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Ein Leben wird besichtigt: In der Welt der Eltern
 
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Ein Leben wird besichtigt: In der Welt der Eltern [Gebundene Ausgabe]

Wolf Jobst Siedler

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Aus der Amazon.de-Redaktion

Verehrte Leserin, verehrter Leser: Lieben Sie die Berliner? Man fürchtet uns wohl eher, nicht wahr? Der Hauptstadtumzug hat das nicht besser gemacht, viele, die es beruflich hierher verschlagen hat, tragen Kunde von brutalen Erfahrungen gen Westen.

Das vorliegende Buch ist hervorragend geeignet für ein kleines "'schuldigung!" an verschreckte Besucher, die gerade zusammengenießt worden sind von irgendeiner Subalternität, sei's Verkäuferin, Beamter oder Busfahrer. Es wäre auch ein charmantes Begrüßungsgeschenk für zaghafte Ankömmlinge und ein nobles "Auf Wiedersehen!" für -- aufatmend oder traurig -- Davonfahrende.

In Berlin gibt es mehr Geist, Delikatesse, Weltläufigkeit und gute Manieren als Düsseldorfer Vorurteil und Hamburgs erster Eindruck vermuten wollen. Und, ja, auch mehr Tradition und -- gute -- Traditionen. Neues Berlin? Das alte ist noch nicht ganz verschwunden.

Siedler berichtet von viel Glück: Unsichtbare Hände schützen ihn nach einer Denunziation vor KZ und Todesurteil. Die "Frontbewährung" verschlägt ihn nicht an die Ostfront sondern nach Italien. Er fällt nicht wie der Freund (und so viele aus seinem Jahrgang), sondern kommt ins Lazarett, und die nordafrikanische Gefangenschaft wird zum Bildungserlebnis.

Immer wieder öffnet der Berliner Verleger, während er die eigenen Jahre schildert, Fenster zu Rückblenden und kleinen Exkursen in die Geschichte seiner Familie: Bildungsbürgertum, Adel, Judentum, Preußens Militär. Hier ein Onkel, da eine Urgroßmutter, ein altes Gemälde im Dahlemer Haus, Schulkameraden, Freunde, Beziehungen, Anknüpfungspunkte, geschichtliche Fäden. Blicke, die weit zurück reichen.

Mehr als nur Memoiren: Eine kleine Mentalitätsgeschichte des Berliner Bürgertums im 20. Jahrhundert. Gespannt harren wir der Fortsetzung. Einstweilen packen wir das hier schon mal ein: Weihnachten kommt immer so plötzlich! --Michael Winteroll

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"Ein jeder erzählt sich eine Geschichte, die er am Ende für sein Leben hält." Diesem Ausspruch von Max Frisch folgend (man findet ihn auf der ersten Buchseite) erzählt Wolf Jobst Siedler gleich sehr viele Geschichten, die am Ende seine Jugend ergeben.

Da ist die Geschichte seiner Kindheit in den Zeiten des frühen Dritten Reiches. Seine Erinnerungen an jene Phase drehen sich mehr um persönliche und familiäre Ereignisse denn um Politik. "Dass im März 1933 ein Weg begann, der wirklich in die immer wieder beschworene Geschichte führte, sahen die meisten nicht" -- Siedler als Siebenjähriger schon gar nicht. Es folgt die Geschichte des Schülers Siedler, der zunächst in "Verbannung" auf ein thüringisches Internat, später dann auf eine Nordseeinsel geschickt wird. Der Krieg betraf ihn nun direkt, musste er doch als Flakhelfer dienen. Ein lockeres Gespräch mit Freunden bringt die Konfrontation mit dem NS-Apparat, die Inhaftierung als Widerständler endet in der "Frontbewährung". Nun werden seine Aufzeichnungen zur Geschichte des jungen Soldaten Siedler an der italienischen Front, von der es in britische Kriegsgefangenschaft geht. Die Rückkehr 1947 in ein zerstörtes Deutschland markiert dann den Abschluss von Siedlers Besichtigung des eigenen Lebens.

Viel zu erzählen hat der Mann also. Manchmal fast schon zu viel, denn mehr als einmal verzettelt sich Siedler in zu detailliert geschilderten persönlichen Episoden und schießt damit über sein Ziel hinaus, mit "eigenen Erlebnissen die Stimmung jener Jahre zu beleuchten". Sein Buch kann zwar einen Eindruck vom Aufwachsen im Dritten Reich wiedergeben, Siedler ertränkt es aber fast in den vielen kleinen Geschichten, die sein junges Leben ausmachten. --Joachim Hohwieler

Kurzbeschreibung

Wolf Jobst Siedler war sieben, als Hitler die Macht ergriff, und er erinnert sich genau, wie die Familie die Autokavalkade Hindenburgs und Hitlers bei der Rückkehr vom "Tag von Potsdam" sah. Siedler erinnert sich seiner Kindheit und Jugend, als Deutschland auf den Krieg zuging, den aber kaum jemand voraussah. Sein Vater, ehemals ein kaiserlicher Diplomat und inzwischen ein Industriesyndikus, entstammte der Welt des konservativen Bürgertums, war aber als Anhänger der Demokratischen Partei entschieden gegen die neuen Machthaber. In dieser Atmosphäre konservativer Liberalität wuchs der Sohn auf, erst in den Schulen und Gymnasien Berlins, dann in Internaten in Schloss Ettersburg und in Spiekeroog, wo der Sohn Ernst Jüngers sein bester Freund wurde. Zur Jahreswende 1943/44 verhaftete man die beiden Siebzehnjährigen als Rädelsführer einer jugendlichen Widerstandsgruppe. Gemeinsam verbrachten sie mehrere Monate im Gefängnis, bis sie zur "Frontbewährung" begnadigt wurden. An der italienischen Front fiel der Freund in den ersten Tagen, offensichtlich auf einem Himmelsfahrtkommando; Siedler verbrachte nach seiner Verwundung einige Monate in verschiedenen Lazaretten in Italien. Fronterlebnisse, Gefangenschaft und Jahre in Afrika schließen Siedlers Jugendzeit ab. Ende 1947 kehrt der Zweiundzwanzigjährige in seine zerstörte Vaterstadt Berlin zurück.

Als Siebzehnjähriger ging Wolf Jobst Siedler zu Gustaf Gründgens ins Schauspielhaus am Gendarmenmarkt und zu Heinrich George ins Schillertheater. Dort sah er Grabbes "Hannibal": Der punische Feldherr trinkt den Giftbecher und beantwortet die Frage seines schwarzen Sklaven, was wohl nach dem Trunk sein werde, mit dem Satz: "Was soll schon sein? Aus der Welt werden wir nicht fallen, wir sind einmal drin." Das war das Lebensgefühl des jungen Siedler zwischen Gefängnis und Front, von dem der Autor aus der Nähe des Erlebten und der Distanz der Erinnerung auf unvergleichliche Weise berichtet.


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