Neue Zürcher Zeitung
Verzweiflung an der Wegkreuzung Franz Hodjak erzählt von den Qualen des Unbehaustseins «Das gestohlne leben, Gott, du versuchst / es nachzuholen. das land jedoch // geht dir aus dem weg. in welche richtung / wirst du dich verirren? bleib // auch du an der wegkreuzung stehn / und verzweifle.» Vor zehn Jahren schrieb Franz Hodjak diese Verse, kurz nach seiner Übersiedlung aus Siebenbürgen in die Bundesrepublik. Es war ein totaler Abschied, endgültig wie bei einem Todesfall: von allen und allem, ohne Chance auf eine Wiederkehr. Verwunden, das zeigt sich nun, hat der rumäniendeutsche Dichter diesen Abschied nie. «Landverlust» hiess 1993 das Gedicht, genau wie die Verssammlung. Spätere Bücher nannte er «Grenzsteine» und «Ankunft Konjunktiv». Sprechende Titel: Hier artikulierte einer ein Schicksal, das symptomatisch war für das 20. Jahrhundert Flucht, Vertreibung, Exil. Hier fand einer in der Masse der Stimmlosen die Stimme wieder, um den Nichtbetroffenen, uns, die wir nicht hören mögen, Bericht zu erstatten. Hodjak, 1944 in Hermannstadt geboren, hatte keine Wahl. Erzogen in der «Schule des Misstrauens» und wohnhaft unter Menschen, die bei Begegnungen «mit zäher Hartnäckigkeit» schweigen, brachte ihm nicht einmal der Sturz Ceausescus Erlösung: «wir haben ihn / erschlagen. auf wen bloss laden / wir nun unsern hass?» Was blieb: Aufgabe, Abbruch. «die wörter, übernächtigt, / bitten eine fremde hand, / lehr uns gehen, / lieb vaterland.» Seither kreisen seine Gedanken beständig um ein Thema: Identität. Siebenbürgen, das merkte er rasch, liegt für die Gastgeber am fremden Ort «weiter als China». Hermannstadt? Ein Name, ja, aber kein Begriff. «Hast du überhaupt eine Identität?» So wird 1995 der Protagonist des Romans «Grenzsteine» befragt. Nein? Dann sei er glücklich. Denn: «Jede Identität ist ein Fluch, der dich bis ans Ende des Lebens verfolgt.» Brandzeichen, Landmarken, Heimat und Horizont sind andere Codewörter in Hodjaks Werk, genau wie Wörterbuch, Reisen, Falle und, seltsamerweise, Ekel. Seltsam? «Der Ekel ist die einzige Heimat, die ich kenne», schrieb Franz Hodjak vor wenigen Jahren. Und jetzt: «Die Einsamkeit war die Vorstufe des Ekels, nein, es war umgekehrt.» Die Quelle des Ekels bleibt ungenannt der Abscheu des Emigranten, des ewig Fremden vor sich selbst, vor den Machthabern von gestern, vor den Demütigungen, die sie ihm zufügten, und der Tatsache, dass er sie erduldete... Oder Abscheu, Ekel vor der Sattheit der anderen, der neuen Landsleute im neuen Land? Auch Bernd Burger, der Protagonist aus Hodjaks jüngstem Roman, ist ein Getriebener, Siebenbürger Sachse, mit Frau und Tochter unterwegs auf der (vor)letzten Reise. Familie Burger, «den bitteren Geschmack dieser Hoffnung» auf der Zunge, will ins Auffanglager Hamm, doch im Dreiländereck am Bodensee verirren sie sich: zu viele Grenzen, zu viele Identitäten. «Und was mach ich jetzt? Nur weiterfahren. Aber wohin? Ist mir egal.» Es wird eine metaphorische Odyssee, zwischen Nie-abgefahren-Sein und Nie-ankommen-Werden, und jede Tunnelfahrt eine Reise durch die «lange, lange Röhre der Erinnerung». Zwei Heimaten hätten sie nun, wie spannend, meint eine Dame am Weg; nein, hätten sie nicht, erwidert Burger, sondern zwei Heimatlosigkeiten. Das einzige Gepäck des irrlichternden Trios: ein Koffer voll Sand. Damit erschöpft sich das reizvolle Spiel mit Gleichnis und doppeltem Boden. Der Rest ist freie Assoziation und, leider, Langeweile. Burger redet wirr (so wirr wie fast immer die Figuren in Hodjaks Romanen). Er kann seitenlang über ein Wort meditieren «es war ein Sand, der weder hässlich war noch schön, ein Sand, der jenseits jeder Variante war, ein Sand, der so sanft war, so weich, etwas dekadent vielleicht, ein Sand, der farblos war, nur Sand und Sand . . .» , ohne irgendwo zu landen. Er öffnet den Mund, und ein Sturzbach Nonsens ergiesst sich. Er ist der Clown, der hinter seiner Maske weint. Und wenn er ausnahmsweise Weises sagt, wird er von seiner Frau gerügt: «Bernd, du spinnst. Melitta, wo du recht hast, hast du recht.» Burger hat uns nichts mitzuteilen und weiss nicht, wie er es tun soll. So kalauert er sich durch sein und unser Unbehagen. Hinter der gespielten Einfalt verbirgt sich des Autors Schmerz: nirgends zugehörig zu sein. Sein Irrwitz besitzt Methode, doch funktioniert sie nicht. Man versteht schon, was Hodjak will schockieren, irritieren. Verschüttete Schichten von Realität und Wahrnehmung freilegen. Durch Zickzacklauf, Krebsgang, wie auch immer, zum Ziel gelangen, weil der normale Weg zum Verständnis des Lesers blockiert ist. Der westlichen Erfahrung des Endgültigen seine Erfahrung entgegenstellen die des Zufälligen, Provisorischen, Absurden. Das hat er geschafft. Und dabei arg übertrieben. In der Kurzprosa war Franz Hodjakbei der Verwandlung von Verzweiflung in Kunst schon weiter. Und noch weiter in der Poesie: «Ankunft // der ort, den es nicht gibt, dort / wohnst du, fröstelnd, in fremder // haut, ohne bett, ohne landschaft, wie / ein druckfehler...»
Pressestimmen
"Ich empfehle Ein Koffer voll Sand von Franz Hodjak. Der seit1992 in Deutschland lebende rumäniendeutsche Autor beschreibt eine wundersam komische Fluchtgeschichte: die Reise einer staatenlosen Kleinfamilie unterwegs von Bukarest ins Auffanglager ins westfälische Hamm. Die Ehefrau fährt im Kreis, die Ankunft verzögert sich, der Mann trinkt Wodka. Das schwere Leben ist in diesem leichten Roman ein philosophischer Schwebflug. Lakonischer ist noch nie über Politik, Heimat und die Unmöglichkeit anzukommen geschrieben worden." (Verena Auffermann
Focus Literatur-Tipp )
"Franz Hodjak darf man hierzulande zu den wichtigsten Autoren zählen. Zahlreiche Literaturpreise [...], die Feuilletons der großen Zeitungen rühmen die Sprache seiner Gedichte und Romane. Hodjak wird geschätzt als fulminant phantastischer Autor, dessen Werk voll grotesker Absurdität steckt und der sich messen kann mit Berühmtheiten wie Samuel Bekett und Dario Fo. In dem Roman "Ein Koffer voll Sand" wird eine Abschiedsreise beschrieben. Der deutsch-stämmige Rumäne Bernd Burger ist mit Ehefrau Melitta und Tochter im Auto unterwegs aus der alten Heimat in Richtung Deutschland. Der Aufbruch in eine neues Leben ist endgültig, die Ankunft liegt im Ungewissen. [...] Eine ganz neue Wirklichkeit umfaßt die Burgers, die sie nur wahrnehmen können mit dem alten, gänzlich fremden Blick. Das Unterwegssein läßt die Familie aber nicht nur mit den Realitäten kollidieren, die seitherigen Erfahrungen ins Leere laufen. Gleichzeitig setzt ein vielschichtiges Reflektieren und Träumen über das ein, was ihnen die alte Heimat, die niemals eine war, nicht geben konnte (und die sich nun auch kaum mehr umdeuten läßt), und was an Brauchbarem in die neue fremde Welt mitgenommen werden kann." (
Wetterauer Zeitung )
"Fabulierlust und Einsichten, Genauigkeit und Groteske machen Hodjaks Roman zu einem faszinierenden Lektüreerlebnis, zu einer Sonde, welche die Vergangenheit Rumäniens und der Stadt Klausenburg ausleuchtet, und vor allem zu einem Höhepunkt mitteleuropäischer Literatur."
(Cornelius Hell
Die Presse (Wien) )
"Diese Prosa zieht den Leser unweigerlich in den Bann ihrer erschreckenden Aufrichtigkeit. [...] Hier schreibt einer, weil er schreiben muß, um sich der Ungewißheiten seines eigenen Lebens zu vergewissern. Sicher: Es ist ein Erzählen gegen die Windmühlen erratischer Erinnerungsblöcke. Gerade deshalb werden wir noch weitere Bücher zum Thema von Hodjak zu erwarten haben. Und das ist gut so."
(Holger Dauer
Der kleine Bund )
" [....] eine dichterische Wucht. [...] Ein Koffer voll Sand ist Hodjaks bisher reifste, zugleich engagierteste und abgeklärteste Arbeit und zeigt den [...] Autor als eine deutsche Ionesco-Variante. [...] Ein Rezensent von Ein Koffer voll Sand, zumal er von diesem Buch wie schon lange von keinem deutschen Buch mehr angetan ist, weiß nicht, welche der unzähligen aus dem Widersinn, dem Nonsens geschöpften exemplarischen und emblematischen Erkenntnissen und Wahrheiten er hier zitieren soll, um seinen Lesern dieses Suhrkamp-Produkt weiterzuempfehlen."
(Michel Raus
d`Lëtzebuerger Land, Luxemburg )
"Bernd Burgers Gedankenwelt ist in vielem verunsichernd. Wer aber Unsicherheit als Voraussetzung für einen offenen Dialog zu schätzen weiß, wird sich freuen, Burgers Bekanntschaft zu machen. [...] Hodjaks Roman handelt von einem inneren Transit. An den Grenzen halten Begriffe Wache: Freiheit, Identität, Heimat. Die Abgabe, die jeder von uns ihnen zu entrichten hat, ist die Bedeutung, die es immer wieder neu zu erfragen gilt. Wer keine Angst vor solch grenzüberschreitendem Denken hat, sollte sich mit dem Koffer voll Sand zu Bernd Burger auf den Balkon setzen." (Barbara Ruhsmann
Die Furche, Wochenzeitung für Gesellschaft, Politik, Religion und Wirtschaft )