwandererin aus Nürnberg berichtem vom Schrecken und Leid der Judenverfolgung in Europa. Später fallen auch deutsche Auswanderer in der Dropsie Avenue dummen Verallgemeinerungen, blinder Fremdenfeindlichkeit und simplen Parolen zum Opfer. Eine jüdisch-katholische Hochzeit zeigt eine weitere Facette des Lebens in New York. Ohnehin ist "Ein Vertrag mit Gott" bei weitem zu komplex um ihm mit einer kurzen Rezension gerecht zu werden. Es lohnt sich selbst einen Blick in dieses Buch zu werfen! Der Blick auf New York und die USA, der Horizont ganz allgemein, wird durch dieses Buch erheblich erweitert. Bewegend ist etwa der Zusammenstoss eines Unternehmers mit dem Kommunismus. Ein sowjetischer Kommunist setzt für eine Demonstration Frauen mit ihren Babies ein, um zu provozieren, das Polizisten Frauen und Kinder verprügeln, nachdem sie provoziert und mit Steinen beworfen wurden. Diese Szene hilft zu verstehen wie Will Eisner zum Kommunismus stand.
"Ein Vertrag mit Gott" passt nicht in die hippe Manga-Ecke, nicht in die knallbunte und laute Superhelden-Sparte und ist auch nicht besonders lustig oder schräg. John Updike wird auf dem Buchrücken zitiert: Eisner war seiner Zeit nicht nur voraus; unsere heutige Zeit hat ihn noch immer nicht eingeholt.". Wer sich mit Comics als Kunstform beschäftigt stolpert ohnehin immer wieder über den Namen des Autors, der Eisner Award ist eine der bedeutendsten Auszeichnungen der Neunten Kunst. Graphic Novel ist ein Begriff, der inzwischen sehr inflationär gebraucht wird, diesem Band von Will Eisner wird er allerdings mehr als gerecht!