Das Mädchen auf dem Buchumschlag porträtierte Gerhard Richter, der berühmteste unter Deutschlands lebenden Malern nach einem Foto. Damals war seine Tante 14 Jahre alt, knapp 13 Jahre später wird sie nach langem Leidensweg als eines von über 200 000 Euthanasieopfern des Nationalsozialismus in der sächsischen Psychiatrie umkommen. Die wahre Geschichte hinter Bildern erzählt Jürgen Schreiber, der in einer packenden Recherche das kurze Leben von Richters Tante rekonstruiert. Dabei ergibt sich eine ganz neue Sicht auf die Biografie von Gerhard Richter, dessen frühe Jahre im Osten bisher ziemlich unbekannt waren. Das wirklich Aufregende daran ist, dass der Vater von Richter erster Frau Ema Richter, der Gynäkologe und SS-Obersturmbannführer Heinrich Eufinger, verantwortlich war für fast 1000 Zwangssterilierungen an Psychiatriepatientinnen. So kreuzen sich in der Person Richters die Lebenslinien von Tätern und Opfern dieser dunkelsten Periode in Deutschlands Vergangenheit. Es ist unglaublich spannend, im Buch mit zu erleben, wie der Autor, inspiriert von Richters Bildern, diesen Geschichten, die ihn durch drei Deutschlands führen, nachgeht, wie er Schritt um Schritt neue faszinierende Zusammenhänge entdeckt und die Hintergründe plastisch macht. Ein vergessenes und verdrängtes Thema: die Euthanasie von Geisteskranken hat, durch den Chefreporter des Berliner Tagesspiegel hier eine packende und anrührende Darstellung gefunden.