Reichlich spektakulär ging der letzte Teil zu Ende und es war fraglich, ob der achte Band der Sookie-Stackhouse-Reihe von Charlaine Harris mit dem fulminanten Titel "Ein Vampir für alle Fälle" hinsichtlich Tempo, Spannung, Eleganz, Humor und überraschenden Wendungen bestehen kann. Und an der Stelle nickt die Verfasserin dieser Rezension ganz eifrig mit dem Köpfchen und plaudert ein bisschen aus dem Nähkästchen und verrät, warum Leser der Reihe immer noch voller Freude in Kaufrausch geraten sollten, wenn es um die naive, aber sympathische Kellnerin aus Bon Temps, Louisiana geht. Vorhang auf.
Sookie will ihr Leben endlich auf die Reihe kriegen und nicht mehr zwischen rivalisierende Vampir- und Werwolfbanden geraten. Das gestaltet sich jedoch alles andere als einfach. Nacheinander werden Werwölfe entführt, brutal ermordet und keiner will es gewesen sein. Sookie muss als Vermittlerin ran und gerät dabei in einen regelrechten Krieg. Den gibt es übrigens auch zwischen den Vampiren. Nachdem Sophie-Anne, die Königin des Bundesstaates, verkrüppelt aus der Hotelexplosion nun ihr Dasein fristet, statt zu regieren, droht ihr nun die feindliche Übernahme durch einen anderen Vampir. Sookie wird mal wieder unfreiwillig zwischen die Fronten gezerrt, aber selbst das kann sie nicht von ihren eigentlich Problemen ablenken: sie lernt einen unheimlichen Elfenmann kennen, kriegt eine weitere Mitbewohnerin, ihr Freund Quinn meldet sich nicht, aber Lückenbüßer gibt es einige und so stehen Bill und Eric schon in den Startlöchern.
So viel Inhalt und Ereignisse kriegt nur Charlaine Harris gut auf 380 Seiten verpackt. Man, man, man... was für ein Klopper! Luftholen? Fehlanzeige!
Viele Stränge aus den vorherigen Teilen, die Fragen aufgeworfen haben, werden beantwortet, aber gleichfalls werden neue, für den weiteren Verlauf der Serie bestimmt noch relevante Elemente eingeführt. Sookie erfährt beispielsweise mit Hilfe von Eric, dass ihr Bruder Jason nicht mehr ihr einziger Verwandter ist. Dieser ist mittlerweile übrigens im tristen Ehealltag angelangt und ihm wird scheinbar als Letzter endlich klar, dass die Hochzeit mit Crystal wohl ein Fehler war. Auf der anderen Seite geht das Liebeschaos in die nächste Runde. Ich konnte mich nie so wirklich mit Quinn als neuen Lover anfreunden, allerdings war die Hoffnung natürlich da, dass Sookie nun endlich sesshaft wird. Stattdessen geht es mit Liebhaber Nr. 3 sehr lieblos zu Ende. Ich weiß ja nicht, ob es von Anfang an Harris Gedanke war, so mit der Situation zu verfahren, jedoch hätte man Quinn trotz aller Querelen einen schöneren Abgang gewünscht. Bill macht sich übrigens auch nicht besser. Er ist da, gibt schwülstige Sprüche von sich und wird immer weniger zum eigenständigen Charakter. Ich wünschte, man würde dem Herrn mal eine halbwegs passable und ernstzunehmende Dame zur Seite stellen und nicht ständig mit heraushängender Zunge ums Haus streunen sehen. Und nun zum Gott selbst: es ist eigentlich nur noch eine Zeitfrage, bis es endlich Bumm macht und seitdem Eric sein Gedächtnis zurückerlangt hat, ist es plötzlich... ach, lest selbst!
Ich bin ansonsten sehr zufrieden mit der Entwicklung der Vampire; endlich kommt neuer Schwung in den Bürokratenhaufen. Die Werwölfe und Alcide hatte ich eigentlich schon abgeharkt, ganz nett war es dennoch; für Leute, die es gerne blutiger, düsterer und kämpferischer mögen, dürfte auch hier was dabei sein. Nicht so toll fand ich den Neuzugang im Hause Stackhouse, weil meines Erachtens schon der Einzug von Amelia zu viel des Guten war. Unnötigerweise wird Debbie Pelt und die Folge ihres Todes zum Tagesordnungspunkt erklärt, obwohl ich mir sicher war, dass Thema endlich als ad acta gelegt zu sehen. Und was wird aus Hunter? Es bleibt abzuwarten.
Was auffällt? Mit jedem weiteren Buch wird die Grundstimmung düsterer; ständig lungert irgendeine grausige Bedrohung vor der Haustür herum und ich bin mir sicher, dass es im neunten ähnlich gefährlich zugeht. Einen roten Faden gibt es seit dem vierten Band nicht mehr so richtig, stattdessen wird es immer episodenhafter (was zumindest den Drehbuchautoren die Arbeit leichter machen dürfte). Langeweile ist woanders zu suchen, Spannung beherrscht noch nach acht Büchern das Leben der Kellnerin, mit der drallen Oberweite, die an guten Tagen in Größe 36 passt, sonst eher eine 38er ist. Ich bin guter Dinge, dass es noch einige Zeit auf gutem und soliden Niveau weitergeht; an Ideen mangelt es Harris nicht und es bleibt nur die Frage, wer in "Vampirgeflüster" sterben muss, um einen weiteren Geniestreich genießen zu dürfen. Hiermit ist man jedenfalls bestens bedient. 5 Sterne!