Hans Fallada, eigentlich Rudolf Ditzen, erlebte die Veröffentlichung des vorliegenden Romans nicht mehr. Er starb 1947, der Roman wurde aber erst 1953 veröffentlicht. Fallada wurde in Leipzig geboren, kam jedoch als Junge bereits nach Berlin. Die bekanntesten Werke Falladas sind "Kleiner Mann - was nun?", "Wer einmal aus dem Blechnapf frisst", "Der Trinker" (verfilmt mit Harald Juhnke) und "Der eiserne Gustav" (verfilmt mit Heinz Rühmann). Immer geht es um den kleinen Mann, der nach einem besseren Leben strebt und dem die Widrigkeiten desselben in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts beständig einen Strich durch die Rechnung machen. Wie das eigene Leben Fallada immer wieder aufs Äußerste gefordert hat, bis er schließlich wegen Alkoholismus und Morphinismus in einem Lazarett an Herzversagen starb.
Mit "Ein Mann will nach oben" verfasste Fallada einen ganz außergewöhnlichen Entwicklungsroman über den Waisenjungen Karl Siebrecht, der nach dem Tod seines Vaters, einem Maurermeister aus der Provinz, im November 1909 nach Berlin zieht, um die Großstadt zu erobern. Im Zug lernt er Rieke kennen, eine Vierzehnjährige, die sich mit den Worten: "Na, du langer Laban! Siehste nich, det ick mir mit die Reisekörbe eenen Bruch heben tue?! Kiek nich und faß lieber an!" mit ihm bekannt macht. Bei Rieke und ihrem Vater kommt Karl unter und fasst als Gepäckträger und später als junger Unternehmer Fuß. Unterstützt durch seine spätere Frau und einen Freund, Kalli. Sein eigener Traum ist ihm jedoch stets wichtiger als Frau und Freund und so fängt er alleine von vorne an, lernt andere Frauen kennen, die er mehr liebt als die eigene Ehefrau und von denen eine, Hertha Eich, nicht nur seine zweite Gattin wird, sondern auch Tochter eines Geldgebers ist, der gemeinsam mit anderen Karl den Aufbau eines Unternehmens ermöglicht.
Das Werk ist ein famoser Roman über Träume und Enttäuschungen, über unerfüllte Liebe, über Hochs und Tiefs in der Zeit vor dem ersten und zwischen den beiden Weltkriegen. Und über die Zeit des wirtschaftlichen Aufschwungs und der schweren Depression und Inflation. Psychologisch außergewöhnliche Charakterstudien geben dem Buch eine Tiefe, wie man sie bei Dostojewski oder Thomas Mann findet. Ein Roman, den ich von der ersten bis zur letzten Seite fasziniert gelesen habe und in dem jedes der weit über 100 Kapitel eine eigene Strahlkraft hat. Man leidet mit Karl Siebrecht und den Menschen um ihn herum, die er für ein besseres Leben mannigfaltig enttäuscht und doch auch immer wieder fasziniert. Es muss eine Frau kommen, die ihn auf Distanz hält, die ihm seine Freiheit lässt und die ihrerseits eine emotionale Ferne in Anspruch nimmt, um ihn wiederum zu binden, nicht ohne Rückschläge und Tiefen.
Unzählige Male wechselt die Stimmung von optimistisch zu depressiv, häufig sind die Abstürze schwerwiegender als die Erfolge beim Aufstieg. Ohne zu viel verraten zu wollen, gönnt der Autor Fallada seinen Lesern und seinen Protagonisten einen versöhnlichen, geradezu zauberhaften Schluss. Könnte ich sechs Sterne vergeben, ich täte es in diesem Fall. Unbedingt lesenswert!