Eine Besonderheit des neuen Romans von Matthias Politycki liegt bereits in seiner Entstehungsgeschichte. Nach dem großen Erfolg des
Weiberromans bei Lesern und Feuilleton gleichermaßen fragte ZDF aspekte.online beim Autor an, ob er den Entstehungsprozess des neuen Buches nicht im Internet dokumentieren wolle. Der Autor wollte und gab damit unzähligen Internetnutzern Gelegenheit, Vorschläge zu Handlung und Hauptpersonen abzuliefern. Es versteht sich von selbst, dass Politycki dennoch dabei das letzte Wort vorbehalten blieb.
Um eines gleich ganz deutlich zu sagen: Es handelt sich hier keinesfalls um eine bloße Fortsetzung des Weiberromans, ohne dessen Lektüre der Leser um Zusammenhänge ringen müsste. Das Buch präsentiert sich als völlig eigenständiger Roman mit gehörigen Qualitäten. Galt Polityckis Aufmerksamkeit im Weiberroman noch den 80er Jahren, gestaltet sein neuer Roman ein faszinierendes Panoptikum der eigentlich unwilden 90er. Sein Held Gregor Schattschneider ist satte vierzig geworden. Standesgemäß begeht er den Jubeltag in der "Nonne", wo Fast-Freundin Mascha ihren Lebensunterhalt erstrippt. Überraschend wird ihm die Gnade einer Einladung in den Salon der geheimnisumwitterten Marietta, der Ehefrau seines besten Ex-Freundes Ecki Beinhofer, zuteil. Die erste Begegnung mit Frau Beinhofer in der "Villa Hasenpusch" scheint alles in Gregors Leben zu verändern. Doch die allmähliche Annäherung an die nun wirklich und endlich ultimative Frau wird zum Fiasko.
Ein Mann von vierzig Jahren schildert das verflossene Jahrzehnt en gros und en détail. Musik, Moden, Politik finden immer wieder Eingang in die Handlung und ergänzen den Roman zu dem ungemein unterhaltsamen Porträt einer Generation. Er bietet damit selbst das schönste und anschaulichste Beispiel für die Forderung des Autors nach einer "neuen deutschen Lesbarkeit". --Ulrich Deurer
Der illustrierte Mann
Matthias Politickys zweiter «Weiberroman»
Von Beatrix Langner
Man muss unbedingt modern sein. Wer sagte das doch gleich? Ist lange her, genau wie die nineties. Sind auch lange her, als Rave-Parties, konservative Zukunftsminister, frontpage-events wie die Berliner «Love parade» und tanzende Techno-Girlies mit gepiercten Bauchnabeln die Spass- und PC-Generation ausriefen und Matthias Politicky den «Weiberroman» schrieb, der auch unbedingt modern sein wollte. So viel Gegenwart war nie. Je schneller man sie hinter sich hatte, um so früher fing die nächste an. Beschleunigung hiess die Formel für den exzessiven Kick im eigenen Lebensgefühl. Per Mausklick öffnete sich das World Wide Web zum gigantischen Universum der Zeit- und Raumlosigkeit. Und dann eröffnete eine deutsche TV-Kultursendung auf ihrer Homepage eine digitale Romanbaustelle, auf der das Entstehen von Literatur live und in Echtzeit miterlebt werden konnte und der Schriftsteller Matthias Politicky, wie er freimütig gestand, «sich zum Lustsklaven des neuen Mediums» verdingte.
Die Entzeitlichung der Literatur als einer Kunstgattung, die mittels Papier und Tinte einst erfunden wurde, um der Vergänglichkeit entgegenzuwirken wie keine andere, rächt sich nun furchtbar. Aus dem «Weiberroman» entwickelte sich, wiederum live und in Echtzeit, das «Marietta-Projekt» und aus diesem ein neuer Roman mit dem Titel «Ein Mann von vierzig Jahren». Mit einem jähen Altersschub musste gerechnet werden bei so viel exzessiver Siebziger-Jahre-Jugendlichkeit des Helden Gregor Schattschneider. Nun sitzt Schattschneider, der Weiberheld, als angegrauter «Weiberromancier» in seiner Schwabinger Single-Wohnung und soll/muss den Roman schreiben, den ausser ihm schon jeder kennt, und sich ausserdem noch entscheiden zwischen sexy Mascha und sady Marietta, Stripperin oder Professorengattin, Anzug oder Lederjacke, Schwabing oder Feldafing und noch so einigem mehr.
Ganz abgesehen davon, dass der Titel des neuen Politicky-Romans natürlich reichlich plagiativ wirkt, ist das Ganze viel zu leicht durchschaubar, als dass es witzig sein könnte. Gehüllt in den textphilologischen Faltenwurf einer gediegenen germanistischen Werkedition sieht Gregor Schattschneider, der «Mann von vierzig Jahren», so lächerlich aus wie Hamlet an einer Kaufhaus-Minibar. Nachwort, Fussnoten, Bibliographie legen seiner Geschichte eine «mehrfachcodierte» (Politicky) Bedeutsamkeit nahe, die natürlich bare Täuschung ist, Etikettenschwindel, eine plumpe Fälschung wie diese Bauernschränke, die mittels nachgeahmter Wurmlöcher künstlich gealtert werden; oder wie dieser Christoph Buchwald, der dem Helden einen Luchterhand-Verlagsvertrag ins Haus schickt und bestimmt nicht der Christoph Buchwald ist, den wir kennen. Genauso wie «die überaus taktile» Frau Marietta Beinhofer nebst Tweedsakko-Gatten ganz gewiss nicht die ist, an die sie uns irgendwie ganz fatal erinnert, und wie diese ganze Münchner Literaturschickeria gar nicht so fad sein kann mit ihrem faden Salongetue in der Villa Hasenpusch.
Aber in der neuen Politicky-Spasstüte ist noch mehr drin als Szeneklappern und Germanistenparodien. Dank iMäc und AOL, inmitten seiner zwanzig Feuerzeuge (viel für einen Nichtraucher), von allerlei Plasticplunder, unendlichen Biersorten, Theken und Frauenbeinen um Limbostangen verwandelt sich Gregor Schattschneider unversehens selbst in einen Markenartikel jenes konsumistisch-animistischen Lebensgefühls der neunziger Jahre, als ihn nämlich Frau Mariettas Gatte zur Strafe für versuchten Ehebruch zwangstätowieren lässt. Der zentrale Satz des Romans heisst daher: «A jeda kriagt des Tattuu, des wosa vadient», auf deutsch: Jeder kriegt das Tattoo, das er verdient. Nach dem dressierten und dem bewegten Mann betritt der «illustrierte Mann» die Bühne der Geschichte, ein Held der westlichen Welt, der seine frisch duschgegelte und eingecrèmte Haut zu Markte trägt. So sieht er also aus, der neue deutsche Roman-Mann, eine Benutzeroberfläche voller Schwärzungen, Fussnoten, Münchner Urbräu und lustig blinkender Dialogfenster.
Politicky hat für seine Erzählweise das Stichwort «neue Äusserlichkeit» mitgeliefert. Weil aber der Autor promovierter Germanist ist, vermuten wir nach alter Gewohnheit, dass hinter dem Äusserlichen vielleicht doch irgendwo eine Art Sinn, irgendein Innerliches stecken müsse, und sehen mal in den Fussnoten nach (was ausser Rezensenten und Germanisten wohl keiner machen wird, weil sie schlicht unlesbar sind): Fussnote 50 erklärt den Begriff «Neuer Markt»: «Der Neue Markt der Handel mit Papieren kleinerer Unternehmen sogenannter Wachstumsbranchen ist eine Erfindung der Frankfurter Börse: mit dem alleinigen Zweck, risikofreudige Kleinzocker mit blaugraugrünen Wundern zu versorgen (. . .).»
Das Wort blaugraugrün, alternierend auch graublaugrün, wird aber im Romantext ausschliesslich für die Augen der Dame verwendet, die Schattschneider dauernd anhimmelt. Daher ergibt sich folgender Befund: der Kommentator/ Autor drückt die Meinung aus, dass es sich bei Frau Beinhofer um ein wertpapierartiges Objekt handle, dass es mithin bei Schattschneiders heftigem Werben gar nicht um Liebe, sondern um Abzockerei ging. In der Linguistik nennt man das eine Konnotation, Beibedeutung. Die Konnotation der Liebesgeschichte heisst also finanztechnisch Investment, und der etwa 350 Seiten lang verweigerte Beischlaf von Frau Marietta bedeutet demnach nichts anderes als eine Rendite, die ins Bodenlose fällt und fällt und darum schliesslich abgestossen wird. Dass der Neue Markt auch nicht mehr ist, was er mal war, zeigt ein Blick in den Wirtschaftsteil dieser Zeitung. Ob sich Literatur noch lohnt, lassen wir hier mal offen.