Wer sich - wie ich - in seiner Freizeit mal am Schreiben eines Romans versucht hat, kennt die sich daraus ergebenden Schwierigkeiten: Wahrscheinlich hatte man am Anfang eine grobe Idee, ein oder zwei interessante Bilder im Kopf, aber ein richtiger Plot will sich daraus nicht ergeben. Von interessanten, dreidimensionalen Charakteren einmal ganz zu schweigen! Und Freunde un Verwandte lächeln meist eher, als das sie einem Mut machen... Zumindest ging (und geht) es mir immer so, und Louise Doughty kennt diese Probleme ebenso aus ihrer Erfahrung, was sie auch schreibt. Manche mögen dieses Buch als "Geplauder" abtun und bemängeln, man solle eine Zeitungskolumne nicht in Buchform verkaufen; aber tatsächlich gibt es mehr als genug reichlich theoretische Abhandlungen über Plot, Struktur und Charaktere, die zwar alle interessant zu lesen sind, aber - und genau hier hakt Doughty ein - einem nicht wirklich weiterhelfen, sobald man ersteinmal vor Rechner oder Schreibmaschine sitzt. Es gibt nur EINES, das wirklich hilft: Schreiben, schreiben, schreiben und dann - schreiben. Und vorher lesen, am besten noch mehr. Ist beim Fahrradfahren ja schließlich auch nicht anders. Und was soll man schreiben, solange es keine Handlung gibt? Hier spricht Doughty in ihrem angenehm unautoritären Ton das aus, was man irgenwie immer geahnt hat, ohne es wahrhaben zu wollen: Kreativität ist ein chaotischer Prozess, und so muss z.B. der Anfang des Romans nicht unbedingt geschrieben werden, bevor das Ende entsteht. Sieben der zwölf Buchmonate verbringt man als Leser mit "Materialsammeln": Spontanes Aufschreiben von Szenen und Ideen, die einem einfach so in den Sinn kommen, ohne sich darüber den Kopf zu zerbrechen, was genau wohin soll. Dieser Schritt kann nur später folgen, und auch hier ist "Ein Roman in einem Jahr" eine große Hilfe.
Die angebotenen Übungen sind zu Beginn vielleicht zu einfach für erfahrenere Autoren (einiges habe ich auch übersprungen), zunächst geht es "nur" darum, einige Sätze zu beenden. Die von der Website zum Buch entnommenen Ergebnisse sind allerdings teils sehr überraschend, und Doughtys Analyse derselben ist sicher auch für fortgeschrittenere Autoren noch hier und da lehrreich. Interessanter wird es sehr schnell weiter hinten, wenn es z.B. darum geht, der eigenen Hauptfigur - wer immer dies sein mag - in einer frei erfundenen Szenen nach beliebiger Methode den Daumen zu brechen, einfach um diese anhand ihrer Reaktion besser kennen zu lernen. Oder wenn Doughty empfiehlt, sich mit einem Fotoapparat in die Wohnsiedlungen von z.B. London zu begeben, falls der eigene Roman in London spielt, um dort nach dem Haus der eigenen Figur zu suchen. Wem all das nun gar zu verrückt erscheint, zumal in dieser Kürze - im Buch steht es vernünftig beschrieben - der oder die sollte vielleicht tatsächlich die Finger von dem Buch lassen. Doughtys Anliegen ist primär, die Kreativität des Lesers in die richtigen Bahnen zu lenken und Methoden aufzuzeigen, um diese voll auszuschöpfen. Das Genre des hypothetischen Romans ist ihr dabei erfreulicherweise ebenso egal wie theoretische sprachliche Strukturen, der Ratgeber ist zu 100% auf die Schreibpraxis ausgerichtet: Wie mache ich aus den ungeordneten Bildern in meinem Kopf einen fertigen Roman? Dass dieser Vorgang auch mit Doughtys Ratgeber in der hohen Mehrzahl der Fälle deutlich mehr als ein Jahr in Anspruch nehmen dürfte, sollte klar sein - ansonsten steht es im Vorwort.