Viel zu spät habe ich dieses Buch von Ulla Hahn entdeckt - und ich hätte gern den Medienrummel miterlebt, den es seinerzeit in gewissen Boulevardblättern ausgelöst haben soll. Verständlich, denn von einer Lyrikerin und der Autorin des wunderbaren Romans "Das verborgene Wort" habe ich ein "solches" Buch auch nicht erwartet.
"Ein Mann im Haus" ist eine bizarre Geschichte, die wegen ihrer Brüche und Scheinheiligkeiten besonders fasziniert: Dass die Protagonistin ihren Geliebten gefangen nimmt und ihn auf sadistische Weise unterwirft, ist brillant erzählt.
Maria, alterndes Mädchen mit einem Faible für Nacktheit unterm Kostüm, Goldschmiedin in einer Kleinstadt im Rheinland, ist es nämlich Leid, nur die Geliebte des verheirateten Küsters zu sein. Mit Vertröstungen auf "...später, wenn die Kinder groß sind..." gibt sie sich nun, da die Kinder groß sind, nicht mehr zufrieden:
"Du lügst, Hansegon", sagt sie sachlich. "Du hast mich lange genug erpresst mit dieser Lüge. Jetzt kommst du mir nicht mehr davon."
Und so kidnappt sie ihren Geliebten eines Tages, fesselt ihn mit Handschellen ans Bett, verklebt ihm den Mund und dann macht sie mit ihm, was sie will.
Hansegon, der Küstermann, muss etliches erdulden, und da der Arme kein Safewort hat, erlebt er natürlich kein SM, wie er im Lehrbuch steht.
"Ein Mann im Haus" ist kein Genre-Roman, auch keine SM-Geschichte im üblichen Sinne - aber er enthält viele heftig-deftige Szenen und allerlei fein sadistische "Spielchen" und Quälereien.
Im Klappentext heisst es:
"Ulla Hahn hat einen Roman geschrieben, der mit Grenzen spielt: Keinen Liebesroman, aber mit grausamer Konsequenz von nichts als der Liebe erzählend; keine Pornographie, aber ohne Respekt vor Tabus..."
Das stimmt: Mir gefällt, wie Ulla Hahn subtilen Sadismus und erbärmliche Hilflosigkeit beschreibt, und wie sie den Sex der beiden durch ihre elegante Wortwahl von Porno in Erotik verwandelt. Die biedere, bigotte Stimmung des kleinstädtischen Spießbürgermilieus passt so gar nicht dazu - und diese Mischung fand ich besonders reizvoll.
Die Beschreibung von Hansegons Körperteilen oder sein Verlust über deren Kontrolle bewegt sich zuweilen an der Ekelgrenze. Indes: Wenn Fußpilz und Fäkalien, Rotz, Schweiß und Hornhaut so beschrieben werden, wie es hier geschieht, ist schnell klar, was eine große Autorin von einer gewöhnlichen unterscheidet. Wer braucht schon Feuchtgebiete...
Carla Berling