Im November 1988 kaufte ich mir dieses Album am Erscheinungstag als LP - und war sofort hellauf begeistert. Der erste Durchlauf dieses für damalige Verhältnisse völlig aus dem Rahmen fallenden Albums gehört zu den magischten meiner Laufbahn als Musikfan.
Die CD kaufte ich einige Jahre später, und auch wenn mich Die Toten Hosen seit mehr als 15 Jahren nicht mehr wirklich hinterm Ofen vorlocken können: "Ein Kleines Bisschen Horrorschau" höre ich auch nach 20 Jahren extrem gerne.
In meinen Augen haben die Hosen auf diesem Album etwas geschafft, was sie später nie wieder so überzeugend hingekriegt haben: die Verbindung von Pathos, Eingängigkeit und Emotionen wie Wut oder Verzweiflung im typischen Hosen-Sound.
Für ihre damaligen Verhältnisse präsentierte sich die Band ungeheuer gereift, das Songwriting war um Welten komplexer, erwachsener und durchdachter als zuvor - und Campinos Texte wesentlich pointierter. Nebenbei finde ich schlichtweg, das seine Stimme hier optimal zu den Liedern und der Thematik passt.
Sehr lebhaft erinnere ich mich daran, dass das Album unter Fans seinerzeit alles andere als unumstritten war... wer den glattgebügelten Schunkelrock des Studiovorgängers "Damenwahl" erwartete wurde (glücklicherweise) bitter enttäuscht, und auch die Tatsache das es hier um ein Konzeptalbum geht war für so manchen Hörer sehr unerwartet. Aber vielleicht ist dies auch das besondere an dem Album. Während die Hosen in meinen Augen in der Folgezeit immer vorhehsehbarer wurden betraten sie mit "Horrorschau" für sie kreatives Neuland, stellten sich Herausforderungen und machten etwas, womit vermutlich kaum jemand gerechnet hätte... und sie machten es großartig!
Vielleicht ist genau das Problem, dass die Hosen in der Folgezeit immer besser wussten, wie sie ein für sie typisches Album mit für sie typischem Sound und typischen Texten zu schreiben haben - für mich resultierte dies in den Folgejahren in immer austauschbareren Werken, die ich zwar unterm Strich nicht schlecht fand, die mich allerdings meistens auch nicht sonderlich umgehauen haben... und die für mich ALLE den Vergleich mit "Horrorschau" nicht standhalten.
"Horrorschau" und die dazugehörige Tour wird oft als der kommerzielle Durchbruch der Hosen bezeichnet - in meinen Augen war es nicht nur das, sondern ihr völliges Zenit. Wer bis dahin nicht erkannt hat welches Potential diese Band hat sah es spätestens dann ein!
Ich glaube, das jede Band so ein Album hat, auf dem ihre besten Trademarks optimal zur Geltung kommen... häufig sind dies die Alben, in denen die Band ihren jeweiligen Horizont drastisch erweitert hat und etwas Unerwartetes getan hat.
Genau dies ist bei den Hosen mit "Horrorschau" geschehen, und ich bezweifele ganz stark, dass Die Toten Hosen sich nochmals in dieser Form befunden haben.
Wie dem auch sei: ein absolut großartiges Werk und sicherlich eines der besten deutschen Rockalben aller Zeiten... und persönlich eine wunderbare Erinnerung.