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Ein Tag im Jahr. 1960-2000
 
 
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Ein Tag im Jahr. 1960-2000 [Taschenbuch]

Christa Wolf
5.0 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (6 Kundenrezensionen)

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Produktbeschreibungen

Aus der Amazon.de-Redaktion

Mitten im kalten Krieg, im Jahr 1960 forderte die russische Zeitung Istwestija die Schriftsteller der Welt auf, ihren 27. September bestmöglich in Worten festzuhalten. Auch in der DDR folgten zahlreiche Autoren dem Aufruf, so Thomas Brasch, der sich zum Gedicht "Der schöne 27. September" inspirieren ließ: "Ich habe keine Zeitung gelesen./Ich habe keiner Frau nachgesehen", heißt es da. Und, am Ende, etwas resigniert: "Ich habe keinen Stein ins Rollen gebracht."

An jenem 27. September 1960 erwachte im Amselweg in Halle die Schriftstellerin Christa Wolf mit dem Gedanken, dass dieser Tag wohl anders verlaufen würde als geplant. Am Abend, als Wolf einschlief, hatte sich der Satz bestätigt. Er wird es von nun ab jedes Jahr aufs Neue tun. Denn Christa Wolf hat nicht mehr aufgehört, ihren 27. September zu beschreiben, über 40 Jahre nicht, teils mit großem Widerwillen, um zu erforschen, auf welch verschlungenen Wegen "Leben zustande kommt". Herausgekommen ist das bewegende Stenogramm eines Autoren-Daseins: Eine "Protokoll-Serie" voll kluger Reflexionen, die zugleich auch Schlaglichter wirft auf den Alltag in der DDR und im Deutschland nach der Wende.

Leider fehlt ausgerechnet jener September, der der Menschheit wie kein zweiter im kollektiven Gedächtnis geblieben ist, auch wenn das zu beschreibende Ereignis, der Terrorakt gegen das World Trade Center in New York im Jahr 2001, gut zwei Wochen vor Wolfs Stichtag lag. Interessant wäre es aber dennoch gewesen, jene Gedanken zu lesen, die der Autorin nach dem Ereignis beim Aufwachen oder Einschlafen durch den Kopf geschossen sind. Aber vielleicht gibt es ja bald einen zweiten Band. --Thomas Köster -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.

Hörbuch-Rezension

Christa Wolf selbst liest Auszüge aus ihrem 40-jährigen Protokoll Ein Tag im Jahr. In diesem ungewöhnlichen Dokument beschreibt die Schriftstellerin jeden 27. September des Jahres. Angefangen hat sie 1960, geendet 2000. Die Idee für diese Aufzeichnungen gehen auf einen Aufruf der Moskauer Zeitung Iswestija zurück. Bereits 1935 hatte Maxim Gorki aufgerufen, „Einen Tag der Welt zu dokumentieren“. Christa Wolf reizte dieses Projekt, und sie schrieb… Es entstand ein wertvoller Bericht vom Alltag im geteilten Deutschland, eine Dokumentation des Lebens einer der bedeutendsten deutschsprachigen Prosa-Schriftstellerin, vor allem auch ein sehr offenes Werk der autobiografischen Literatur.

Vielleicht liegt es daran, dass der 28. September der Geburtstag ihrer zweiten Tochter ist. Jedenfalls erscheinen die Aufzeichnungen alle sehr persönlich. Die Autorin erzählt unverblümt, wie sie in der Welt steht: als Mutter zweier Töchter -- am Anfang bestimmen die Kinder eindeutig ihren Tages- und Schreibablauf --, als Partnerin, als Bürgerin der DDR, später der Bundesrepublik. Nie zieht sich Christa Wolf allerdings nur ins Private zurück. Wie einen roten Faden kann man durch ihre Notizen den Gedanken, die Erkenntnis, dass man vieles vergisst, wenn man es nicht aufschreibt, verfolgen. Die Frage, „was wichtig ist an einem durchschnittlichen Leben“ ist zentraler Bestandteil ihrer Arbeit.

Sehr häufig beginnen die Tagesaufzeichnungen mit der Schilderung der Träume. Die Träume als Orte des Unbewussten sind für Christa Wolf, die gerne zu dem „unerschöpflichen Bereich des Unbewussten und Verbotenen“ durchdringen möchte, von großer Bedeutung. Was hier über 40 Jahre berichtet wird, klingt wenig spektakulär und reißerisch, obwohl sich in ihrem Leben die historische Tatsache der geteilten Welt nach dem Faschismus spiegelt. Und obwohl die Schriftstellerin selbstverständlich interessante Zeitgenossen trifft wie etwa Anna Seghers, Max Frisch und Otl Aicher. Diese Texte gewinnen durch eine Ehrlichkeit gegenüber sich selbst und den Zeitereignissen: Christa Wolf erzielte 1963 mit dem Roman Der geteilte Himmel (die Geschichte einer Liebe, die an der Teilung Deutschlands scheitert und schon ein Jahr später verfilmt wurde) ihren ersten großen Erfolg. Als überzeugte Sozialistin war sie von 1963 bis 1967 Kandidatin des Zentralkomitees der SED, früher zwischen 1959 und 1962 war sie sogar als „Informelle Mitarbeiterin“ der Staatssicherheit tätig gewesen. Am Protest gegen die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann war sie maßgeblich beteiligt. 1968 erschien Nachdenken über Christa T, ein Buch, in dem die Protagonistin an der Spannung zwischen eigener, individueller Entfaltung und gesellschaftlichen Anforderungen zerbricht, d. h. krank wird und an Leukämie stirbt. 1979 drei Jahre nach Biermanns Ausbürgerung -- Christa Wolf ist geblieben -- veröffentlicht sie mit Kein Ort. Nirgends die Lebensskizze zweier, die nicht dazugehören: die Günderode und Heinrich von Kleist, beide ‚gescheiterte Literaten’ in einer Gesellschaft, die ihre Ideale verraten hat.

Nach der Wende, Christa Wolf hatte sich für eine Erneuerung des Landes von innen heraus ausgesprochen, wird es nicht leichter für sie: Die Diskussion über die Mitschuld der Intellektuellen in der DDR und der Vorwurf der „Verfechterin des Sozialismus“ bewirken einen Rückzug aus der Öffentlichkeit. 1992 verbrachte sie neun Monate im Getty Center in Santa Monica, Kalifornien. Vier Jahre später veröffentlichte sie mit Medea nach Kassandra (1983) den zweiten Roman, der in antiken Figuren einen gewissen feministischen Ansatz thematisiert.

Autorenlesung, Spieldauer: ca. 350 Minuten, 5 CD. Auch als MC erhältlich. --culture.text -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.

Kurzbeschreibung

1960 erging an die Schriftsteller der Welt ein Aufruf der Moskauer Zeitung Iswestija, sie mögen den 27. September dieses Jahres so genau wie möglich beschreiben. Christa Wolf reizte diese Idee: Von diesem Jahr an hat sie 40 Jahre lang jeden 27. September genau beobachtet und festgehalten, »mehr als die Hälfte ihres erwachsenen Lebens«. Entstanden ist ein »monumentales Tagebuch« Der Spiegel, ein beeindruckendes Zeugnis ihrer Existenz als Autorin, als Frau, als Mutter, als Bürgerin der DDR und schließlich der BRD.

Klappentext

"Ein privates und politisches Buch, es zeigt eine Autorin, die immer wieder am Dasein verzweifelt. Ein schutzloses Werk - und darin liegt seine Kraft."
Tagesspiegel

"Was es bedeutet, dass der Mensch ein geschichtliches Wesen ist, hat Christa Wolf im Selbstversuch erkundet - zu unser aller Nutzen."
Die Literarische Welt

"Entstanden ist die faszinierende Chronik eines Lebens im Widerspruch."
Tagesanzeiger

Über den Autor

Christa Wolf, 1929 in Landsberg an der Warthe geboren, lebt mit ihrem Mann Gerhard Wolf in Berlin. Sie zählt zu den bedeutendsten Schriftstellerinnen der Gegenwart; ihr umfangreiches erzählerisches und essayistisches Werk wurde in alle Weltsprachen übersetzt und mit zahlreichen nationalen und internationalen Preisen ausgezeichnet, darunter dem Heinrich-Mann-Preis der Akademie der Künste der DDR (1963), dem Literaturpreis der Freien Hansestadt Bremen (1977), dem Georg-Büchner-Preis der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, Darmstadt (1980), dem Österreichischen Staatspreis für europäische Literatur (1985), dem Geschwister-Scholl-Preis der Stadt München (1987), dem Nationalpreis 1. Klasse für Kunst und Literatur (1987), der Ehrendoktorwürde der Freien Universität Brüssel (1990), dem Orden Officier des Arts et des Lettres (1990), dem Elisabeth-Langgässer-Preis (1999) und dem Nelly Sachs-Preis (1999). 2009 wurde Christa Wolf zur Ehrenpräsidentin des P.E.N. ernannt. 2010 erhielt sie den Thomas-Mann-Preis für ihr Lebenswerk.
Im Dezember 2011 verstarb Christa Wolf in Berlin.

Auszug aus Ein Tag im Jahr von Christa Wolf. Copyright © 2003. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Mein siebenundzwanzigster September

Wie kommt Leben zustande? Die Frage hat mich früh beschäftigt. Ist Leben identisch mit der unvermeidlich, doch rätselhaft vergehenden Zeit? Während ich diesen Satz schreibe, vergeht Zeit; gleichzeitig entsteht - und vergeht - ein winziges Stück meines Lebens. So setzt sich Leben aus unzähligen solcher mikroskopischen Zeit-Stücke zusammen? Merkwürdig aber, daß man es nicht ertappen kann. Es entwischt dem beobachtenden Auge, auch der fleißig notierenden Hand und hat sich am Ende - auch am Ende eines Lebensabschnitts - hinter unserem Rücken nach unserem geheimen Bedürfnis zusammengefügt: gehaltvoller, bedeutender, spannungsreicher, sinnvoller, geschichtenträchtiger. Es gibt zu erkennen, daß es mehr ist als die Summe der Augenblicke. Mehr auch als die Summe aller Tage. Irgendwann, unbemerkt von uns, verwandeln diese Alltage sich in gelebte Zeit. In Schicksal, im besten oder schlimmsten Fall. Jedenfalls in einen Lebenslauf.
Der Aufruf der Moskauer Zeitung »Iswestija«, der 1960 an die Schriftsteller der Welt erging, hat mich sofort gereizt: Sie mögen einen Tag dieses Jahres, nämlich den 27. September, so genau wie möglich beschreiben. Das war eine Wiederaufnahme des Unternehmens »Ein Tag der Welt«, das Maxim Gorkij 1935 begonnen hatte, das nicht ohne Resonanz geblieben war, dann aber nicht weitergeführt wurde. - Ich setzte mich also hin und beschrieb meinen 27. September 1960.
So weit, so gut. Aber warum beschrieb ich dann auch den 27. September 1961? Und alle darauf folgenden 27. September, bis heute - dreiundvierzig Jahre lang, nun schon mehr als die Hälfte meines erwachsenen Lebens? Und kann damit nicht aufhören? - Nicht alle Gründe dafür sind mir bewußt, einige kann ich nennen: Als erstes meinen Horror vor dem Vergessen, das, wie ich beobachtet habe, besonders die von mir so geschätzten Alltage mit sich reißt. Wohin? Ins Vergessen eben. Vergänglichkeit und Vergeblichkeit als Zwillingsschwestern des Vergessens: Immer wieder wurde (und werde) ich mit dieser unheimlichen Erscheinung konfrontiert. Gegen diesen unaufhaltsamen Verlust von Dasein wollte ich anschreiben: Ein Tag in einem jeden Jahr wenigstens sollte ein zuverlässiger Stützpfeiler für das Gedächtnis sein - pur, authentisch, frei von künstlerischen Absichten beschrieben, was heißt: dem Zufall überlassen und ausgeliefert. Was diese zufälligen Tage mir zutrieben, konnte und wollte ich nicht steuern; so stehen scheinbar belanglose Tage neben »interessanteren«, Banalem durfte ich nicht ausweichen, »Bedeutendes« nicht suchen oder gar inszenieren. Mit einer gewissen Spannung begann ich darauf zu warten, was dieser Tag des Jahres, wie ich ihn bald nannte, mir in dem laufenden Jahr bringen würde. Die Aufzeichnungen wurden zu einer manchmal genußvollen, manchmal lästigen Pflichtübung. Sie wurden auch zu einer Übung gegen Realitätsblindheit.
Als schwieriger erwies es sich schon, auf diese Weise Entwicklungen einzufangen. Alle diese einzelnen Tagesprotokolle können ja nicht beanspruchen, für die vierzig Jahre zu stehen, aus denen sie, inselhaft, herausgepickt wurden. Doch hoffte ich: Indem ich punktuell, in regelmäßigen Abständen, einen Befund erhob, mochte sich mit der Zeit eine Art Diagnose ergeben: Ausdruck meiner Lust, Verhältnisse, Menschen, in erster Linie aber mich selbst zu durchschauen. Ich notierte - oft am gleichen Tag beginnend, meistens noch bis in die nächsten Tage hinein, - was ich an jenem Tag erlebt, gedacht, gefühlt hatte, Erinnerungen, Assoziationen - aber auch die Zeitereignisse, die mich in Bann hielten, politische Vorgänge, die mich betrafen, den Zustand des Landes, in dem ich bis 1989 Anteil nehmend lebte, und - das war nicht vorhersehbar gewesen - die Phänomene des Zusammenbruchs der DDR und die des Übergangs in eine andere Gesellschaft, einen anderen Staat. Und natürlich spiegeln sich meine manchmal jäh, häufiger aber allmählich sich verändernden Einstellungen zu all diesen komplexen, komplizierten Vorgängen: Konflikthafte, angreifende Auseinandersetzungen. In diesem Sinne sind diese Aufzeichnungen mehr als nur Material, sie wurden - wenn auch keineswegs vollständig - auch ein Beleg für meine Entwicklung. Der Versuchung, frühere Fehlurteile, ungerechte Einschätzungen aus heutiger Sicht zu korrigieren, mußte ich widerstehen.
Diese Tagebuchblätter unterscheiden sich deutlich von meinem übrigen Tagebuch, nicht nur in ihrer Struktur, auch inhaltlich und durch stärkere thematische Gebundenheit und Begrenztheit. Aber auch sie waren nicht zur Veröffentlichung bestimmt, wie etwa jene anderen Texte es von vorneherein waren, die den Ablauf eines Tages zum Anlaß für ein Prosastück nehmen: »Juninachmittag«, »Störfall«, »Was bleibt«, »Wüstenfahrt« - Beweisstücke für meine Faszination von dem erzählerischen Potential in beinahe jedem beliebigen Tag. Dagegen bedurfte es eines ausdrücklichen Entschlusses, diese Aufzeichnungen zu publizieren, in denen das »Ich« kein Kunst-Ich ist, sich ungeschützt darstellt und ausliefert - auch jenen Blicken, die nicht von Verständnis und Sympathie geleitet sind.
Warum tut man das. Meine Erfahrung ist: Von einem bestimmten Zeitpunkt an, der nachträglich nicht mehr zu benennen ist, beginnt man, sich selbst historisch zu sehen; was heißt: eingebettet in, gebunden an seine Zeit. Ein Abstand stellt sich her, eine stärkere Objektivität sich selbst gegenüber. Der selbstkritisch prüfende Blick lernt vergleichen, wird dadurch nicht milder, vielleicht etwas gerechter. Man sieht, wieviel Allgemeines auch in Persönlichstem steckt und hält für möglich, daß das Bedürfnis des Lesers, zu urteilen und zu richten, ergänzt werden kann durch Selbstentdeckung und, im günstigsten Fall, Selbstwahrnehmung.
Subjektivität bleibt wichtigstes Kriterium des Tagebuchs. Dies ist ein Skandalon in einer Zeit, in der wir mit Dingen zugeschüttet und selbst verdinglicht werden sollen; auch die Flut scheinbar subjektiver schamloser Enthüllungen, mit denen die Medien uns belästigen, ist ja kühl kalkulierter Bestandteil dieser Warenwelt. Ich wüßte nicht, wie wir diesem Zwang zur Versachlichung, der bis in unsere intimsten Regungen eingeschleust wird, anders entkommen und entgegentreten sollten als durch die Entfaltung und auch durch die Entäußerung unserer Subjektivität, ungeachtet der Überwindung, die das kosten mag. Das Bedürfnis, gekannt zu werden, auch mit seinen problematischen Zügen, mit Irrtümern und Fehlern, liegt aller Literatur zugrunde und ist auch ein Antriebsmotiv für dieses Buch. Es wird sich zeigen, ob die Zeit für ein solches Wagnis schon gekommen ist.
Aber der ausschlaggebende Grund dafür, diese Blätter zu publizieren: Ich denke, sie sind ein Zeitzeugnis. Ich sehe es als eine Art Berufspflicht an, sie zu veröffentlichen. Unsere jüngste Geschichte scheint mir Gefahr zu laufen, schon jetzt auf leicht handhabbare Formeln reduziert und festgelegt zu werden. Vielleicht können Mitteilungen wie diese dazu beitragen, die Meinungen über das, was geschehen ist, im Fluß zu halten, Vorurteile noch einmal zu prüfen, Verhärtungen aufzulösen, eigene Erfahrungen wiederzuerkennen und zu ihnen mehr Zutrauen zu gewinnen, fremde Verhältnisse etwas näher an sich heranzulassen …
An der Authentizität der Texte habe ich festgehalten. Leichte Kürzungen wurden vorgenommen. In einigen Fällen mußten Sätze aus Gründen des Personenschutzes gestrichen werden.

April 2003

Dienstag, 27. September 1960
Halle/S., Amselweg

Als erstes beim Erwachen der Gedanke: Der Tag wird wieder anders verlaufen als geplant. Ich werde mit Tinka wegen ihres schlimmen Fußes zum Arzt müssen. Draußen klappen Türen. Die Kinder sind schon im Gange. Gerd schläft noch. Seine Stirn ist feucht, aber er hat kein Fieber mehr. Er scheint die Grippe überwunden zu haben.
Im Kinderzimmer ist Leben. Tinka liest einer kleinen, dreckigen Puppe aus einem Bilderbuch vor: Die eine wollte sich seine Hände wärmen; die andere wollte sich seine Handschuh wärmen; die andere wollte Tee trinken. Aber keine Kohle gab's. Dummheit!
Sie wird morgen vier Jahre alt. Annette macht sich Sorgen, ob wir genug Kuchen backen werden. Sie rechnet mir vor, daß Tinka acht Kinder zum Kaffee eingeladen hat. Ich überwinde einen kleinen Schreck und schreibe einen Zettel für Annettes Lehrerin: Ich bitte, meine Tochter Annette morgen schon mittags nach Hause zu schicken. Sie soll mit ihrer kleinen Schwester Geburtstag feiern.
Während ich Brote fertigmache, versuche ich mich zu erinnern, wie ich den Tag, ehe Tinka geboren wurde, vor vier Jahren verbracht habe. Immer wieder bestürzt es mich, wie schnell und wie vieles man vergißt, wenn man nicht alles aufschreibt. Andererseits: Alles festzuhalten, wäre nicht zu verwirklichen: Man müßte aufhören zu leben. - Vor vier Jahren war es wohl wärmer, und ich war allein. Abends kam eine Freundin, um über Nacht bei mir zu bleiben. Wir saßen lange zusammen, es war das letzte vertraute Gespräch zwischen uns. Sie erzählte mir zum erstenmal von ihrem zukünftigen Mann …
Nachts telefonierte ich nach einem Krankenwagen.
Annette ist endlich fertig. Sie ist ein bißchen bummelig und unordentlich, wie ich als Kind gewesen sein muß. Damals hätte ich nie geglaubt, daß ich meine Kinder zurechtweisen würde, wie meine Eltern mich zurechtwiesen. Annette hat ihr Portemonnaie verlegt. Ich schimpfe mit den gleichen Worten, die meine Mutter gebraucht hätte: So können wir mit dem Geld auch nicht rumschmeißen, was denkst du eigentlich?
Als sie geht, nehme ich sie beim Kopf und gebe ihr einen Kuß. Mach's gut! Wir blinzeln uns zu. Dann schmeißt sie die Haustür unten mit einem großen Krach ins Schloß.
Tinka ruft nach mir. Ich antworte ungeduldig, setze mich versuchsweise an den Schreibtisch. Vielleicht läßt sich wenigstens eine Stunde Arbeit herausholen. Tinka singt ihrer Puppe lauthals ein Lied vor, das die Kinder neuerdings sehr lieben: »Abends, wenn der Mond scheint, ins Städtele hinaus …«, die letzte Strophe geht so:

Eines Abends in dem Keller
aßen sie von einem Teller
eines Abends in der Nacht
hat der Storch ein Kind gebracht …
Wenn ich dabei bin, versäumt Tinka nie, mich zu beschwichtigen: Sie wisse ja genau, daß der Storch gar keine Kinder tragen könne, das wäre ja glatt Tierquälerei. Aber wenn man es singt, dann macht es ja nichts.
Sie beginnt wieder nach mir zu schreien, so laut, daß ich im Trab zu ihr stürze. Sie liegt im Bett und hat den Kopf in die Arme vergraben.
Was schreist du so?
Du kommst ja nicht, da muß ich rufen.
Ich habe gesagt, ich komme gleich.
Dann dauert es immer noch lange lange lange bange bange bange. Sie hat entdeckt, daß Wörter sich reimen können. Ich wickle die Binde von ihrem zerschnittenen Fuß. Sie schreit wie am Spieß. Dann spritzt sie die Tränen mit dem Finger weg. Beim Doktor wird's mir auch wehtun.
Willst du beim Doktor auch so schrein? Da rennt ja die ganze Stadt zusammen. - Dann mußt du mir die Binde abwickeln. - Ja, ja. - Darf ich heute früh Puddingsuppe? - Ja, ja. - Koch mir welche! - Ja, ja.
Der Fußschmerz scheint nachzulassen. Sie kratzt beim Anziehen mit den Fingernägeln unter der Tischplatte und möchte sich ausschütten vor Lachen. Sie wischt sich die Nase mit dem Hemdzipfel ab. He! schreie ich, wer schneuzt sich da ins Hemde? - Sie wirft den Kopf zurück, lacht hemmungslos: Wer schneuzt sich da ins Hemde, Puphemde …
Morgen habe ich Geburtstag, da können wir uns heute schon ein bißchen freuen, sagt sie. Aber du hast ja vergessen, daß ich mich schon alleine anziehen kann. - Hab's nicht vergessen, dachte nur, dein Fuß tut dir zu weh. - Sie fädelt umständlich ihre Zehen durch die Hosenbeine: Ich mach das nämlich viel vorsichtiger als du. - Noch einmal soll es Tränen geben, als der rote Schuh zu eng ist. Ich stülpe einen alten Hausschuh von Annette über den verletzten Fuß. Sie ist begeistert: Jetzt hab ich Annettes Latsch an!
Als ich sie aus dem Bad trage, stößt ihr gesunder Fuß an den Holzkasten neben der Tür. Bomm! ruft sie. Das schlägt wie eine Bombe! - Woher weiß sie, wie eine Bombe schlägt? Vor mehr als sechzehn Jahren habe ich zum letzten Mal eine Bombe detonieren hören. Woher kennt sie das Wort?
Gerd liest in Lenins Briefen an Gorki, wir kommen auf unser altes Thema: Kunst und Revolution, Politik und Kunst, Ideologie und Literatur. Über die Unmöglichkeit deckungsgleicher Gedankengebäude bei - selbst marxistischen - Politikern und Künstlern. Die »eigene« Welt, die Lenin Gorki zugesteht (und mehr als zugesteht: die er voraussetzt) bei aller Unversöhnlichkeit in philosophischen Fragen. Seine Rücksichtnahme, sein Takt bei aller Strenge. Zwei gleichberechtigte Partner arbeiten miteinander, nicht der alles Wissende und der in allem zu Belehrende stehen sich gegenüber. Freimütige und großmütige gegenseitige Anerkennung der Kompetenzen … Wir kommen auf die Rolle der Erfahrung beim Schreiben und auf die Verantwortung, die man für den Inhalt seiner Erfahrung hat: Ob es einem aber freisteht, beliebige, vielleicht vom sozialen Standpunkt wünschenswerte Erfahrungen zu machen, für die man durch Herkunft und Charakterstruktur ungeeignet ist? Kennenlernen kann man vieles, natürlich. Aber erfahren? - Es gibt einen Disput über den Plan zu meiner neuen Erzählung. Gerd dringt auf die weitere Verwandlung des bisher zu äußerlichen Plans in einen, der mir gemäß wäre. Oder ob ich eine Reportage machen wolle? Dann bitte sehr, da könnte ich sofort loslegen. Leichte Verstimmung meinerseits, wie immer geleugnet, wenn ich in Wirklichkeit spüre, daß »was Wahres dran ist«.
Ob ich das gelesen habe? Einen kleinen Artikel Lenins unter der Überschrift »Ein talentiertes Büchlein«. Gemeint ist ein Buch eines »fast bis zur Geistesgestörtheit erbitterten Weißgardisten«: »Ein Dutzend Dolche in den Rücken der Revolution«, das Lenin bespricht - halb ironisch, halb ernsthaft, und dem er »Sachkenntnis und Aufrichtigkeit« bescheinigt, wo der Autor beschreibt, was er kennt, was er durchlebt und empfunden hat. Lenin nimmt ohne weiteres an, daß die Arbeiter und Bauern aus den reinen, sachkundigen Schilderungen der Lebensweise der alten Bourgeoisie die richtigen Schlüsse ziehen würden, wozu der Autor selbst nicht imstande ist, und scheint es für möglich zu halten, einige dieser Erzählungen zu drucken. »Ein Talent soll man fördern« - was wiederum Ironie ist, aber auch Souveränität. - Wir kommen auf die Voraussetzungen für souveränes Verhalten in einem Land, in dem sich die sozialistische Gesellschaft unter Voraussetzungen und Bedingungen wie bei uns entwickeln muß. Über Gründe und Grundlagen des Provinzialismus in der Literatur.
Wir lachen, wenn wir uns bewußt machen, worüber wir endlos zu jeder Tages- und Nachtzeit reden - wie in schematischen Büchern, deren Helden wir als unglaubwürdig kritisieren würden.
Ich gehe mit Tinka zum Arzt. Sie redet und redet, vielleicht, um sich die Angst wegzureden. Mal verlangt sie die Erläuterung eines Wandbildes (Wieso findest du es nicht schön? Ich find es schön bunt!), mal will sie mit Rücksicht auf ihren kranken Fuß getragen werden, mal hat sie allen Schmerz vergessen und balanciert auf den Steinumfassungen der Vorgärten.
Unsere Straße führt auf ein neues Wohnhaus zu, an dem seit Monaten gebaut wird. Ein Aufzug zieht Karren mit Mörtelsäcken hoch und transportiert leere Karren herunter. Tinka will genau wissen, wie das funktioniert. Sie muß sich mit einer ungefähren Erklärung der Technik begnügen. Ihr neuer, unerschütterlicher Glaube, daß alles, was existiert, »zu etwas gut ist«, ihr zu etwas gut ist. Wenn ich so oft um die Kinder Angst habe, dann vor allem vor der unvermeidlichen Verletzung dieses Glaubens.
Als wir die Treppen der Post hinunterlaufen, klemme ich sie mir unter den Arm. - Nicht so schnell, ich fälle! - Du fällst nicht. - Wenn ich groß bin und du klein, renne ich auch so schnell die Treppen runter. Ich werd größer als du. Dann spring ich ganz hoch. Kannst du übrigens über das Haus springen? Nein? Aber ich. Über das Haus und über einen Baum. Soll ich? - Mach doch! - Ich könnte ja leicht, aber ich will nicht. - So, du willst nicht? - Nein. - Schweigen. Nach einer Weile: Aber in der Sonne bin ich groß. - Die Sonne ist dunstig, aber sie wirft Schatten. Sie sind lang, weil die Sonne noch tief steht. - Groß bis an die Wolken, sagt Tinka. Ich blicke hoch. Kleine Dunstwolken stehen sehr hoch am Himmel. -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.

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