Seelenstriptease und sexuelle Phantasmen
Neue Studien zur Intersexualität aus Frankreich
Von Thomas Laux
Im Grunde ist man das aus Frankreich gewohnt: In welchem anderen Land werden traditionelle Tabuthemen wie Sex, Pornographie und Obszönität schon so massiv über die Literatur zur Sprache gebracht? Neuerdings ergreifen vermehrt Frauen das Wort.
Die Klassiker beiseite lassend, könnte man rasch ein paar Namen aus der jüngeren Skandalgeschichte der erotischen Literatur zitieren Guyotat, Matzneff, Guibert, Collard, Calaferte etwa , um noch einmal an die geradezu niedliche Aufgeregtheit zu erinnern, die sich hernach auf ein paar Debatten im Fernsehen und in den Feuilletons erstreckte. Peanuts, verglichen mit dem, was uns derzeit aus Paris erreicht. Vergessen sind Michel Houellebecqs spätexistenzialistische Abgesänge, jetzt melden sich auffallend viele Frauen zu Wort, die mit neuer Offenheit uralte Tabus in Angriff nehmen: Angot, Breillat, Despentes, Millet so heissen die scharfen Spitzen aus einer Phalanx selbstbewusster Autorinnen. Seit einigen Monaten, und mittlerweile weit über Frankreich hinaus, sorgen sie für Diskussion und damit für den guten Verkauf ihrer Bücher. Sie verstören durch ihre Art, alte Verbote zu überschreiten und bislang ausgegrenzte Themen zur weiblichen Sexualität radikal und unverblümt anzugehen. Der ganze Bereich von Sex und Pornographie wird nun munter aufgemischt und moralisch dekonstruiert; geradezu hemmungslos berichten sie, worüber andere sonst nie zu sprechen wagten.
Zum Beispiel Catherine Millet. Für die schonungslose Offenlegung ihrer Intimsphäre bekommt sie Beifall gar von intellektueller Seite (Philippe Sollers und Josyane Savigneau, Literaturkritikerin von «Le Monde», äusserten sich begeistert), dabei sind aufgeklärt-feministische Töne dieser Frau vollkommen fremd. Kritischere Stimmen, die die breit rezipierte Schockwirkung bereits auf kleine Flamme heruntergefahren haben möchten, sind noch zaghaft, werden aber deutlicher, scheinheilige Ablehnung ist ohnehin verbürgt: Die Supermarktkette Auchan nahm Millets Bestseller «La vie sexuelle de Catherine M.» aus den Regalen; dass direkt neben der Fleischtheke ein Buch zu kaufen war, welches die reine Fleischbeschau in Szene setzte, passte der Chefetage nicht in den Kram.
Catherine Millet hat es als Chefin der Zeitschrift «Art press» vornehmlich mit kunstwissenschaftlichen Themen zu tun. Insofern kommt die Aufregung um ein von ihr verfasstes Buch, das ihr dreissigjähriges Sexleben zum Thema hat, nicht von ungefähr. Ihr Bericht ist eine Art sexuelles Selbstporträt und hat mit Bekenntnisliteratur im Grunde nichts zu tun. Was aber auffällt, ist der seltsam neutrale, jederzeit unromantische und analytische Blick auf das Geschehen. Die von ihr hoch geschätzten Sexorgien («partouzes») kann Catherine M. im Detail beschreiben und dabei auch ihr Augenmerk auf gewisse (vormals intime) Einzelheiten legen zur Stimulation des Lesers sind sie vollkommen untauglich. Schon gar nicht erfährt man etwas über tiefere Gefühle, womöglich über unerforschte Facetten der Lust. Vielmehr herrscht hier die öde Dramaturgie des Immergleichen, mit den ewig austauschbaren Mechanismen der Penetration. Ihr Bericht wirkt in einer stupenden Art kalt, die Kopulationen verstören, paradox genug, gerade durch ihre auffallende Leidenschaftslosigkeit. Trotz wiederholt eingeklagter «fantasmes», die sie auf diesen Orgien oder in irgendwelchen Hinterkammern ausleben will, kommt allenfalls das Standardprogramm der sexuellen Ausschweifung zur Anwendung, nichts, das auch nur ansatzweise auf eine originelle, neuartige Beschreibung, gar auf eine erotische Auslotung des Sexus hinausliefe. Dass man sich bei den stereotypen Beschreibungen dieser «Intersexualität» sogar noch abgrundtief langweilen kann, sollte bei allem Eingeständnis von geschlechtsspezifischen Differenzen des Lesens nicht unerwähnt bleiben.
Catherine Breillats Bücher (und Filme) sind von anderem Kaliber. Sex ist zwar auch ihr Leib- und Magenthema, doch die heute 52-Jährige attackiert zudem, fast schon leicht militant vorgehend, die Pornoindustrie; sie bedient sich gleichsam ihrer Mittel, um sie zu denunzieren. Statt also die zugrunde liegenden Mechanismen nur voyeuristisch in Szene zu setzen, reflektiert und überschreitet sie sie. Ihr Film «Romance» (von 1999) verhandelt auch einen Moment sexueller Authentizität: Ist Sex wesentlich im Plot verankert, dann darf er auch gezeigt werden, er soll, wie sie in einem Interview sagte, «aus seinem Ghetto» befreit werden. Eine frühe Auseinandersetzung mit diesem Thema liegt nun erstmals in deutscher Übersetzung vor. Der Roman «Ein Mädchen» («Une vraie jeune fille»), bereits 1973 verfasst, 1976 von ihr verfilmt, gelangte unlängst zum ersten Mal in die französischen Kinos.
Beschrieben ist die aufkeimende Sexualität einer Pubertierenden, die ihre Gefühle und emotionalen Unsicherheiten zwischen Lust und Ekel zu sortieren sucht. Bei dieser «Education sexuelle» tauchen Bilder einer noch ungelenken Sexualität mit schockierender Wucht auf. Einziger Einwand: Ein transzendierender Erzählerblick unterwandert die postulierte Echtheit. «Gras, das so trocken war wie ausgedörrte Mösen» passt als Beobachtung nicht zur pubertierenden Alice, sondern ist eine Projektion der Erwachsenen (bzw. der Erzählerin). Dass der unter den Rock greifende Wind erste sensuelle Momente verschafft, lässt man gelten; dass Alice über den Tee räsoniert und lieber Sperma im Tee hätte als Milch, dass ihre «albern geformte Vagina» eitert, dass sie ihre Ausscheidungen insgesamt als abnorm und schmutzig erachtet, mag psychologisch tiefer ansetzen, wirkt gleichzeitig, in der oft halluzinatorisch vorgetragenen Form, einfach bemüht. Und dennoch ist, im Gegensatz zu Millet, Sexualität als etwas Sinnliches, Erstes oder Neues erfahrbar gezeigt womit endlich auch literarische Relevanz zur Geltung kommt.
Stärker als mit Virginie Despentes Buch «Baise-moi» (der Film zum Buch gelangte auf den französischen Index) könnte wiederum der Gegensatz zu Millet, aber auch zu Breillat, nicht markiert werden. Männer werden nach vollzogenem Koitus in furioser Weise umgebracht, doch ist diese männermordende Variante nicht gewissen «Spielformen» der Tierwelt abgeguckt. Es geht zumindest angeblich sogar um politische Dinge. Es vollziehe sich hier, wie die Autorin (Ex-Punkerin und Ex-Stripteasetänzerin) einmal kommentierte, auch die Rache für die Jahrhunderte der Unterdrückung der Frau. Gewalt und Pornographie erscheinen bei Despentes nur in geschlechtsspezifisch gespiegelter Form. Mit gleicher Münze wird heimgezahlt, und die sinnlosen Gewaltorgien sprengen zugleich alle weiteren literarischen Wertungsversuche.
Immerhin verzichtet ihr neuestes Buch, «Pauline und Claudine», weitgehend auf derartige reisserische Attitüden. Bei dieser Geschichte zweier Zwillingsschwestern, von denen die eine beim Tod der anderen deren Identität annimmt, fällt eine derbe, den jugendlichen Slang stilisierende Diktion auf. Sichtlich ist Despentes um Lokalkolorit und Authentizität bemüht; Szenen mit hartem Sex sind vergleichsweise selten. In seinen besten Passagen zeigt der Roman die eher psychologische Nacktheit und Verletzlichkeit der jugendlichen Protagonisten: womit mit dem Fallenlassen von Hüllen endlich auch mal nicht nur Striptease gemeint ist.
Christine Angot schliesslich beschreibt in ihrem Buch «Inzest» die dreimonatige Liebe der Erzählerin zu ihrer Ärztin. Sie deutet ihre Befindlichkeit als Liebeskrankheit, als eine Art temporäre sexuelle Verwirrung, womit sogleich klar ist, dass hier kein lesbisches Coming-out und keine grundsätzliche Überschreitung bürgerlicher Normen anvisiert ist, sondern im Gegenteil der Wunsch nach einer Heilung, die sich, überraschend genug, an den Richtlinien des «richtigen» (Sexual-)Verhaltens orientiert. Von Anfang an zeigt sich die Erzählerin emotional aufgewühlt, eine gewisse Hektik oder gar Hysterie lässt sich an den atemlos vorgetragenen Staccato-Sätzen und den heillosen Gedankensprüngen ablesen. Letztlich umkreist sie diskursiv ihre eigene Ausnahmesituation und konstatiert vor allem ihre «Perversion», ihre «Paranoia». Auch die Krankheit in der Liebe will geheilt sein ein beinahe romantisches Relikt , und so wird der komplizierte Versuch gezeigt, diese temporär-lesbische Beziehung zu beenden.
Hinzu kommt nun allerdings die (titelgebende) «Urkrise», der Inzest, die erst spät eingestandene Vergewaltigung durch den eigenen Vater, als die Erzählerin noch Kind war. In Angots Kommentaren zu dem Buch wird deutlich: Inzest und Homosexualität finden bei ihr einen gemeinsamen Nenner in ihrer Ausrichtung auf das Gleichartige. Diese Relevanz ist freilich rein subjektiv, auch wenn die Bezüge tiefenpsychologische Bedeutung haben mögen. Auch hier bleibt die Feststellung, dass dieser als «autofiction» verklausulierte Bericht keinen literarischen Höhenflug leistet. Angot will die totale Verstörung über diese «Heimsuchung» in all ihren Ausmassen neu durchdeklinieren und wählt die Literatur als Medium. Unter der Oberfläche von Verwundung und Vernarbung bleibt ein psychoanalytisch angereicherter Stoff sichtbar, schwer und irritierend.
Schliesslich aber zeigen all die verschiedenen Innenansichten eines: dass bei dieser neuen «Skandalwelle» vor allem die Erotik auf der Strecke geblieben und Exhibitionismus umso mehr angesagt ist. Literarisch fällt der Zugewinn sehr bescheiden aus, einzig Breillat macht dem Leser Lust auf mehr. Wenn die narzisstische Nabelschau dereinst vorbei ist, wird man sich wohl wieder einmal fragen: War da was?