Als Felix Mendelssohn Bartholdy die Ouvertüre zu Shakespeares heiterer Komödie schrieb, war er gerade einmal 17 Jahre alt. Vorausgegangen war dem ein euphorischer Brief, in dem er nach eingehender Lektüre des englischen Poeten freudvoll ankündigte: "Morgen will ich beginnen, einen Sommernachtstraum zu träumen!" Diesen enthusiastischen Worten ließ der Sohn eines Bankiers wundersame Taten folgen, denn es gibt wohl kaum ein vergleichbares Werk in der Kunst, das derart vital den Geist von Shakespeares Vorlage erfasst, wie es Mendelssohn mit dieser phänomenalen Musik gelingt, die einfach großartig ist, weil er mit einem untrüglichen Gespür für das Stück das fortwährende Necken und Scherzen von Shakespeares Hauptfiguren auf die Instrumente überträgt und mit einem äußerst fein geführten Pinselstrich ein zärtliches und glasklares Klangbild zeichnet, das durch seine pure Authentizität dieses mondbeglänzte Treiben auf der Lichtung im Feenwald wahrhaftig zum Leben erweckt. Vier geheimnisvolle Bläserakkorde öffnen die Pforten zu Elfenkönig Oberons Reich, ehe die diversen Gruppierungen an Geigenstimmen wie Motten im Licht im Raum zu flirren beginnen, durch alle Ecken des Orchesters geistern und voller Esprit ihren grazilen Feenzauber versprühen. Ein einziges Mal wird diese spukhafte Atmosphäre gestört, als die Rüpel aus der Stadt schwerfällig in die Szenerie stolpern und der abwärts geführte Nonensprung einer stöhnenden Ophikleide intoniert wird, der ganz ähnlich einem staunenden I-A erklingt und für den Weber Zettel steht, der von Oberons drolligem Kobold Puck mit magischen Liebestropfen in einen Esel verwandelt wurde. Nach 11 Minuten endet die Ouvertüre ebenso sanft, wie sie begann und die vier Bläserakkorde schließen vorerst wieder die Gatter zu diesem sagenhaften Wunderland.
17 Jahre später leitete Mendelssohn aus der Ouvertüre die Begleitmusik für das Theaterstück ab und trotz dieses langen zeitlichen Abstands gelingt es ihm, den stimmungsvollen Faden wieder aufzunehmen und nahtlos weiterzuspinnen. Erneut verzichtet er auf eine monumentale Orchestersprache und verbindet stattdessen klassizistische Elemente, die bis auf Mozart zurückreichen, mit einer schwelgerischen Romantik, die so blumig die Sinne betört, dass man glaubt, man könnte Eichendorffsche Visionen mit ihrem ganzen somnambulen Magnetismus verspüren. Denn Mendelssohns Musik hat sich mit Leib und Seele der Irrationalität der Nacht verschrieben, wo sich unter freiem Sternenhimmel flüsternde Liebesstimmen in einer irrlichternden Szenerie aufs Neue ein Stelldichein geben. Ein leicht beschwingtes Holzbläser-Scherzo breitet mit seinem tänzerischen Charme den Klangteppich für die Feen aus, die anschließend im Mondschein schwerelos in die Lichtung einmarschieren, wo Oberon und Titania ihr possenhaftes Katz-und-Maus-Spiel aufführen. Und wenn Kathleen Battle und Frederica von Stade mit der kristallklaren Reinheit ihrer Sopranstimmen den sakralen Chor der Elfen heraufbeschwören, der die Feenkönigin Titania behutsam in den Schlaf wiegen soll, wirkt das so, als ob man durch die Tore einer zauberhaften Märchenwelt geht, in der das Unfassbare plötzlich zum Greifen nah ist und die süßesten Träume wahr werden. Zerbrechliche Melodiebögen zirkulieren im Intermezzo um den Kopf der unglücklichen Hermia, die in ihrem Gefühlschaos auf der verzweifelten Suche nach ihrer heimlichen Liebe Lysander durch den Wald irrt. Ein sanftes Nocturne geleitet mit den friedvollen Kantilenen der sentimentalen Horn-Soli die beiden zänkischen Paare aus dem nahen Athen in des Morpheus' Arme, wo sie nach all den Irrungen und Wirrungen der Liebe endlich im Schlaf ihren Seelenfrieden finden, ehe dann das wohl bekannteste Stück aus diesem Werk folgt, der pompöse Hochzeitsmarsch, zu dem Theseus und Hippolyta sich das Ja-Wort geben und wer sich demnächst selbst vermählen möchte und noch eine geeignete Begleitmusik für den schweren Gang vor den Traualtar sucht, darf sich hier gerne inspirieren lassen. Im Tanz der Rüpel zitiert Mendelssohn noch einmal seine Ouvertüre, bevor die erste Sopranstimme und der Elfenchor das Licht langsam herunterdrehen und der magische Spuk sein feierliches Finale findet.
Diese Einspielung von Seiji Ozawa mit dem Boston Symphony Orchestra ist einfach wundervoll gelungen. Und das nicht nur weil Ozawa das Orchester prächtig zum Schimmern bringt und die Singstimmen der Sopranistinnen mit der Strahlkraft funkelnder Fanale aus der Nacht herausstechen, sondern auch weil diese Aufnahme mit Dame Judi Dench als Erzählerin einen weiteren Joker aus dem Ärmel zieht. Sie liefert hier ein Lehrbeispiel dafür, was es ausmacht, wenn eine der renommiertesten Shakespeare-Darstellerinnen die Textauszüge mit ihrer ausdrucksstarken Stimme akzentuiert, sodass diese Interpretation bis in die Sprechrolle hinein der Vorlage einen lebendigen Atem einhaucht. Alle Romantiker, alle Träumer, alle Verliebten, die Glücklichen und die Unglücklichen, dürfen sich hier für eine Stunde lang in eine fantastische Welt entführen lassen!