Kurzbeschreibung
War Richelieu ein schöner Mann? Da steht der Mann Gottes, des Königs Erster Minister, schlank, in schenkelhohen Stiefeln und Harnisch und schaut auf die gewaltige Palisadenwand, die er ins Meer hat bauen lassen. Man spürt, dass der Harnisch ihm zusagt und dieser militärische Sieg für die Staatsidee ihn viel mehr interessiert als seine geistlichen Würden. Ein König und sein genialer Minister vor La Rochelle. Dort findet die längste und berühmteste Belagerung der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts statt.
Pierre-Emmanuel de Siorac, Kammerherr und Vetrauter des Königs, erlebt aus unmittelbarer Nähe das Geschehen und übernimmt dank seines guten Englischs manch heikle Mission. Auch in Liebesdingen erfährt er bisher Ungeahntes. Zum ersten Mal in seiner amourösen Laufbahn begegnet er einer Frau, der Marquise de Brézolles, die ihn durch Schönheit und Klugheit so nachhaltig beeindruckt, dass er sie fürs Leben begehrt.
Über den Autor
Auszug aus Ein Kardinal vor La Rochelle von Robert Merle. Copyright © 2002. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Austausch kleiner Höflichkeiten, während wir einander mit der scheinheiligsten
Zurückhaltung musterten. Und als ich an gewissen Zeichen erkannte, daß weder ich noch
Nicolas der Dame mißfielen, wechselte ich von den nichtssagenden Floskeln zu
Komplimenten über, lobte die Schönheit des Schlosses, den reizenden Park, den Geschmack,
mit dem der kleine Salon aufwartete, und schließlich beglückwünschte ich, mit aller
gebotenen Vorsicht, Madame zu ihrer einnehmenden Erscheinung.
Sie errötete bei diesem Aufgebot und hob abwehrend die Hände.
»Graf«, sagte sie, »man sieht, daß Ihr am Hofe lebt, wo die Damen zu Anfang und Ende eines
Besuchs erwarten, daß die Herren sie mit allen möglichen Lobpreisungen überschütten. Aber
ich bin darauf nicht erpicht. Ich bin Witwe, kinderlos, lebe allein auf dem flachen Land und
habe wenig Umgang. Wenn man mir gemeinhin auch ein paar gute Eigenschaften zugesteht,
so könnt Ihr doch nichts dazu sagen, weil Ihr mich noch gar nicht kennt. Darum bitte ich
Euch, redet ganz offen und sagt nur ohne Umschweife, was Ihr wünscht.« Das war nun eine
kleine Abfuhr, aber doch nicht so ganz, denn was sie mit oder ohne Absicht von ihren guten
Eigenschaften gesagt hatte, die mir noch unbekannt seien, konnte man auch so verstehen, daß
sie recht gern wollte, ich lernte sie besser kennen, was sich ja wohl nur im näheren Umgang
miteinander machen ließ. Durch dieses »noch« ermutigt, trug ich leichteren Herzens mein
Anliegen vor: Weil meine Männer und ich in der Zitadelle Saint-Martin-de-Ré hätten
ausharren müssen, seien wir erst nach dem Ende der Belagerung aufs Festland gekommen,
das heißt zu einem Zeitpunkt, als der König und sein Heer schon alle Unterkünfte belegt
hatten. Wir hätten also nirgends ein Quartier gefunden. Und da ich erfuhr, daß die Marquise
de Brézolles beabsichtige, nach Nantes zu gehen, hätte ich gedacht, es käme ihr womöglich
nicht ungelegen, ihr Haus für die Dauer ihrer Abwesenheit an mich zu vermieten. Was
zunächst den Vorteil hätte, daß wir untergebracht wären, sodann aber auch, daß das Schloß
mit einer Garnison belegt wäre, die es vor Plünderung schützen würde. Madame de Brézolles
antwortete nicht gleich, sondern sah mich nachdenklich an, als wäge sie meine
offensichtlichen Tugenden und meine möglichen Untugenden gegeneinander ab. »Graf«,
sagte sie schließlich, »darf ich Euch eine Frage stellen?« »Madame«, sagte ich, »ich stehe zu
Eurer Verfügung.« »Was sind das für Männer, die Dir bei Euch habt? Soldaten?« »Es sind
Schweizer, Madame, die ich gedungen habe und die mir seit langer Zeit dienen, gute,
ehrenwerte Männer, reinlich, wacker und diszipliniert. Wenn nötig, scheuen sie sich auch
nicht, bei Arbeiten auf meinem Gut Orbieu mit Hand anzulegen.« »Kann ich sie sehen,
Graf?« »Selbstverständlich, Madame. Nicolas, würdest du bitte unsere Schweizer vor der
Freitreppe versammeln?« »Ist in einer Minute gemacht, Herr Graf«, sagte Nicolas, der nach
einem flinken Gruß und einer graziösen Reverenz wie ein Pfeil davonschoß. Madame de
Brézolles wandte sich mir lächelnd zu. »Was habt Ihr für einen hübschen Junker, Herr Graf!«
Zuerst biß mich die Eifersucht, dann erfaßte mich eine Besorgnis, denn schließt die Welt von
der Schönheit des Junkers nicht allzu leicht auf die Sitten des Herrn? »Madame«, sagte ich
abweisend, »Nicolas hat gewichtigere Vorzüge. Daß er so gut aussieht, kommt ihm allerdings
sehr zustatten, weil er, wie sein Herr, ein glühender Bewunderer des gentil sesso ist.« »Oh,
das will ich gerne glauben«, sagte Madame de Brézolles und verbarg ihre Erleichterung hinter
einem kleinen Lachen. »Graf«, fuhr sie fort, »seid Ihr verheiratet?« Allewetter! dachte ich,
muß ich jetzt etwa meine ganze. Lebensgeschichte erzählen, damit sie mir ihr Haus vermietet?
»Nein, Madame, ich habe alles mögliche gewagt, nur das nicht.« »Ach!« sagte sie lächelnd,
»so schrecklich ist die Erfahrung doch nicht. Was auch immer geredet wird - es gibt gute
Ehen. Ich, zum Beispiel, hatte einen vortrefflichen Gemahl, dem ich höchstens vorwerfen
könnte, daß ich keine Kinder habe. Kanntet Ihr ihn vielleicht?« fragte sie. »Er war in Herrn
von Schombergs Heer, das die Engländer zwang, sich einzuschiffen, nachdem es sie
gezwungen hatte, die Belagerung der Zitadelle Saint-Martin-de-Ré aufzuheben.« »Es hätte
sein können, Madame. Aber ehrlich gesagt, wir waren nach der langen Belagerung so
geschwächt, daß wir Herrn von Schomberg nur als Nachhut dienen konnten und seine
Offiziere daher nicht kennenlernten.« »Monsieur de Brézolles, müßt Ihr wissen, war im
letzten Kampf in die Hinterbacke getroffen worden. Er wurde verbunden und schnellstens
hierher transportiert«, erzählte sie. »Seine Wunde erschien uns aber harmlos und leicht
heilbar, vor allem, als er noch am Abend seiner Ankunft unbedingt mein Lager beehren
wollte, so daß das ganze Gesinde staunte.« »Wie erfuhr das Gesinde denn das?« »Nun ja«,
sagte sie, indem sie die Augen niederschlug, »Monsieur de Brézolles betrug sich in solchen
Momenten etwas sehr geräuschvoll. Offenbar war es aber höchst unklug von ihm, sich so
heftige Bewegung zuzumuten. Seine Wunde brach auf, das Blut floß in Strömen, und alle
Versuche, es zu stillen, schlugen fehl. Der Arzt war mit seinem Latein am Ende.« Zum Teufel
mit seinem Latein! dachte ich. Mein Vater hätte an seiner Stelle kein Latein gebraucht,
sondern einen guten Knebel, der, richtig gesetzt, das Blut zum Stillstand gebracht hätte. »So
ist er denn gestorben«, sagte Madame de Brézolles, und je eine dicke Träne rollte über ihre
Wangen. Aber nur eine, und nachdem das Naß mit einem Spitzentuch, das sie aus dem Ärmel
zog, getrocknet war, erhob sie sich entschlossen. »Monsieur«, sagte sie, »Eure Schweizer
schmachten an meiner Freitreppe. Erlösen wir sie!«