Ich kaufte das Buch, weil ein geschätzter Freund von mir, ebenfalls ein Vielleser, von einem anderen Werk des Autors in den höchsten Tönen schwärmte. Ich Vollpfosten musste mir natürlich sofort einen Wälzer vornehmen. Und das ist dieses Buch wahrlich. Gefühlte 2000 Seiten stark. Aber der Reihe nach: für Rimbaud-Fans beginnt dieses Buch verheißungsvoll. Die erste Szene, ja die ersten zwanzig, dreißig Seiten gehören dem Autor des "trunkenen Schiffs". Eine leise Spannung baut sich auf (obschon man weiß, wann, wo und wie Rimbaud gestorben ist). Genauso stirbt diese Spannung, denn der Dichter taucht die nächsten 500 Seiten nicht mehr auf. Was wird aus ihm? Wir erfahren es nicht. Stattdessen nimmt die "Familiensaga" ihren zähen Lauf. Man wird auf einer Insel vor Mauritius quarantänisiert. Das Fieber greift um sich. Die einen sterben, die anderen nicht. Zwei Brüder auf dem Weg nach Mauritius. Auch das könnte interessant sein, ist es aber nicht. Der eine ist Arzt und verbrennt die vom Fieber Dahingerafften, der andere verliebt sich - in eine Frau namens Surya. Das Ganze ist trotz des Fiebers von erschreckender Langsamkeit, und die eingestreuten botanischen Betrachtungen heben die Spannung auch nicht sonderlich. Landschaftsbeschreibung, die anfangs ganz nett zu lesen sind, wiederholen sich unendlich. Kaum zu zählen, wie oft die "Tropikvögel" mit ihrem "roten Schweif" über den Quarantänisierten kreisen und wie oft Suryas "schlanke Gestalt" in der Lagune auftaucht. Nein, ich habe nichts gegen schlanke Frauengestalten und jungen Brüsten, die sich gegen den dünnen Stoff drücken, im Gegenteil, aber muss man das auf jeder Seite lesen?? Dazwischen wird in eher unbeholfenen Rückblenden die Geschichte von Suryas Großmutter und Mutter erzählt. Sehr episch. Das Ganze ist - man wagt es bei einem Nobelpreisträger kaum zu sagen - nicht besonders anspruchsvoll. Ambivalente Charaktere sucht man hier vergeblich. Ach ja, Rimbaud taucht auf Seite 500-dingsbums nochmal auf, weil der aktuell noch Lebende der Sippe durch Marseille flaniert....Wenn ich den Autor dieses Buches nicht gekannt hätte: ich hätte mich nicht gewundert, wenn ich die hundertste Familiensaga einer Trivialautorin (oder ihres männlichen Pendants, um gerecht zu sein) gelesen hätte.