"Leben ohne Überraschungen. Du bist geschützt. Du schläfst, du isst, du gehst, du lebst weiter vor dich hin, wie eine Laborratte, die ein unbekümmerter Forscher in ihrem Labyrinth vergessen hat und die nun morgens und abends, ohne sich je zu irren, ohne jemals zu zögern, den Weg zu ihrer Futterkrippe nimmt, nach links, dann nach rechts biegt, zweimal auf ein Pedal mit roten Kreisen tritt, um ihre Essensration in Form von Brei zu bekommen.
Keine Hierarchie, keine Vorliebe. Deine Gleichgültigkeit ist ruhig und unbewegt: ein grauer Mensch, für den das Grau keinerlei Eintönigkeit beschwört. Nicht sensibel, sondern neutral. Das Wasser zieht dich an wie der Stein, wie die Dunkelheit, wie das Licht, wie die Wärme, wie die Kälte. Es gibt nur dein Gehen und deinen Blick, der sich niederlässt und weiterwandert und nicht auf das Schöne, nicht auf das Hässliche, nicht auf das Vertraute, nicht auf das Überraschende achtet, der sich immer nur die Kombination von Formen und Lichtern merkt, die sich unaufhörlich und überall bilden, in deinem Auge, an den Decken, zu deinen Füßen, am Himmel, in einem gesprungenen Spiegel, im Wasser, im Stein, in den Menschenmengen. Plätze, Avenuen, Grünanlagen und Boulevards, Bäume und Gitter, Männer und Frauen, Kinder und Hunde, Erwartungen, Gewimmel, Fahrzeuge und Schaufenster, Gebäude, Fassaden, Säulen, Kapitelle, Bürgersteige, Gossen, Sandsteinpflaster, das unter dem feinen Regen glänzt, grau oder fast rot oder fast weiß oder fast schwarz oder fast blau, Schweigen, Schreie, Lärm Menschenmassen der Bahnhöfe, der Kaufhäuser, der Boulevards, Straßen schwarz von Leuten, Seinekais schwarz von Leuten, verlassene Straßen der Augustsonntage, Morgen, Abende, Nächte, Tagesgrauen und Abenddämmerungen.
Du bist jetzt der anonyme Herr der Welt, der, über den die Geschichte keine Macht mehr hat, der, der den Regen nicht mehr fallen spürt, der die Nacht nicht mehr kommen sieht. Du kennst nur deine eigene Gewissheit: die deines Lebens, das weitergeht, deines Atems, deines Schrittes, deines Atems. Du siehst die Leute kommen und gehen, siehst die Menge und die Dinge sich bilden und sich auflösen. Du siehst im winzigen Schaufenster eines Kurzwarenhändlers eine Vorhangsstange, an der deine Augen plötzlich haftenbleiben: du gehst deinen Weg: du bist unzugänglich." (S. 92-94)
Ein sprachlich äußerst eindringlicher, intensiver, dichter und trotz immenser Detailfülle vollkommen ungeschwätziger Roman, der das Thema von Monotonie, gelebter Gleichgültigkeit, Entfremdung und selbstgewählter Einsamkeit eines Großstadtmenschen zum Inhalt hat.
Ein 25jähriger Soziologiestudent in Paris beschließt am Tag seiner Examensprüfung nicht aufzustehen. Er verharrt in seinen vier Wänden. Er beschließt, alle sozialen Kontakte abzubrechen, oder besser: er lässt sie von selbst abbrechen, indem er einfach nicht mehr an die Tür geht, wenn jemand klingelt um sich nach ihm zu erkundigen.
Aber: Er ist nicht traurig oder verzweifelt, er hasst die Stadt und ihre Einwohner nicht, er übt keine Kulturkritik, allein er will soweit es ihm möglich ist nicht mehr an der Zivilisation teilhaben, sich dem Leben, wenn man so will, "verweigern". Er wählt hierzu den Weg des psychologischen Rückzugs (nicht, dass er seine Wohnung überhaupt nicht mehr verlassen würde), der Askese, des trainierten, bzw. praktizierten Gleichmuts eines reinen Beobachters, etc.
Wer sich von diesem Konzept angesprochen fühlt, sollte bei Interesse selbst herausfinden, inwiefern der Protagonist damit "Erfolg" hat, inwiefern er das erreicht, was er zu erreichen hofft.