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Ein Staat für Palästina?: Plädoyer für eine Zivilgesellschaft in Nahost
 
 
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Ein Staat für Palästina?: Plädoyer für eine Zivilgesellschaft in Nahost [Gebundene Ausgabe]

Sari Nusseibeh
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Kurzbeschreibung

Abschied von der Zwei-Staaten-Lösung? Seit sechzig Jahren ist der Nahost-Konflikt ein Problem der Weltpolitik, das trotz zahlloser Lösungsvorschläge bis heute ungelöst ist die aktuelle Situation scheint sogar verfahrener denn je. In einer solchen Situation, argumentiert Sari Nusseibeh, einer der bekanntesten palästinensischen Philosophen und seit Jahren aktiv in den Friedensprozess involviert, muss man über die eingefahrenen Muster hinausdenken. Um einen Raum zu öffnen, in dem der Frieden nicht nur denkbar ist, muss man sich die essentiellen Fragen neu stellen: Wie konnte es so weit kommen? Was zählt im Alltag der Menschen? Und wozu soll ein Staat überhaupt dienen? Sari Nusseibehs provokante Reflexion ist ein intellektuelles wie emotionales vermittelndes Plädoyer für eine humane Zivilgesellschaft in Nahost, für einen neuen Weg zum Frieden.

Über den Autor

Sari Nusseibeh, geboren 1949, ist seit 1995 Präsident der Al-Quds-Universität, der einzigen arabischen Universität in Jerusalem, an der er Philosophie lehrt. Von 2001 bis 2002 war er Statthalter der PLO in Jerusalem und ist seit Jahren auf vielfältige Weise in den Friedensprozess involviert. 2003 wurde er mit dem Lew-Kopelew-Preis für Frieden und Menschenrechte und 2010 zusammen mit Amos Oz mit dem Siegfried-Unseld-Preis ausgezeichnet. 2008 erschien im Verlag Antje Kunstmann seine Autobiografie Es war einmal ein Land . Er lebt mit seiner Familie in Jerusalem.

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3 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Von Winfried Stanzick HALL OF FAME REZENSENT TOP 10 REZENSENT
Zu der 2008 ebenfalls bei Kunstmann erschienenen Autobiografie des palästinensischen Philosophen Sari Nusseibeh "Es war einmal ein Land" schrieb der jüdische Publizist Leon Wieseltier damals in der New York Times Book Review:
"Ein zutiefst bewundernswertes Buch eines zutiefst bewundernswerten Mannes. Sari Nusseibehs herausragende Qualitäten, sein Entwurf eines liberalen Nationalismus, sein Eintreten für Gewaltlosigkeit inmitten des Terrors, seine Humanität in einem inhumanen Konflikt sind etwas, was einen verzweifeln lassen könnte, weil es so selten ist."

Und die deutsche ZEIT formulierte: "Sari Nusseibeh arbeitet Pläne aus, provoziert mit für unmöglich gehaltenen Konzepten und bleibt abseits von jeder Partei und jedem fixen ideologischen Standpunkt. Genau dies, die Frische der immer neu zu bestimmenden Wahrheit, macht seine Radikalität aus."

Es ist deshalb nicht zu erstaunlich, dass seine Vorschläge und Gedanken vorzugsweise bei liberalen Juden in Israel und in der jüdischen Öffentlichkeit vor allem in den USA viel Gehör finden, er jedoch bei seinen eigenen Landsleuten mit viel Skepsis betrachtet wird. Selbst früher den PLO -Leitungsgremien angehörend, sprach er sich während der zweite Intifada gegen die herrschende Meinung aus, begann Selbstmordattentate zu verurteilen und einen demilitarisierten palästinensischen Staat zu fordern.

Davon ist er nun in seinem neuen Buch abgerückt, Er glaubt nicht mehr an die Verwirklichung einer Zwei-Staaten-Lösung und lässt doch nicht los, mit innovativen und radikalen Vorschlägen etwas zu tun für die Menschen in den besetzten Gebieten. Er lässt die Debatte der letzten Jahrzehnte um einen eigenen Staat für die Palästinenser Revue passieren und erteilt am Ende dieser Idee eine endgültige historische Absage. Man müsse sich, so sagt er, die existentiellen Fragen neu stellen, wenn ein historisches Projekt offensichtlich an sein Ende gelangt sei.

Und dann macht er einen ernst gemeinten Vorschlag, dessen Realisierung er zwar für unmöglich hält, mit dessen Formulierung er aber Bewegung in eine absolut festgefahrene Debatte bringen möchte:
"Als Gedankenexperiment möchte ich eine Maßnahme vorschlagen, die so anstößig ist, dass sie zu ihrer eigenen Aufhebung führen könnte (...) In diesem Sinne und als eine Möglichkeit , über den scheinbar nicht zu überwindenden Status Quo hinauszugelangen, schlage ich vor, dass Israel die besetzten Gebiete offiziell annektiert, die Palästinenser in dem so vergrößerten Staat Israel akzeptieren, dass dieser Staat jüdisch bleibt, und sie im Gegenzug sämtliche bürgerlichen, wenn auch nicht politischen Rechte erhalten."

Es ist ein gewagtes Experiment, das mit Sicherheit von allen Seiten zunächst einmal in Bausch und Bogen verdammt werden wird. Aber das war schon früher mit intelligenten Vorschlägen so. Und doch ist oft etwas von der ursprünglichen Idee in den historischen Prozess durchgesickert und hat zu positiven Veränderungen geführt. Ich denke in diesen Zusammenhängen oft an die 1965 erschienene "Ostdenkschrift der EKD", die damals geradezu verrissen wurde. Und was haben wir heute?

Auch Nusseibeh denkt in langen Zeiträumen. Mit seinem provokanten Buch jedoch möchte er sehr aktuell die Debatte neu entfachen. Es ist bewundernswert, wie einer seine gewaltfreie Hoffnung für eine mögliche "Zivilgesellschaft in Nahost" nicht aufgibt. Einen hohen Stellenwert räumt er der Bildung der palästinensischen Jugend ein. Er mahnt und hofft zugleich, wenn er am Ende seines Buches schreibt: "Woran es jedoch noch fehlt, eine Aufgabe, die noch bevorsteht, ist, die Menschen an ihre eigenen Kräfte zu
erinnern: die Bildung zu einem Instrument zu machen, mit dessen Hilfe die palästinensische Jugend erkennt, dass sie ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen kann. Wie dies aussehen könnte, dass es auch tatsächlich geschieht und sich in der Konsequenz das palästinensische Schicksal, von Palästinensern gestaltet, zu entfalten beginnt - daran müssen die kommenden Generationen arbeiten".

Vielleicht wird man viel später einmal sagen, das hier vorliegende Buch habe damals eine entscheidende Weichenstellung im Denken über den alten Konflikt eingeleitet. Heftig umstritten sei es gewesen, habe aber endlich zu einem neuen Denken geführt. Und nun sei das gemeinsame Land zwar nicht mehr ohne Konflikte, wie auch, aber es herrsche so etwas wie Frieden und keiner schieße mehr auf den anderen. Utopie ?
Hoffentlich nicht.
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Bei den Palästinensern gibt es möglicherweise eine noch tiefere kulturelle oder religiöse Disposition, der Realität des Todes eine so große Rolle zuzuschreiben, dass er dem Leben gleichwertig ist oder sogar noch einen weitaus höheren Wert hat." Hätte dies nicht auch von Benny Morris oder Thomas Friedman stammen können? Dies schreibt aber Sari Nusseibeh, Professor für Philosophie und Präsident der Al-Quds-Universität in Ost-Jerusalem.

Als ein Gedankenexperiment", um über den unüberwindbaren Status quo hinauszugelangen, schlägt der Autor vor, dass Israel die besetzten Gebiete offiziell annektiert, die Palästinenser in dem so vergrößerten Israel akzeptiert, dass dieser Staat jüdisch bleibt und sie im Gegenzug sämtliche bürgerlichen, wenn auch nicht politischen Rechte erhalten. Damit wäre der Staat jüdisch, das Land hingegen wirklich binational, und es würde für das Wohl aller Araber in diesem Land gesorgt." Die vollen Bürgerrechte, wenn auch ohne aktives und passives Wahlrecht, wären die beste Option. Man könnte den Palästinensern somit nicht vorwerfen, sie hätten die Jüdischkeit" Israels verwässert" oder gar besudelt". Unter solchen Bedingungen würde es ihnen weitaus besser gehen als in den 45 Jahren israelischer Okkupation, schreibt der Autor. Wozu brauchen die Palästinenser einen eigenen Staat, wenn ihnen Israel die bürgerlichen Rechte gewährt und ihre Menschenrechte achten, fragt Nusseibeh.

Zu Nusseibehs Gedankenexperimenten" gehört der Verzicht auf das Rückkehrrecht, die Aufgabe des Selbstbestimmungsrechts der Palästinenser, ein völlig demilitarisierter Staat Palästina" und die Akzeptierung der Palästinenser als Staatsbürger zweiter Klasse unter Israels Herrschaft in einem Staat vom Jordan bis zum Mittelmeer. Wo die Durchsetzung individueller Rechte der Verwirklichung des öffentlichen Wohls klar im Wege steht und wo zudem die betroffene Öffentlichkeit aus eben jenen Individuen besteht, die diese Rechte fordern, lautet die rationale Schlussfolgerung, dass es besser ist, diese Rechte aufzugeben."

Solche unkonventionellen Aussagen machen Nusseibeh zum Darling" der zionistischen Linken in Israel. Als Professor für Philosophie sollte der Autor die Prämissen der zionistischen Ideologie eigentlich verstanden haben. Viele seiner Aussagen sind vor dem brutalen Besatzungsalltag im besetzten Palästina bizarr und muten weltfremd an. Das Buch ist ein indirektes Plädoyer für einen neokolonialen zionistischen Paternalismus, dem sich das palästinensische Volk unterwerfen soll. Das letzte Wort über diese Vision" hat aber immer noch der palästinensische Souverän.

Dr. Ludwig Watzal, Redakteur und Journalist, Bonn.
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