Yasunari Kawabatas Roman "Ein Kirschbaum im Winter" stellt sich bald nach Beginn der Lektüre als eine Familiengeschichte heraus, in der es durchaus interessante Ereignisse gibt; einen Sog jedoch, aus der man sich als Leser erst befreien kann, wenn man den Roman zu Ende gelesen hat, übt "Ein Kirschbaum im Winter" nicht aus. Im Laufe der Handlung erwartet man als Leser zwar schon, daß der alternde Protagonist Shingo Ogata aus seinem Mikrokosmos zwischen Familie und dem eigenen Altern ausbricht, um etwas zu tun, wodurch er sich wieder jünger fühlen kann - gewisse Momente, in denen er seinen Gedanken nachhängt, deuten dies an - allein, dazu kommt es nicht. Vielmehr wird er in die Probleme seiner eigenen Familie hineingezogen. Obwohl er der "Hausvater" ist, vermag er es allerdings dennoch nicht, die scheiternde Ehe seiner Tochter bzw. die kurz vor dem Scheitern stehende Ehe seines Sohnes, der eine Geliebte hat, zu retten.
Typisch für Kawabata ist auch die Abfolge der mit sinnfälligen Überschriften versehenen Kapitel - zwar bauen diese schon aufeinander auf, aber sie lesen sich andererseits auch wie Episoden aus dem Alltagsleben Shingos. Vielleicht kann sich auch dadurch keine richtige "Spannung" entwickeln.- Dennoch wäre es falsch, das Buch als langweilig abzutun; letztlich sind ja Ereignisse in der eigenen Familie das, was einen oft selbst direkt betrifft und es ist daher durchaus realistisch; darüberhinaus ist der Roman auch eine Darstellung des Alltags einer verhältnismäßig traditionell lebenden japanischen Familie, inklusive Tempelbesuchen, Kirschblüten, Kotatsu-Stövchen, Tatami-Matten und papierbespannten Regentüren im Haus. Dies mag wie eine Verarbeitung typisch japanischer Klischees klingen, ist indessen aber völlig seriös dargestellt, denn es war Kawabata als traditionellem japanischen Autor sicher nicht darum zu tun, dem westlichen Japan-Bild entsprechen zu müssen. Diese Handlungsumgebung zusammen mit dem Verhalten und Denken und Kawabatas niveauvollem Erzählstil üben allerdings durchaus einen Zauber auf den Leser aus, wodurch der Roman auch für Kawabata- und Japan-unkundige Leser interessant wird.