"Ein Stück vom Meer" ist ein autobiographisch gefärbter Roman über Aliza Olmerts - der Frau des amtierenden israelischen Ministerpräsidenten - Umsiedlung aus Deutschland nach Israel in den 50er Jahren, ein Roman über die Anfänge dieses jungen Staates, bei dem der Holocaust ein Nicht-Thema spielt. In einfachem, anschaulichem Stil wird aus der Sicht des Kindes Alusia das Ankommen im neuen Leben, im Gelobten Land beschrieben. Der Inhalt ist einfach strukturiert: die ersten 100 Seiten sind Einleitung, die krampfhaft bemühte Adaption an die neuen Gegebenheiten und das Streben nach Normalität. Es folgen 100 Seiten Resignation der Mutter, die sich nach ihren toten Verwandten und Europa derart sehnt, dass sie fast daran zugrunde geht, wohingegen der Vater, ein Schnallenheld, weiterhin verbissen, doch optimistisch versucht, Fuß zu fassen. Auf weiteren 100 Seiten gibt dagegen er auf, lähmen ihn die Folgen des Krieges, wohingegen die Mutter im Aufbau einer polnischen Bibliothek, die als Treffpunkt für polnische Überlebende dient, die zu ihrer neuen Familie werden, ihre Bestimmung findet und zu leben beginnt. Beide Eltern entfernen sich immer weiter von einander, von ihrem Ziel, eine Familie zu sein und den Bemühungen, ihre Tochter zu einem guten Menschen zu erziehen, ihr eine kultivierte Umgebung (ein Bougainvilleen umranktes Haus) zuschaffen" (S.143), und münden im routinierten, normalen, oberflächlichen Alltag. Die Entwicklung der kleinen Alusia dagegen ist diametral: aus dem lieben, fröhlichen Kind, das ihren Eltern einziger Lichtblick im trüben Neuanfang ist, das sich immer vernünftig und rücksichtsvoll verhält, sich jedoch danach sehnt, Kind sein zu dürfen, wird eine aufsässige, israelische Straßengöre, die sich von den Interessen ihrer Eltern vollständig entfernt hat und nun endlich Kind ist!
Ein wirklich interessant und schön zu lesender Roman, der mich neugierig gemacht hat, mehr über das damalige und heutige Leben in Israel zu erfahren. Lobend sei hervorzuheben, dass das oft behandelte Thema Holocaust, Diaspora und Zionismus, das unweigerlich, aufgrund der Wurzeln der Protagonisten zu dieser Geschichte gehört, ganz unaufdringlich und ohne Wertung einbezogen wird