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Bernardo Atxaga: «Ein Mann allein»
Ist die Nase für das Taschentuch da oder umgekehrt? fragte Bernardo Atxaga, als ein ungeduldiger Journalist von ihm wissen wollte, wann denn nun endlich sein neues Buch erscheine. Mit «Obabakoak» (1988) ist Atxaga weit über seine baskische Heimat und weit über Spanien hinaus bekannt geworden. Rund 15 Übersetzungen erschienen von diesem Buch. Atxaga hat dem Erwartungsdruck standgehalten. Sechs Jahre liess er sich Zeit für seinen neuen Roman; jetzt liegt «Ein Mann allein» auch auf deutsch vor. Auffällig ist, wie verschieden die beiden Bücher sind. «Obabakoak» ist eine Sammlung burlesker, poetischer Geschichten, die kumulativ ein Porträt des fiktiven baskischen Dorfes Obaba und seiner Bewohner ergeben. «Ein Mann allein» ist das Porträt eines Ex-Aktivisten der ETA und eine Reflexion über das Scheitern politischer Ideale.
Politischer Kämpfer
Ein Setting von klassischer Schlichtheit. Schauplatz: ein Hotel bei Barcelona während der Fussballweltmeisterschaft 1982. Dauer des Geschehens: fünf Tage. Der einstige ETA-Kämpfer Carlos und einige seiner militanten Gefährten sind ins Zivilleben zurückgekehrt. Sie haben die Generalamnestie nach Francos Tod 1975 genutzt und ein Hotel gekauft. Ohne Wissen seiner Freunde und ohne erkennbares Motiv verschafft Carlos zwei flüchtigen ETA-Bombenlegern Unterschlupf im Hotel, wo auch die polnische Fussballmannschaft logiert. Die ins Hotel abkommandierte Polizei widmet sich nicht nur dem Schutz der Fussballer, sondern auch der Observierung der einstigen Terroristen. Als die Entdeckung der Gesuchten droht und die Sicherheit seiner Freunde und ihrer Familien prekär wird, organisiert Carlos die Flucht der beiden Bombenleger.
«Ein Mann allein» entwirft das fein schattierte Porträt eines politischen Kämpfers, der seine Ideale verloren hat und keinen neuen Lebenssinn findet. Schuldgefühle wegen seiner früheren Gewalttaten und wegen seines Bruders, den er der Psychiatrie überliess, lähmen Carlos. Stimmen verfolgen ihn, jene seines längst toten politischen Mentors und jene der «Ratte», zynisches Sprachrohr seiner eigenen Selbstzweifel. Carlos lebt allein; er ist unfähig, der Frau, die ihn liebt, mehr als bloss sexuell nahezukommen. Er findet keinen Zugang zu seinen verschütteten Gefühlen und der veränderten Welt und versinkt zunehmend in Isolation und Einsamkeit. Seine Hilfe an die beiden Terroristen ist denn auch nicht Ausdruck politischer Überzeugung, sondern ein Signal von Schuld und Resignation. Carlos setzt damit etwas in Gang, das ihm ermöglicht, im «Land der Furcht» nochmals das Leben aufs Spiel zu setzen im unausgesprochenen Gedanken an die mögliche Selbstauslöschung. Wenn das Buch auch Thriller-Elemente aufweist, so ist das Erzähltempo doch ganz unkrimimässig bedächtig. Die Huis-clos-Situation im Hotel bewirkt ein Minimum an äusserer Handlung. Gespräche nehmen breiten Raum ein, wobei oft der Eindruck entsteht, mit weniger Worten wäre nicht weniger gesagt. Und die ideologischen Diskussionen mit der parteihörigen Dolmetscherin aus Polen sowie die Zitate aus Briefen Rosa Luxemburgs, die ein Pendant zu Carlos' innerer Lage bilden, verlangen Leser mit entsprechendem Interesse. Als Jugendlicher beteiligte sich Atxaga am Kampf gegen Francos Unterdrückungspolitik im Baskenland; er schrieb für die Kulturzeitschriften der ETA. Für die Terroristen, die heute für einen baskischen Staat Bomben legen, erpressen, Geiseln nehmen und töten, hat er nichts übrig. Die nationalistischen und autonomistischen Bestrebungen der Basken lehnt er durchaus nicht ab. Was er ablehnt, ist die Gewalt.
Veränderungen
«Ein Mann allein» bildet den Auftakt zu einer Trilogie, die die politische Militanz im Baskenland aufarbeitet. Der zweite Teil ist 1996 unter dem Titel «Esos cielos» («Diese Himmel») erschienen. Hauptfigur ist eine aus der Haft entlassene Frau, die auf einer Busreise ins Baskenland ihr Leben als militante Kämpferin Revue passieren lässt. Welchen biographischen Hintergrund das linke politische Engagement für Atxaga hat, illustriert seine Bemerkung, dass 30 seiner 45 Schulkameraden mit Polizei und Haft Bekanntschaft machten, dass zwei ihr Leben verloren und dass seine beiden Brüder schon im Gefängnis sassen. All dies ist für Basken und Spanier gewiss von Interesse. Ob Leser anderswo sich für solche Themen gewinnen lassen, fragt sich allerdings. Dass Bernardo Atxaga zum bekanntesten und meistübersetzten baskischen Schriftsteller geworden ist, hängt mit der Universalität von «Obabakoak» zusammen. Atxaga könnte weitere solche Bücher konfektionieren. Doch lockt ihn diese Art Erfolg offenbar wenig. Der Rummel um «Obabakoak» hat ihn nach eigenem Bekunden ziemlich aus der Bahn geworfen und sein Leben und seine Arbeitsgewohnheiten verändert. Atxaga ist inzwischen aus der Stadt in ein Dorf umgezogen, wo er sich in einem aufgegebenen Kloster eingerichtet hat. Ohne auf Leserzahlen zu schielen, arbeitet er dort an dem, was ihm am nächsten ist. Respekt nötigt das schon ab.
Georg Sütterlin -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
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