1914 hatte James Joyce bereits mit der Kurzgeschichtensammlung "Dubliner" auf sich aufmerksam gemacht. In 15 Geschichten behandelte er die Schicksale von einfachen Menschen, die im Alltag der irischen Hauptstadt feststecken, die für Joyce immer ein Synonym für das Eigesperrtsein in einer konventionellen und unbeweglichen Gesellschaft war. Die gewaltige Abneigung gegen Dublin und sein lebenslang gestörtes Verhältnis zu Irland, das ihn zu einem ewigen Wanderleben trieb, sollte eines der vorherrschenden Themen seines Werks werden.
Zwei Jahre später erschien sein erster Roman "Ein Portät des Künstlers als junger Mann", der stark autobiographisch geprägte Bericht über die Kindheit und die Jugendjahre des Stephen Dedalus. Dieser ist ein kränklicher (Joyce war ein absoluter Hypochonder), blasser Junge mit eigenem Kopf, der sich bereits in früher Kindheit weigert, blinden Gehorsam zu leisten und sich sehr früh als den geborenen Künstler erkennt. Der Leser verfolgt Stephens Entwicklung von seinen ersten Kindheitserinnerungen über die Schulzeit (eine angesehene Jesuitenschule, wie Joyce selbst), die ihn zuerst erwägen läßt, entweder Lehrer zu werden oder die geistliche Laufbahn einzuschlagen. Ganz besonders tiefen Eindruck und eine intensive Vorstellung von der Angstfrömmigkeit, die zu dieser Zeit noch weitgehend vorherrschte, hinterläßt hier die brillante Szene, in der ein Pater seinen Schülern die Hölle in den schrecklichsten und plastischsten Farben schildert. Die Zeit an der Schule prägte Joyces tiefe Abneigung gegen die verknöcherte irische Gesellschaft und die Herrschaftsansprüche der katholischen Kirche, so läßt er Stephen auch nach dem Verlassen der Schule kräftig gegen alles und jeden rebellieren, an der Universität ein Lotterleben führen und nichts und niemanden mehr respektieren, bis er, der sich immer als den geborenen Schrifsteller gesehen hat, egal, welche Laufbahn andere für ihn vorgesehen hatten, schließlich erste künstlerische Erfolge erlebt.
Wenn man Zugang zur Gedankenwelt dieses großartigen Schriftstellers sucht, sollte man sich nicht gleich an seine beiden Großwerke "Ulysses" oder "Finnegans Wake" heranwagen, irgendwann legt man unweigerlich beide Bücher frustiert beiseite, weil man einfach nicht mehr mitkommt. Ich selber stehe bei "Ulysses" noch vor meinem zweiten Versuch und hoffe, ihn vor der Rente noch zu bewältigen. "Ein Portät des Künstlers..." ist weit zugänglicher, noch linearer aufgebaut, auch wenn hier bereits Joyces eigenwillige Erzählweise und sein ständiges Springen in der Handlung und von äußeren zu inneren Vorgängen ständige Aufmerksamkeit erfordern. Auch sollte man sich auf lange innere Monologe über Sinn und Zweck des Daseins, Glaubensfragen und das Leben als geborener Schriftsteller, der sich von aller Welt unverstanden fühlt (und dem Leser auch nicht eine gewaltige Portion Eigenliebe erspart), einstellen.
Insgesamt ein faszinierender Roman, in der Joyce seine Hauptperson (also sich selbst) von allen Seiten beleuchtet und ein beeindruckendes Gesellschaftsbild des frühen 20. Jahrhunderts zeichnet. Trotz einiger Längen sehr lesenswert.