Dieses Buch, das von Bettelheim Ende der 80er geschrieben wurde, ist dennoch hoch aktuell. Beim Lesen des Buches passierte bei mir Folgendes: Den Teil des intuitiv als richtig empfundenen Umgangs mit meinem Kind sah ich in vielen Alltagsbeispielen bestätigt - sie stimmten mit meinen Erlebnissen und Gefühlen überein. Das Misstrauen, das man als Eltern beizeiten den eigenen Erziehungsmethoden gegenüber hegt, ist in den meisten Fällen unbegründet, wenn man sich darüber im Klaren ist, dass man viele Antworten bereits kennt, bisher aber entgegen der eigenen Überzeugung handelte. Das hat mich sehr beruhigt, denn eine Art universelles Verständnis der Elternschaft scheint es tatsächlich zu geben.
Geholfen hat mir am meisten, die zwischen Eltern und Kindern problematischen Themen und Momente veranschaulicht zu sehen und keine Handlungsempfehlungen im Sinne von "so wirds gemacht" zu erhalten, sondern vielmehr dem Impuls nachzugeben, eigene Kindheitsmomente abzurufen und zu versuchen, sich aufgrund des Nacherelebens der eigenen Kindheit in die Gegenwart des eigenen Kindes zu versetzen. Der häufig in der Literatur thematisierte Blickwinkel-Wechsel ist mir vielleicht zum ersten Mal so bewusst gelungen.
Bettelheim spricht zwar allgemein über Kinder, jedoch bin ich der Meinung, dieses Buch ist eher etwas für Eltern, die einen Jungen groß ziehen. Er spricht über eigene Kindheitserlebnisse und benennt häufig Beispiele, besonders beim Kapitel "Spielen", die mehr auf die Erlebniswelt eines Jungen eingehen. Hätte ich ein Mädchen, würde mir das Buch ebenso geholfen haben, ich hätte aber wahrscheinlich einige Kapitel übersprungen. Man sollte dennoch alle lesen.
Das Buch aus der Hand zu legen, ohne noch einmal die eigene Kindheit zu rekapitulieren, ist kaum möglich. Wer sich dem nicht gewachsen fühlt oder Widerstand hat, für den dürfte dieses Buch vielleicht nicht immer sehr erfreulich sein, denn die Kindheitserinnerungen, die mit negativen Gefühlen verbunden sind, stehen schon sehr im Vordergrund, da es eben auch um viele Problematiken geht. Irgendwo habe ich mal gelesen, es würde Eltern unnötige Schuldgefühle verursachen. Dieser Meinung bin ich nicht. Ist aber ja subjektiv. Der Vollständigkeit halber und um einigermaßen ausgewogen in der Bewertung zu bleiben, erwähne ich dies.
Insgesamt kann ich das Buch jedem empfehlen, der Orientierung sucht und der Ratschläge aus dem Bekanntenkreis und den gerne erwähnten harten Realitäten des Lebens in Frage stellt bzw. mit ihnen innerlich nicht übereinstimmt und auf der Suche ist nach den tieferen Ursachen elterlichen Erfolgs oder Misserfolgs ist.