1948 werden Walter Kempowski, sein Bruder Robert und beider Mutter in der damaligen sowjetischen Besatzungszone wegen Spionage verhaftet. Die Brüder Kempowski haben Frachtbriefe in den Westen weitergegeben um die sowjetische Demontage zu dokumentieren. Sie wurden denunziert und zu 25 Jahren Zuchthaus verurteilt. Mutter Kempowski erhielt wegen Mitwisserschaft - sie hat ihre Söhne nicht angezeigt - 10 Jahre Zwangsarbeit.
In abwechselnden Berichten schildern Mutter und Brüder Kempowski ihre Zeit in sowjetischer und später DDR-Haft. Willkürjustiz, bei der schon bloßer Verdacht zur Verurteilung zu langjährigen Strafen ausreicht, Denunziation, unmenschliche Haftbedingungen, sind die zentralen Themen der ersten Jahre in Gefangenschaft. Unabhängig von Herkunft, gesellschaftlicher Stellung und Intellekt werden die Gefangenen mit politischen Häftlingen, einfachen Arbeitern, Ganoven und Kriminellen über Jahre hinweg weggeschlossen. Kontakt nach Aussen gibt es nicht. Schreiben ist verboten. Allein der Besitz von Schreibutensilien kann zur verschärften Haftbedingungen führen. So bleibt den Gefangenen nichts weiter über, sich mit sich selbst und den anderen Mitgefangenen zu unterhalten.
In den Dialogen der Gefangenen kommen die unterschiedlichen Schicksale der Häftlinge, die verschiedenen Haftgründe und die individuelle Verarbeitung der Haftzeit zum Ausdruck. Was hat diese Personen in dieser Konstellation an diesem Ort zusammengeführt. Gerechtigkeit? Recht? Nein! Die Mehrheit der Inhaftierten war nie in der Lage über ihr Schicksal selbst zu bestimmen. Unter dem Druck einer hysterischen Masse in den Weltkrieg gezwungen, müssen sie nun, nachdem sich die Machtverhältnisse geändert haben, noch dafür büßen. Als Spielball der sich ändernden Weltanschauungen, können sie kaum ihr Schicksal selbst beeinflussen und finden sich damit.
Obwohl sich die Orte nicht ändern und die Protagonisten der Handlungsfähigkeit beraubt sind, bleibt das Buch zu jeder Zeit spannend. In altbewährter Manier vermengt Kempowski seine Berichte mit Zitaten, Wortwitz und allerlei traditionell überlieferten Redewendungen, Lied- und Gedichtversen. Dieser Stil ist gewöhnungsbedürftig, doch er wirkt lebendig und authentisch, so wie die Erlebnisse, die wir aus dieser Zeit von unseren Großeltern hören durften.
"Ein Kapitel für sich" ist ein Teil der so genannten "Deutschen Chronik" und hilft, wie auch die anderen Werke Kempowskis, die Ereignisse des vergangenen Jahrhunderts und die politische Entwicklung in unserer Welt - so wie sie noch heute nachwirkt - zu verstehen.