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Die Neue Orientalische Bibliothek bei Beck
«Gottes ist der Orient, Gottes ist der Okzident.» Goethe hatte einst im «West-östlichen Divan» die Gleichrangigkeit der Welten beschworen und auch die Notwendigkeit des Wissens voneinander. Fragt man heute einen gebildeten Araber nach den grossen Köpfen des Okzidents, so wird man nicht selten Namen wie Goethe, Schiller, Lessing, Rousseau, aber auch Grass oder Hesse zur Antwort erhalten. Den meisten Europäern hingegen wohlgemerkt jenen, die sich für gebildet halten fallen umgekehrt oft nur die «Märchen aus 1001 Nacht» und vielleicht noch Nagib Machfus oder Yasar Kemal ein.
Das ausklingende 20. Jahrhundert ist hingegen eher von einem Feindbild Orient geprägt, und auf dem Buchmarkt scheinen pekuniäre Interessen zu dominieren. Um so erfreulicher ist ein neues Projekt des Münchener Verlages C. H. Beck, der im Herbst mit vier sorgsam ausgewählten und ausgestatteten Bänden grosser Texte und Autoren des Orients eine Reihe mit dem Titel «Neue Orientalische Bibliothek» eröffnete. In einer guten verlegerischen Tradition initiierte Wolfgang Beck selbst die Reihe, in der künftig pro Jahr zwei bis vier «Klassiker» des orientalischen Kultur- und Geisteslebens erscheinen sollen. Gedacht ist dabei an eine repräsentative Mischung echter Klassiker wie der persischen Dichterfürsten Hafis oder Nizami und zeitgenössischer Pendants wie Machfus oder der kürzlich verstorbene türkische Satiriker Aziz Nesin. Romane, Gedichte, Volksepen und Reiseberichte stehen dabei ebenso auf dem Programm wie philosophische, religiöse oder politische Texte.
Repräsentativ für diese Mischung stehen die ersten vier Bände des Jahres 1996. Zu den echten Klassikern zählt die berühmte Fabelsammlung «Kalila und Dimna», die zum Gemeingut gleich mehrerer grosser Kulturen des Orients gehört. Entstanden im Indien des 3. Jahrhunderts, erreichte dieser östliche «Fürstenspiegel» schon bald Persien und Arabien und verselbständigte sich mit immer neuen lehrhaften Geschichten um die beiden Schakale Kalila und Dimna, den Repräsentanten von Gut und Böse am Hofe des Löwenkönigs. Islamische Lyrik aus tausend Jahren hat die Orientalistin und Friedenspreisträgerin Annemarie Schimmel in dem zauberhaften Sammelband «Die schönsten Gedichte aus Pakistan und Indien» zusammengetragen. Und Aziz Nesin steuerte mit «Ein Verrückter auf dem Dach» eine repräsentative Auswahl kleiner Meistersatiren aus fünfzig Jahren seines reichen Schaffens bei.
Nun ist die neue Reihe sicher auf dem deutschsprachigen Buchmarkt vom Ansatz her gar nicht einmal so einmalig. Viele kleinere Verlage bemühen sich schon seit geraumer Zeit mit unterschiedlichen Schwerpunkten, diesen Teil der Welt in das Bewusstsein zu rücken, etwa der Unionsverlag in Zürich, Volk und Welt in Berlin oder Dagyeli in Frankfurt. Bei den grossen Verlagen allerdings war dieser Bereich bisher eher dem Zufall überlassen und die Auswahl arg willkürlich (sieht man einmal von den entsprechenden Bändchen in der Manesse-Bibliothek ab). Auch der Beck-Verlag selbst hatte vor einigen Jahren ein ähnliches Projekt (weswegen die heutige Reihe auch «Neue Orientalische Bibliothek» heisst), doch kam man damals über eine kaum repräsentative Palette von einem guten Dutzend Büchern nicht hinaus.
Doch wenn man davon ausgeht, dass in unseren Breitengraden die Schulen nicht gerade üppig über diesen Teil der Welt vorbilden und das öffentliche Bild stark von Klischees in den Köpfen und Kurzmeldungen in den Medien geprägt ist, kommt gerade den grossen und eben nicht den engagierten kleinen Verlagen eine besondere Rolle zu. Nur über die massive Marktpräsenz eines solchen Hauses wäre allenfalls ein Bewusstsein zu schaffen, das dem gegenseitigen Verständnis zwischen den Kulturen dienlich ist; nur so besteht wenigstens eine minime Chance auf Breitenwirkung so dass vielleicht irgendwann einmal Vergleiche wie «der Eulenspiegel des Orients» oder «der türkische Böll» (Nesin) überflüssig werden.
Dass er mit dieser Reihe keine Reichtümer ernten wird, weiss der Verleger Beck sehr wohl. Er gehe noch nicht einmal davon aus, dass sich das Projekt finanziell trage, sagt er im Gespräch. Trotzdem war es ihm wichtig, die einzelnen Bändchen hochwertig auszustatten: in Leinen gebunden, auf bestem Papier gedruckt, mit Fadenheftung und Lesebändchen versehen sowie jeweils mit einem kundigen Vor- oder Nachwort ausgestattet. Dies dokumentiert auch optisch und «in der Hand» den Stellenwert der Reihe und macht das Lesen zum Vergnügen. Wohl selten können Rezensenten denn auch mit solcher Gewissheit sagen: Hier ist etwas gut gemeint und gut gelungen.
Volker S. Stahr
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