Die Idee, dass eine größere Gruppe von Fotografen einen Tag lang ein bestimmtes Thema fotografiert ist nicht ganz neu. Rick Smolans Buchserie "A Day in the Life", fotografiert von ca. 200 international renommierten Fotografen u.a. in Australien, Kanada, Japan und USA war Anfang der achtziger Jahre auch kommerziell ein großer Erfolg. Mit den mehr als 400 beteiligten Fotografen und dem erheblich größeren Buchumfang gelingt Freelens jetzt mit "Ein Tag Deutschland" natürlich die weitaus facettenreichere Momentaufnahme eines Landes. Der Zeitpunkt für die Veröffentlichung, kurz vor dem 20. Jahrestag der Wiedervereinigung, hätte nicht besser gewählt werden können.
Die Fotografen haben sich für dieses Projekt ihre Themen selber auswählen können. Präsentiert werden die Arbeiten als Einzelbilder oder als Serien auf maximal 4 Seiten. Wer es gewohnt ist, Fotobücher von vorne nach hinten durchzublättern, wird sich das für "Ein Tag Deutschland" abgewöhnen müssen. Eine Ordnungsstruktur der Bilder, sei es chronologisch (was gepasst hätte bei "Ein Tag..") oder thematisch, ist nicht erkennbar. Wahrscheinlich ist man bei einem Buchumfang von 630 Seiten davon ausgegangen, dass der Leser immer wieder in das Buch hineinblättert. Da nur Einzelbilder und kleine Serien gezeigt werden, funktioniert das auch ganz gut. Durch die vielen Reportagefotos wird der Leser beim Durchblättern laufend neue, für ihn bis dahin unbekannte Lebenswelten und Orte in Deutschland kennenlernen. Darin liegt ganz klar die Spannung des Buches. Die weitere Stärke des Buches ist in der Unterschiedlichkeit der Bildsprachen zu sehen, was dieses Buch für jeden Fotografie-Interessierten unbedingt empfehlenswert macht.
Mit dem Verschwinden großer Bildstrecken in den Magazinen ist in den letzten Jahren oft vom Tod des Fotojournalismus die Rede gewesen. Mit aller Macht demonstriert die Fotografenorganisation Freelens nun mit diesem Buch das Gegenteil. Der Fotojournalismus lebt und das Medienecho kurz nach Erscheinen des Buches zeigt: auch das Publikum ist noch da. Das Buch unterstreicht aber auch zwei neue Entwicklungen im Fotojournalismus. Zum einen suchen Fotografen abseits der Zeitschriften neue Präsentationsformen, in diesem Fall ein Buch mit 640 Seiten, erschienen bei einem bis dato für seine Technikbücher bekannten Verlag, zum anderen verändert sich der Entstehungskontext fotojournalistischer Arbeiten. Größere Projekte werden weniger von Magazinen in Auftrag gegeben, als vielmehr von Fotojournalisten selbst initiiert.
Ob die Bilder "erzählen, wie es in Deutschland wirklich aussieht" (Einführungstext), bleibt dahingestellt. Zunächst einmal zeigt das Buch, was 432 Berufsfotografen am 7. Mai 2010 auftragsunabhängig fotografiert haben. Wenn man beispielsweise sieht, welchen Umfang die traditionellen (und optisch interessanten) Wirtschaftsbereiche, wie Werften, Metallverarbeitung, Energieversorgung und Handwerk im Buch einnehmen und wie wenig die Digitalisierung unseres Alltags und neue Wirtschaftsformen im Buch sichtbar sind, wird deutlich, dass die Fotografen einen subjektiven Blick auf die Dinge haben und eine Bewertung des Projektes als "visuelle Bestandsaufnahme" Deutschlands dann doch etwas zu hoch gegriffen ist.