| ||||||||||||||||||||||||
![]() Gutschein erhalten
Tauschen Sie jetzt Ein Regenschirm für diesen Tag gegen einen Amazon-Gutschein in Höhe von EUR 0,25 ein - einlösbar für Tausende von Artikeln bei Amazon.de. Entdecken Sie mehr eintauschbare Bücher im Bücher Trade-In Shop. Bitte beachten Sie die Teilnahmebedingungen.
Jetzt für Amazon Student anmelden und um 20% erhöhten Eintauschwert sichern. |
Produktinformation
|
Wilhelm Genazinos anmutige Stadtstreicherprosa ist «Ein Regenschirm für diesen Tag»
Von Andrea Köhler
Wilhelm Genazino ist ein Minimalist der Disproportionen, schon immer hat er die Seitenansichten des Allernächsten in seiner sanft implodierenden Weltbetrachtung zu kleinen Wahrnehmungswundern gekürt. Sein habitueller Protagonist ist der Flaneur in der Frankfurter Innenstadt, sein neuer Roman eine humoristische Etüde über die Peinlichkeit, ohne eigene Zustimmung auf der Welt zu sein.
Manchmal gehen ihm ja recht seltsame Sätze durch den Kopf, Sätze wie «ich möchte so gleichmütig und ausgeglichen sein wie eine Bürste» oder «nachmittags findet eine Zerbröckelung meiner Person statt» oder «in welch sorgfältige Handlungen die grösseren Unglücke eingebettet sind» oder auch Formulierungen für den Skandal, dass man ohne eigne Genehmigung auf der Welt ist. Aber so seltsam sind diese Sachen denn auch wieder nicht, denn immerhin haben schon ganz andere Leute über so etwas nachgedacht, Schopenhauer zum Beispiel und viele vor oder nach ihm. Und nun also Genazino. «Ein Regenschirm für diesen Tag» ist eigentlich ein Buch aus lauter solch halblauten Sätzen.
Sätze also, und das ist nun wirklich ein bisschen seltsam, dass einem bei diesem luftigen Prosakunststück noch einmal und beinahe wie von ganz neuem aufgeht, dass ein Text nur aus Sätzen besteht. Nicht bloss, weil sich seine eigenwilligen Formulierungen so fabelhaft zum Zitieren eignen, sondern weil sie wie kleine Einschlüsse, eigenständig wie Treibgut, durch die Geschichte schwimmen, Sätze wie Kiesel, wie Bernstein (Insekt eingeschlossen). Was nun nicht heisst, dass der Erzähler es auf Preziosen abgestellt hat. Er ist nur ein bisschen fremd in dieser Welt, so dass sich die Welt an seinen Sätzen reibt und dadurch auch eine Frankfurter Fussgängerzone, der Inbegriff der betonierten Normalität mithin, zum exponierten Kopf-Terrain wird. Solche profanen Epiphanien im Kaufhauskomplex gibt es sonst bloss noch bei Brigitte Kronauer.
GESAMTMERKWÜRDIGKEIT
Besonders aber ist es neben dem habituellen Eigenbrödeln des Ich-Erzählers eine poröse Verfassung, die Genazinos Bücher ausmacht, seit «Die Obdachlosigkeit der Fische» (1994), seit «Das Licht brennt ein Loch in den Tag» (1996) arbeitet er an der Durchlässigkeit der Welt. «Leise zieht durch mein Gemüt / liebliches Geläute» der Vers stammt aus einer spätromantischen Zeit, und natürlich ist nicht ganz einzusehen, warum er einem bei der Lektüre dieser versponnenen Innenstadtprosa nicht mehr aus dem Sinn geht. Vielleicht ist es die heitere Melancholie von Heines Frühlingslied, die zu dem schwebenden Duktus von Genazinos Sprache gut passt, zu ihrer Beiläufigkeit und paradoxen Gestimmtheit zumal auch sonst allerlei den Kopf des Erzählers durchweht: Müdigkeiten, Stimmungen, die nicht zu seinem Leben gehören, momentane Verfinsterungen, die er schnell durch Kaufhäuser trägt, das «Verhuschte, Erschrockene, Fliehend-Unfähige» seiner Kindheit oder gleich «die Gesamtmerkwürdigkeit des Lebens». Dabei ist er ein Mensch voller Vorbehalte und in sich hinein gemurmelter Einwände, besonders gegenüber seinem «zerbröckelnden» und «verflusten Leben».
Da sprechen nun freilich noch ein paar andere Stimmen durch ihn hindurch, Stimmen aus dem Lager der Sozialverträglichen und der Normalen, deren lauteste sich in der eigenen Wohnung erhebt: Lisa, seine langjährige Gefährtin, eine frühpensionierte Grundschullehrerin, «die sich für den Staat, für die Kinder oder für ihre Illusionen ruiniert», hat den Erzähler verlassen, um ihn zu zwingen, sich endlich um einen «besseren Hintergrund» zu bemühen. Sie meint damit seine «mangelhafte finanzielle Verwurzelung in der Welt». Um die Leere, die sie hinterliess, zu überbrücken (oder den Ordnungswahn auf den Strassen zu konterkarieren), füllt der Erzähler ihr Zimmer mit Herbstlaub.
Wilhelm Genazinos neuer Roman ist eine humoristische Etüde über die Peinlichkeit, ohne eigene Zustimmung auf dieser Erde zu sein, ein heiterer Balanceakt am Rande des Scheiterns. Schon der Job des Erzählers ist eines Flaneurs seiner Leichtgewichtsklasse würdig: Für eine englische Schuhfirma läuft er handgenähte Luxushalbschuhe Probe und verfasst dazu Gutachten; weil er «aus Fluchtgründen viel unterwegs ist», verbringt er als spätkapitalistischer Nachkomme Baudelaires und Franz Hessels seine Tage im Schlendern durch Frankfurter Einkaufsmeilen (welche genauso gut die Einkaufsmeilen von Karlsruhe oder Mannheim sein könnten). Dabei trifft er auf Frauen von früher, die ihn an andere Frauen von früher, und Männer, die ihn nur an sich selbst erinnern.
Obschon (oder weil) der phlegmatische Held eines «Ablenkungslebens», ist der Erzähler notorisch von Frauen umringt, die ihn mit seiner Jugend und, schlimmer noch, Kindheit behelligen, denn «man wird die Leute nicht mehr los, denen man einmal von seiner Kindheit erzählt hat». Eher aus Mitleid hält er ein Schäferstündchen im Hinterzimmer von Margots Frisiersalon, oder er geht mit Susanne ins Schnellrestaurant, um einmal mehr ihrem vermasselten Traum von einer Schauspielerinnenkarriere zu lauschen. Das Elend der Massen, sagt diese Susanne («sie sagt wirklich: das Elend der Massen»), beruhe darauf, dass all diese armen Leute in ihrem Leben keinen bedeutenden Menschen kennen lernen. «Alle diese Wenzels und Schrothoffs und Seidels kennen nur andere Wenzels, Schrothoffs und Seidels, dadurch entsteht die Begeisterung für das Durchschnittliche.»
Wilhelm Genazinos Begeisterung für das Durchschnittliche, oder sagen wir besser: bescheidne Detail, ist programmatisch; schon immer hat er die Seitenansichten des Allernächsten in seiner sanft implodierenden Weltbetrachtung zu kleinen Wahrnehmungswundern gekürt. Genazino ist ein Minimalist der Disproportionen; neben der Augenblickskomik der Photographie hat er sich dazu die Dramaturgie der Kameraführung Ausschnitt, Vergrösserung, Zoom für seine erzählende Prosa zu eigen gemacht. Die Dynamik seiner Gedankensprünge folgt dabei dem Prinzip der Collage, deren bizarre Nachbarschaften grösste Fragen und kleinste Absichten ironisch illuminieren.
Auf der Suche nach einem Paar Herrensocken macht der poetische Tagedieb einen Umweg durch die Abteilung mit Haushaltsreinigern und Insektensprays; anschliessend weiss er nicht, warum er dabei ein Päckchen Rasierklingen in seiner Jackentasche versenkt hat. Gerade hier, in diesem Kaufhaus, will er jetzt gefragt werden, ob er auf der Welt sein möchte. Stattdessen sieht er eine Frau in einem Rollstuhl, deren Erscheinung bewirkt, dass er die Rasierklingen nun doch bezahlen will. Wogegen der Anblick eines kleinen Mädchens in einem Autohaus, das mit den Blicken die dort zwischen den Autos putzende Mutter sucht, Anlass zu endgültigeren Reflexionen gibt «denn eine staubsaugende Mutter ist so abwesend wie der Tod». Dann wieder hilft die Ansicht eines kleinen verlotterten Zoogeschäfts eine traurige Laune abwehren, weil der Besitzer, statt die notorisch schmutzigen Schaufensterscheiben zu putzen, wie immer in seinem Laden sitzt und Heftchenromane liest. Aha, denkt der Leser, auch so ein Nichtsnutz, doch Genazino versagt dem Erzähler solche Tröstung (und dem Leser den billigen Tadel), denn obschon diese graziöse Stadtstreicherprosa von Versagern, Behinderten und Obdachlosen geradezu wimmelt, helfen all die Schläfer unter den Brücken dem Erzähler keineswegs, vor sich selbst zu bestehen. Aber arbeiten wir nicht alle an «der Erfindung des Gefühls, zur Welt zu gehören»?
EPIPHANIE DES ENTLEGENEN
Der Erzähler ist darin freilich entschieden einfallsreicher als all die Wenzels, Seidels und Schrothoffs. Bei seiner Suche nach Ausdrücken «für die Merkwürdigkeit des Lebens» findet er die Worte «Gestrüpp, Geröll, Geraschel, Geschluppe, Geschlappe» und entwickelt die fixe Idee, seine Jacke in hohem Bogen ins Wasser werfen zu müssen. Der Mann, um es kurz zu machen, hat einen kleinen Knall; nicht umsonst kokettiert er mit der sozialromantischen Lieblingsidee aller literarischen Nichtsnutze: der Idee, morgen früh oder nächste Woche verrückt zu werden. Anders gesagt: Der Erzähler leistet sich eine Genazino-spezifische Art von Beziehungswahn. Aus dem Zufall der Gleichzeitigkeit zieht er die Schicksalsfäden einer nur für ihn und den Augenblick gültigen Kombinatorik. Das Nebensächliche ein Päckchen Rasierklingen, fünf blaue Hemden auf dem Balkon, eine Staubfluse auf dem Boden wird symbolisch aufgeladen, poetisch isoliert und intentional kurzgeschlossen. Genazinos Epiphanie des Entlegenen entspringt der Anmut des Naheliegenden, der irrationalen Verknüpfung heterogener Momente.
Diesen Willen, im Alltäglichen Zeichen und Wunder zu sehen, bezichtigte man vor noch nicht langer Zeit einer neuen Kunstfrömmigkeit, doch Genazino ist weit entfernt davon, seinen urbanen Apotheosen pseudosakrale Weihe zu leihen (zumal ihm der Hang «zum bedeutsamen Sehen» mitunter selbst auf die Nerven geht). Der Autor ist kein pantheistischer Mönch der Konsumtempel, auch wenn die Wandelgänge der betonierten Innenstädte der vornehmste Ort seiner Augenlust sind. Weil Genazinos Flaneur der eigenen und eigenwilligen Lesart der Dinge folgt, gerät seine bizarre Privatmythologie nie in den Verdacht einer neuen Mystik. Er gibt bloss der eigenwilligen und mitunter reichlich idiotischen Logik der inneren Gedankenverläufe eine poetische Form.
Wilhelm Genazinos Werk kreist um die Scham, die Fremdheit, den Schmerz, es bezieht seine trotzige Anfänglichkeit aus einer unversehrt durch das Leben getragenen Kindheit, die «hinter den Augen ausharrt, launisch, verworren, bissig». Vor allem die Scham, gleichfalls aus Kindertagen bewahrt, ist eine Empfindlichkeit (oder Empfänglichkeit), die seine Bücher stets neu in die Randzonen des Bewusstseins treibt. Auch der neue Roman kokettiert mit dem Gefühl einer unerträglichen Peinlichkeit . Die Chuzpe, mit der seine Hauptfigur ihrer fragilen Verankerung in der Welt stets neue Finten und Windmühlenkämpfe entgegensetzt, aber hat den frivolen Charme einer Tändelei mit dem Tod.
Dieser Roman über ein friedlich scheiterndes «Ablenkungsleben» ist ein Buch für Leser, die «eine Trennung vom Leben wegen erwiesener Geringfügigkeit» nicht bloss andern empfehlen würden, Menschen, die zuweilen auch das Gefühl haben, dass ihr Leben ein lang gezogener Regentag ist und «ihr Körper der Regenschirm für diesen Tag». Doch ist er alles andere als schwermütig oder gar depressiv, das Allerschwerste wird hier mit den allerleichtesten Sätzen gestemmt. Seine heitere Melancholie verheisst Rettung im Paradox: Am Schluss erblickt der Erzähler bei einem Strassenfest einen Jungen auf einem Balkon, der sich dort oben ein Zelt in den Lüften baut, sein regloses Gesicht scheint Eigentum der Engel zu sein. Von Engeln versteht der Erzähler nichts, er glaubt nicht an sie, trotzdem hält er es für möglich, dass der Junge nur seinetwegen zwischen Himmel und Erde herumschwirrt. Einmal öffnet der Junge den Sehschlitz und wirft einen Blick auf die Menge: «Es ist ein misstrauischer, geretteter Blick», bemerkt der Erzähler, ein Blick, der sein eigener sein könnte. -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundene Ausgabe .
Tags, die Kunden mit diesem Produkt verbinden(Was ist das?)Klicken Sie zum Suchen verwandter Artikel, Diskussionen oder Personen auf ein Tag.
|
Lange Jahre war Wilhelm Genazino nur bei einer kleinen Leserschaft bekannt. Mit der Empfehlung des Romans „Ein Regenschirm für diesen Tag" im „Literarischen Quartett" am 17. August 2001 begann der Aufstieg des 1943 in Mannheim geborenen Autors. Die Damen und Herren Kritiker überboten sich in der ZDF-Literatursendung auch tatsächlich mit euphorischen Lobeshymnen für Autor und Roman. So meinte etwa Iris Radisch: "... ein Zauberautor ,.. ein existenzielles, tragisches Buch mit leichtem Ton..." Und Marcel Reich-Ranicki formulierte begeistert: "... Ein hochbegabter, hochinteressanter Autor, ...Prosa mit Charme! ... eine leichte, klare, durchsichtige Prosa..."
Der namenlose Ich-Erzähler in Wilhelm Genazinos „Ein Regenschirm für diesen Tag" ist ein notorischer Stadtstreuner. Und wird dafür sogar noch entlohnt. Als Gutachter für feinstes Luxusschuhwerk läuft er kreuz und quer durch die Großstadt. Damit kann er finanziell einigermaßen „überleben". Auch wenn es bisher verbummelt hat, sich „einen festen soliden Hintergrund" zu schaffen. Immerhin: er ist ein Frauentyp, wie er meint. In der Stadt wimmelt es nur so von alten Freundinnen (Gunhild, Susanne, Doris, Lisa). Und diesen begegnet er auf Schritt und Tritt. Genazinos' intelligenter Taugenichts fühlt sich dabei eher in der Nähe von Obdachlosen und Verwirrten wohl. Eigentlich möchte er so sein wie sie. Unser melancholischer Lebenskünstler flaniert weiter durch die Stadt. Und übt sich in distanzierter Betrachtung seiner Mitmenschen. Das Gehen an sich ist für ihn ein Genuss. Denn beim Gehen kann er am allerbesten nachdenken (ein Schelm, der dabei nicht an Thomas Bernhard denkt). Er läuft und läuft und läuft. Und tritt trotzdem auf der Stelle. Ewig kann er nicht flanieren. Nach einer Blitzkarriere als Erlebnistherapeut für frustrierte Frauen wendet er sich letztlich doch einer bürgerlichen Berufskarriere zu. Er kommentiert es so: „Die Unruhe über mein fast gescheitertes Leben verwandelt sich in die Aufregung über den gerade noch gefundenen Ausweg".
Wilhelm Genazinos Anti-Held bringt uns zum Schmunzeln. Und zum Nachdenken. Wenn er beispielsweise von seinem Gefühl schwadroniert, „ohne seine innere Genehmigung auf der Welt" zu sein. Und lieber zeitlich definierte Sondergenehmigungen ausstellen möchte. Der Roman ist ein literarisch überaus gekonntes Buch über das Denken und Sehen. Dabei sieht „der Virtuose des schweifenden Blicks" (so die „Süddeutsche Zeitung" über Wilhelm Genazino am 4./5.08.2001) unsere Lebenswelt mit durchaus poetischen Augen. Oder mit dem Schalk im Nacken. Wir lachen gerne mit. Und sind manchmal auch berührt. Von den Sätzen des Ich-Erzählers ob der Banalität des täglichen Lebens: „Es werden schon lange keine Beweise mehr gebraucht, daß man es auf der Welt nicht aushalten kann, aber hier wird gerade wieder einer geliefert". Oder wie es der Flaneur an anderer Stelle bitter diagnostizieren muss: „Ich bin sicher, daß alle diese fröhlichen Leute bei der erstbesten Gelegenheit unbarmherzig werden, falls Unbarmherzigkeit plötzlich lohnend erscheint". Trotz der enthaltenen bitteren Wahrheiten: die Sätze zum Niederknien. Der Vorhang fällt. Alle Fragen offen. Und der Leser positiv betroffen.
|
Das Forum zu diesem Produkt
Fragen stellen, Meinungen austauschen, Einblicke gewinnen Aktive Diskussionen in ähnlichen Foren
Kundendiskussionen durchsuchen
|
Ähnliche Foren
|
||||||||||||||||||||||||||||||||||
|
|
|